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"Unterwerfung" Islamist im Elysée

Die einen feiern den Tabubruch eines Freigeists, die anderen werfen Michel Houellebecq vor, islamfeindlicher Hetze die höheren Weihen der Literatur zu verleihen. Die Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo", jetzt von einem Anschlag getroffen, thematisiert das Buch auf ihrem aktuellen Titel.

Michel Houellebecq (Archivfoto) bleibt auch mit seinem neuen Roman ein Grenzgänger. Foto: AFP

Für eine politische Fiktion, die Michel Houellebecq erdacht haben will, ist dieses Schreckensszenario dann doch recht nah an der Realität. So nah, dass der Leser es mit der Angst zu tun bekommt. Und das ist ja auch ganz im Sinne des Erfinders. Er habe Angst machen wollen, hat der 56-jährige Houellebecq gesagt.

„Unterwerfung“, heißt sein neuer Roman. Von Frankreich im Präsidentschaftswahljahr 2022 erzählt er. Und wer sich da weitgehend aus freien Stücken unterwirft, ist die durch die Wirtschaftskrise zermürbte, ihrer Identität weitgehend verlustig gegangene französische Nation.

Die Volksparteien sind zu Randgruppen verkommen. Marine Le Pen, Chefin des rechtspopulistischen Front National, schickt sich an, in den Elysée-Palast einzuziehen. In ihrer Not verbünden sich Sozialisten und Rechtsbürgerliche mit der zweitstärksten Kraft des Landes, der Muslimischen Bruderschaft. Dessen mit Charme und Charisma gesegneter Anführer Ben Abbes gewinnt die Wahlen und macht sich ans islamistische Werk.

Schon bald weht über der Pariser Sorbonne das Banner mit Halbmond und Stern. Saudi-Arabien finanziert dort fortan Forschung und Lehre. Wer nicht konvertiert, muss seinen Hut nehmen. Frauen greifen zum Schleier, kehren an den heimischen Herd zurück. Die Arbeitslosigkeit sinkt, der Wohlstand wächst. Und eine neue gesellschaftliche Identität ist auch gefunden. Eine muslimische eben.

In Zeiten, da in Deutschland Pegida gegen den Islam mobil macht und Frankreichs rechtspopulistischer Front National bei den Europawahlen zur stärksten politischen Kraft geworden ist, kann sich so ein Romanplot geballter Aufmerksamkeit sicher sein. Wenn er aus der Feder des weltweit meistgelesenen französischen Autors der Gegenwart stammt, erst recht. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass noch vor Erscheinen des Werks wahre Stürme der Begeisterung wie auch der Empörung über Frankreich hinwegfegen.

Zwischen Tabubruch und Hetze

Am heutigen Mittwoch kommt die „Unterwerfung“ in die französischen Buchhandlungen, am 16. Januar dann in die deutschen. Doch Frankreichs Intellektuelle sind entschlossen vorgeprescht. Die einen feiern den kühnen Tabubruch eines Freigeists, die anderen werfen dem mit Provokationen noch nie geizenden Autor vor, islamfeindlicher Hetze die höheren Weihen der Literatur zu verleihen.

Der Philosoph Alain Finkielkraut preist die „Unterwerfung“ als „Meisterwerk eines mutigen Autors“. Andere konservative Stimmen wie der „Figaro“ oder „Le Point“ deuten den Roman als überfälligen Aufruf, dem Niedergang des Abendlandes Einhalt zu gebieten. Laurent Joffrin, Chefredakteur der politisch links verorteten „Libération“, bedauert, dass Houellebecq den Ideen des Front National die Anerkennung zuteilwerden lasse, die ihnen die Granden der Literatur bisher vorenthalten hätten.

Aber ob sie dem Goncourt- Preisträger des Jahres 2010 nun applaudieren oder ihn ausbuhen, recht haben die einen wie die anderen. Michel Houellebecq macht es möglich. Alles macht er möglich. Er, der sich das alles doch ausgedacht hat, scheint sich zugleich aus allem herauszuhalten. Lakonische, fast schon platte Sätze liefert er, mit denen er freilich, und das ist sein Genie, wieder einmal instinktsicher den Nerv der französischen Gesellschaft trifft – und den des Lesers.

Was dieser damit macht, welche Schlüsse er aus der ihm prophezeiten Machtergreifung der Islamisten zieht, ist ihm überlassen. Der Schriftsteller begnügt sich damit, ihm sarkastisch lächelnd über die Schulter zu schauen. „Ich beziehe keine Stellung“, sagt er selbst.

Sogar köstlich amüsieren kann man sich über die „Unterwerfung“ – und dies als Muslim. Fateh Kimouche, Gründer der Website für muslimische Information Al-Kanz, fand die Lektüre jedenfalls „äußerst amüsant“. Houellebecq schildert den französischen Gottesstaat ja nicht nur als geistiges Gefängnis, sondern auch als menschliches Gehege, in dem niemand Mangel leidet. Dank der Großzügigkeit saudischer Gönner regnet es Manna vom Himmel. Und auch für die Lust der Lenden ist gesorgt.

Künstler statt Brandstifter

Der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, der Literaturprofessor François, erfreut sich nach dem Übertritt zum Islam eines dreifachen Gehalts und, der Polygamie sei Dank, dreier Frauen. Der neue Direktor der Sorbonne, Robert Rediger, stellt das Glück des Angestellten in einen philosophischen Kontext. Rückhaltlose Unterwerfung erst mache es möglich, versichert er – was freilich schon wieder schaudern lässt.

Houellebecq selbst will sich allein als Künstler sehen, nicht als Brandstifter. Von politischen Dimensionen seines Romans will er nichts wissen. Er lehne den Begriff literarischer Verantwortung ab, hat er gesagt, Romane könnten die Welt nicht verändern. Dabei sind doch gerade in seinem Fall Werk und Wirklichkeit stets aufs Engste miteinander verflochten. Houellebecq und seine Romanhelden sind nur schwer auseinanderzuhalten. Wie so mancher frühere Protagonist scheint auch der Misanthrop François ein Alter Ego des Autors.

Dass Houellebecq seinen Roman in Zeiten wachsender Islamfeindlichkeit nicht als Brandbeschleuniger sehen will, geschweige denn diesen unschädlich zu machen gedenkt, hat Folgen. Am Leser ist es, Schadensbegrenzung zu betreiben. Damit dem Rausch der Lektüre kein Kater folgt, empfiehlt sich ein Abgleich mit der Wirklichkeit. Er fördert zutage, dass die „Unterwerfung“ bei aller Nähe zur Realität in entscheidenden Punkten dann doch erheblich von ihr abweicht.

Wie ihre Glaubensbrüder in der weiten Welt sind Frankreichs Muslime alles andere als eine politisch homogene Gruppe. Eine Partei, die in ihrem Namen politisch mitreden, gar nach der Macht greifen könnte, ist nicht einmal in Ansätzen zu erkennen. Und auch wenn sich die Nation ihrer Identität nicht mehr sicher ist: Dass im Lande der Revolution und der Menschenrechte kollektive Freude an Denkverboten und Unterdrückung der Frauen aufkommen soll, ist ein schlicht aberwitziger Gedanke.

Fragt sich nur, wie viele Leser sich die Mühe des Erinnerns letztlich machen werden.

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