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Ulrike Herrmann: Der Sieg des Kapitals Profit in Mesopotamien

In ihrem Buch "Der Sieg des Kapitals" wirft Ulrike Herrmann den Blick weit zurück. Das ist zuweilen unterhaltsam und lehrreich.

Blick zurück, hier nach Babylon, Mesopotamien. Foto: REUTERS

Wirtschaft ist nicht alles, lautet ein Bonmot, aber ohne Wirtschaft ist alles nichts. Nur: Wie funktioniert Wirtschaft? Hier herrscht Ratlosigkeit: „Auf dem Gebiet, von dem sein Wohlergehen am meisten abhängt, ist das Volk ein Stümper.“ Mit diesem Botho-Strauß-Zitat leitet Ulrike Herrmann ihr neues Buch ein. Mit ihm will sie aus den Stümpern aufgeklärte Bürger machen. Dabei nimmt Herrmann das Ende ihrer Geschichte im Titel vorweg: „Der Sieg des Kapitals“, heißt das Buch. Die Autorin will klären: Was ist Kapital? Und was hat es gewonnen? In ihrer Analyse folgt sie einer keynesianisch inspirierten Analyse, die heute als „links“ gilt, von John Maynard Keynes zu seiner Zeit jedoch als „moderat konservativ“ beschrieben wurde.

Als Historikerin wirft Herrmann einen langen Blick zurück in die Geschichte. Damit stellt sie sich gegen viele Ökonomen, die die heutige Art zu produzieren als „ewig“ behandeln, als „Wirtschaft an sich“. Dagegen hält die für die „tageszeitung“ tätige Autorin fest: „Da der Kapitalismus historisch entstanden ist, lässt er sich nur verstehen, wenn man seine Geschichte kennt.“ Bei ihrer Erklärung von Geld, Kredit, Profit und Spekulation geht sie daher zurück bis nach Mesopotamien und ins antike Rom.

Das ist zuweilen unterhaltsam und lehrreich. Stark wird das Buch aber dort, wo es nicht historisch argumentiert, sondern begrifflich. Etwa, wenn Herrmann klarstellt, dass die heutige Wirtschaftsform mit „Marktwirtschaft“ nicht korrekt benannt ist: Zwar „klingt Marktwirtschaft kuschelig“. Doch „der Begriff Kapitalismus hat den Vorteil, dass er präzise beschreibt, was die heutige Wirtschaftsform auszeichnet: Es geht um den Einsatz von Kapital mit dem Ziel, hinterher noch mehr Kapital zu besitzen.

„Es handelt sich um einen Prozess, der exponentielles Wachstum erzeugt. Genau dieser zentrale Zusammenhang geht bei dem Begriff Marktwirtschaft verloren. Auf Märkten wird mit Äquivalenten gehandelt. Doch wie soll aus dem Tausch gleichwertiger Güter ein Prozess entstehen, der zu dauerhaften Wachstum führt? Das bleibt unerklärlich.“

Dem Begriff des Marktes setzt Herrmann den Begriff des Kapitals entgegen, das über Investitionen vermehrt wird. Es ist diese permanente Bewegung der Vermehrung, die das System antreibt. In diesem System herrscht laut Herrmann kein schrankenloser Wettbewerb. „Wenige Großkonzerne beherrschen den Markt.“ Und das schon lange: Von den Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex „stammen fast alle aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg“. Diese Konzerne bewirtschaften den Markt und machen aus ihm „eine Art Planwirtschaft“.

Und der Staat plant mit. Denn der Markt ist kein selbstregulierendes System, dem der Staat quasi aufgepfropft wird. Vielmehr ist ein Markt ohne Staat gar nicht möglich. Nicht einmal ein stabiles Geld kann der Markt aus sich heraus schaffen. Auf diese Weise widerlegt Herrmann einige Glaubenssätze der Liberalen und erklärt nebenher, warum Schulden und Inflation notwendig sind und warum Krisen keine Betriebsunfälle darstellen, sondern regelmäßig wiederkehren.

Die Autorin belegt ihre Argumente mit Zahlen und Fakten. In ihrem Bedürfnis, gängige Irrtümer aufzuklären, schlägt sie zuweilen jedoch über die Stränge: In ihrer Darstellung ist Inflation nie schlecht, Schulden sind nie ein Problem, einen Markt gibt es eigentlich gar nicht und Löhne können gar nicht hoch genug sein. Das ist zu einfach. Zudem hat sie sich mit der Erklärung des großen Ganzen auf nur 280 Seiten viel vorgenommen. Als Resultat ist ihre Argumentation zuweilen sprunghaft und zu kurz, ganze Denkschulen versucht sie mit ein paar Sätzen zu erschlagen. Das dürfte ihre Gegner kaum überzeugen.

Für den Laien aber gibt sie einen guten Überblick über Wirtschaft und Krisen. Zwar sind viele ihrer Positionen angreifbar. Aber sie nimmt die nötige Gegenposition zur herrschenden Lehre ein und zeigt, dass die Welt nicht so einfach ist, wie sie Ökonomen und Politiker uns erklären.

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