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ULRICH RüDENAUER Traumzerstörungspassage

Unter lauter Gefangenen: Julia Franck erzählt simple Storys aus deutsch-deutscher Zeit

08.10.2003 00:10

"Da es nicht mehr der Körper ist, ist es die Seele" - auf die Seele, so beschrieb es Michel Foucault, richtet sich das strafende System, nachdem der Körper als Objekt der Drangsalierung ausgedient hat. Die Strafe dringt in die Tiefe - "auf das Herz, das Denken, den Willen, die Anlagen". Die Seele sei Effekt und Instrument einer politischen Anatomie.

Als Nelly Senff Ende der siebziger Jahre zusammen mit ihren Kindern die DDR Richtung Bundesrepublik verlässt, lässt sich nachvollziehen, was mit Seelenpein gemeint sein könnte: "Mitkommen", sagt der Beamte, greift Nelly am Oberarm, und in einer Baracke, wohin sie geführt wird, tut sich ein langer Flur auf. Nelly Senff wird in einen Raum geführt und verhört. Warum sie die Deutsche Demokratische Republik verlassen möchte, will man trotz ihres genehmigten Ausreiseantrags einmal mehr wissen. Sie wird über ihre Tätigkeit als Chemikerin befragt, und dass sich ihr Name gar nicht jüdisch anhöre, vermerken die korrekten Beamten Ost ebenfalls. Vor diesen muss sie sich schließlich nackt ausziehen; sie wird untersucht, eine Leibesvisitation, als wollte man in ihr Inneres vordringen. Die schikanösen Mittel zielen darauf, die Ausreisewilligen mürbe zu machen, sie in einem Zustand des Dazwischen festzusetzen. Sie nicht loszulassen, auch wenn der andere und ersehnte Ort schon nahe vor Augen steht.

Nelly Senff gelangt schließlich mit ihren beiden Kindern in das Aufnahmelager Marienfelde in Berlin West - ein provisorischer Ort für provisorische Menschen. Die 33-jährige Berliner Autorin Julia Franck, die in den siebziger Jahren mit ihren Eltern denselben Weg von Ost nach West gegangen ist wie ihre Heldin Nelly Senff, kennt dieses Lager aus eigener Anschauung. Dass ihr neuer Roman Lagerfeuer aber kein autobiografischer Bericht, sondern eine literarische Spurensuche in einem Niemandsland ist, sollte gleich positiv vermerkt werden: Die Autorin verteilt das Erfahrene - die Enge, die Angst, das Vakuum, die Kommunikationslosigkeit - auf verschiedene Figuren und lässt ein kleines, intensives Episodendrama entstehen. Eine Lebenspassage wird da beschrieben, die wie der endlose Flur in der Baracke der DDR-Grenzstation wirkt: Als würde sie nie enden, als würde die Zeit stillstehen. Fast hat man den Eindruck, als gebe es nur diesen Durchgangsort und das Außen ausschließlich als undenkbare Welt, die manchmal ihre aufdringlich hilfsbereiten oder zynischen Abgesandten ins Innere des abgeschlossenen Schleusenraumes schickt. Als sei ein Leben draußen für die Insassen schon nicht mehr vorstellbar - nicht mehr das der Vergangenheit, schon gar nicht jenes, das sie in Zukunft führen könnten. Der Zwischenort Lager ist eine Traumzerstörungspassage.

Vielleicht, so denkt man sich im Lauf der Lektüre, haben die Figuren noch nicht einmal richtig von der Freiheit träumen können. Vielleicht hatten sie nur eine diffuse Vorstellung davon, weg zu müssen, und ihre latent immer vorhandene Desillusionierung ist nichts, was sie in Marienfelde erst ereilt hätte. Da gibt es etwa Hans Pischke, der sich gewiss ist, nur als Zugabe für einen wichtigen Dissidenten ausgetauscht worden zu sein, und der schließlich noch zu Unrecht als Stasi-Spitzel denunziert wird. Im Lager reproduziert sich das System der Verdächtigungen und Verfolgungen; in der bedrängenden Beengtheit baut sich Nähe erst gar nicht auf. Nelly Senff flieht vor ihrer Vergangenheit, dem Tod des Vaters ihrer Kinder. Und die Polin Krystyna, eine Altruistin aus Verzweiflung, möchte ihren Bruder von dessen Krebserkrankung befreien, gerät dadurch aber nur in ein anderes Gefängnis. Selbst der amerikanische Geheimdienstler, der bezeichnenderweise den Namen Bird trägt, von außen in diese Sphäre eindringt und sich auf ein kurzes Abenteuer mit Nelly einlässt, bleibt wie ein Gefangener in seine einstudierten Wahrnehmungsmuster verstrickt. Dass die Kinder von Nelly sich um einen verletzten Raben kümmern, ist da fast zu viel der Symbolik: ein Käfig, überall. Im Hintergrund läuft dazu, wo und wann immer ein Radio angeschaltet wird, als Soundtrack die 78er-Disko-Vertreibungsschnulze "By the Rivers of Babylon" von Boney M.

Körpererfahrungen aber machen all diese Seelengepeinigten durchaus auch: der viel zu klein geratene Pischke etwa, der verprügelt wird; der vom Krebs zerfressene Jerzy, der Bruder der dicken, vom Vater verlachten Krystyna, für den das Lager zur Todespassage wird; oder Nelly Senff selbst, die ein Arzt beim Grenzübertritt malträtiert: "Er bastelte etwas in mir, er fügte etwas ein und machte mich zur Hülle seiner Bastelei. Nicht gehen ließen sie mich." Die Verwundung der Körper ist das Resultat einer anderen Folter; das Unglück ist den Figuren als Hin- und Hergerissene einer politischen und gesellschaftlichen Anspannung immer schon eingraben.

Julia Franck gelingt es mit einer schmucklosen, manchmal fast glatten, aber umso eindringlicheren Sprache der Ausweglosigkeit dieser Beschädigten beängstigend nahe zu kommen: Es ist, als habe sie gerade mit ihrem bisher in brüchigen Liebesgeschichten erprobten Tonfall die passenden Zwischentöne für diesen Nichtort gefunden - leise und zertrümmernd zugleich. Es ist eine seltsame sprachliche Gefasstheit für einen eigentlich unfassbaren Zustand. Das Buch, simple Storys aus einer vergangenen deutsch-deutschen Zeit, hat aber durchaus auch seine schwächeren Szenen: etwa das lange Verhör Nellys beim amerikanischen Geheimdienst, das plakativ und wie aus grauen Akten abgepaust wirkt. Dass mit Lagerfeuer jedoch etwas erzählt wird, das weit über die momentan modische Ridikülisierung und Nostalgisierung der DDR-Wirklichkeit hinausgeht, macht Eindruck.

Was es mit dem Lagerfeuer, von dem der Titel spricht, auf sich hat, lässt sich ganz am Ende erahnen: In den Figuren scheint etwas unlöschbar in Brand zu geraten - es brennt eben nicht nur der Tannenbaum bei einer fast schon absurd anmutenden Weihnachtsfeier. Warm ums Herz wird es einem dabei allerdings nicht - denn von verklärender Romantik oder Wehmut findet sich bei diesem "Lagerfeuer" keine Spur.

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