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ULRICH SONNENSCHEIN Trapper, Hippies...

T.C. Boyle erinnert sich noch sehr gut an die Sechziger - zu unserem Vergnügen

26.11.2003 00:11

Die Zeiten, da T.C. Boyle ein literarischer Popstar werden wollte, sind vorbei. Schon lange kümmert er sich nicht mehr darum, ob er dem Publikum eine gute Show liefert oder ob es ihm, wie er es einst prophezeite, inzwischen tatsächlich Bierdosen an den Kopf wirft. Es geht nicht mehr um Unterhaltung im Sinne des Rock'n'Roll, sondern um die zynisch in Gold gerahmte Utopie, die zwar noch an der Wand hängt, aber nur noch als selbstironisches Zitat aus einer anderen Zeit. T.C. Boyle ist hart geworden, unerbittlich hart. Glücklicherweise aber sind es eher seine Figuren, die das zu spüren bekommen. Der Leser kann sich retten auf die Insel der wohltuenden Distanz.

Spätestens seit Schluß mit cool, der letzten Sammlung desillusionierender Geschichten, hat T.C. Boyle sich gewandelt. Nicht dass die früheren Romane - World's End, Grün ist die Hoffnung oder Wassermusik - von einer naiv-idealistischen Sichtweise geprägt gewesen wären, nein, die Romantik eines Popsongs lag ihm schon immer fern. Sein Lieblingsthema ist damals wie heute das beispielhaft grandiose Scheitern im Kleinen, der Zerfall einer wie auch immer vorgegebenen Ordnung und das Verschwinden der letzten heilsbringenden Hoffnungen. Aber er gestaltete dies mit einem warmen Humor, einer Art einfühlsamen Identifikation, die immer wieder zu nahezu pathetischen Umarmungen führte.

Die Einfühlsamkeit ist nun einer klaren Analyse und der Humor einem zynischen Grinsen gewichen, und das ist um so erstaunlicher, als er jetzt zu einem Thema kommt, das viel mehr mit ihm und seiner Generation zu tun hat, als die Afrika-Expedition in Wassermusik, die Gesundheitsklinik im Reiche Kellogg in Willkommen in Wellville oder das Einwandererdrama in America.

Drop City ist der Roman einer gescheiterten Bewegung. Wir schreiben die frühen siebziger Jahre, das Desaster von Altamond ist bereits geschehen und Woodstock noch zu jung, um ein Mythos zu sein. Die Hippies sind, mehr oder weniger geduldet, auf eine Farm in den Bergen um San Francisco ausgewichen und halten krampfhaft an dem ultimativen Gleichheitsprinzip fest. Als "Sommerlager ohne Aufsicht" beschreibt T.C. Boyle diese Komune mit dem bezeichnenden Namen "Drop City". Tatsächlich aber ist nichts mehr mehr zu spüren von den großen Idealen. Schon nach wenigen Seiten wird ein vierzehnjähriges Mädchen vergewaltigt, ein Fünfjähriger trinkt einen mit LSD versetzten Orangensaft und der Sheriff droht mit Räumung. Denn das selbstbestimmte freie Leben ist zu einer dreckigen Alternative verkommen, die nur die Sozialhilfe noch am Leben erhält. Die Kanalisation quillt über, auf den Wiesen stapelt sich der Müll und die Tiefkühlpizza verschimmelt unter den Vorräten. Das schlimmste aber ist: Die Frauen haben inzwischen begriffen, dass die Idee von freier Liebe "nichts als die Erfindung von irgendeinem Freak mit Pickeln und widerlich fettigem Haar" war, der sonst "einfach niemanden zum Vögeln" gefunden hätte.

Aggression, Hass und Eifersucht macht sich breit in "Drop City". Doch bevor sich die Gruppe in alle Winde zerstreut, unternimmt Norm, eine Art Jerry Garcia für Melancholiker und Besitzer der Farm, einen letzten Rettungsversuch. Er schafft die ganze Meute rauf nach Alaska, wo er von seinem Onkel eine kleine Hütte geerbt hat.

Damit sind die zwei gegenläufigen Stränge, die jeden Roman T.C. Boyles bestimmen, etabliert. Doch so drastisch wie hier hat er den Unterschied der Lebensrealitäten selten gestaltet. Die Trapper in Alaska, die allein darin den Hippies ähnlich sind, dass auch ihr Leben fern ab aller Offizialkultur nur den Grundbedürfnissen verpflichtet ist, haben wenig Verständnis für den bunten Bus mit lauter Musik und den müden, bekifften Gestalten, der eines Tages in die letzte Bastion der Zivilisation einrollt. Für die Kinder der Überschussgesellschaft, die aus der heilen Welt ihrer Eltern weggelaufen sind, riecht all das nach Freiheit und Abenteuer, nach einem mystischen Einklang mit der Natur. Doch die Natur in Alaska ist ein Monster und das fordert seine Opfer.

Indem T.C. Boyle die beiden Handlungsstränge der Trapper und Hippies nebeneinander führt, gelingt ihm ein wirklich treffender Roman über die so genannte Gegenkultur der sechziger Jahre. Man merkt, dass er immer mehr zwischen seinen Figuren steht als über ihnen und kann die manchmal zynische Sichtweise auch deshalb verstehen und schätzen, weil sie nie denunziatorisch wird. Das Scheitern der Utopie ist kein Ergebnis moralischer gesellschaftlicher Verantwortung, sondern ein nahezu natürlicher Prozess. Die Drop Outs hatten sich aus der Gesellschaft zurückgezogen, blieben aber in vielem von ihr abhängig. Und mit dem halbherzigen Inseldasein kam notwendigerweise der Untergang. Erst an den wahren Rändern der Gesellschaft, dort, wo die Bedingungen über kurz oder lang ohnehin jeden Unterschied verschwinden lassen, ist diese Form von Freiheit lebbar. Allerdings zu einem sehr hohen Preis.

Drop City ist natürlich auch ein Roman eines enttäuschten Hippies. Doch nicht nur. Es fehlt ihm dazu vor allem an Naivität, an festen Glauben an die utopische Glückseligkeit und schließlich an Humor. Die Ernsthaftigkeit aber, mit der Boyle diese Gegenkultur schildert, die er in- und auswendig kennt, rettet das Niveau. Nicht Pop, sondern Kunst, schneidend scharf, aber voll feinem Hintersinn, der sich auftut, wenn man die oberflächliche Spannung erstmal überwunden hat. T.C. Boyle kann beides - analysieren und unterhalten. Er kann kraftvoll fabulieren, in Metaphern und Vergleichen schwelgen, den Leser zum Lachen und zum Weinen bringen und dabei mühelos zu den verborgenen Schichten vordringen. Nicht immer war der Erkenntnismehrwert so deutlich wie bei diesem Roman. "Wer sich an die Sechziger erinnert," sagte Paul Kantner von Jefferson Airplane einmal, "der war nicht wirklich dabei." Drop City ist der Gegenbeweis.

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