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Übersetzung Don Qujiote in neuem Sprachgewand

Übersetzerin Susanne Lange hat den Klassiker Don Quijote neu übersetzt. Im FR-Interview spricht sie über Don Quijote als Melancholiker, Witzfigur und Zeitgenossen, über das Glück der Wortfindung und über einen traurigen Irrtum.

15.04.2016 17:40
Ulrich Seidler
Tuschezeichnung "Don Quijote" von Pablo Picasso von 1955.
Tuschezeichnung "Don Quijote" von Pablo Picasso von 1955. Foto: akg-images GmbH (akg-images/AKG320065)

Frau Lange, Ihre „Don Quijote“-Neuübersetzung überbrückt spielend vier Jahrhunderte. Aber wie lange wird diese Brücke halten?
Oh, das ist nicht an mir, das zu sagen. Ich denke, dass Übersetzungen nicht zwangsläufig veralten. Natürlich verändert sich die Sprache, aber es kommt immer darauf an, ob man an einem Werk sprachlich etwas Neues zu entdecken hat. Dann lohnt sich so eine Neuübersetzung. Je intensiver man sich dabei mit den sprachlichen Aspekten auseinandersetzt, desto umfassender kann so eine Übersetzung sein, und desto länger überdauert sie.

Die Haltbarkeit scheint bei „Don Quijote“ ziemlich schnell abzulaufen. Wie viele deutsche Übersetzungen gibt es denn schon?
Viele. Sie lassen sich schlecht zählen. Manche sind nur Bearbeitungen von vorherigen Übersetzungen. Oder von französischen Vorlagen. Man kommt vielleicht auf 20 bis 25 mehr oder weniger eigenständige Übersetzungen. Aber einige haben lange gehalten, Tieck seit 1800. Meiner Ansicht nach lag bei den bisherigen Übersetzungen der Akzent nicht so sehr auf der sprachlichen Dimension. Manche konzentrieren sich auf das Satirische, manche mehr auf das Idealistische, und wer weiß, ob in Zukunft jemand versuchen wird, Cervantes zu modernisieren. Alles legitime Ansätze, aber mein Bestreben war, ein sprachlich umfassendes Bild von dem Werk zu geben, damit man auch an die Übersetzung mit den verschiedensten Interpretationsansätzen herangehen kann. Und damit die Figuren nicht leichter auszuloten sind, auch sprachlich nicht leichter auszuloten als im Original. So können sie die Leser längere Zeit beschäftigen, und die Übersetzung muss nicht mit ihrer Zeit vergehen.

Gibt es bei so einer Großtat einen Moment der Berufung?
Ich bin Literaturwissenschaftlerin und beschäftigte mich mit spanischer, vor allem lateinamerikanischer Literatur. Weil das Buch in diesem Gebiet ständig zitiert wird und das, worum es bei diesen Zitaten eigentlich geht, sich in den alten Übersetzungen gar nicht fassen ließ, war das schon ein wiederkehrender Gedanke, dass der „Don Quijote“ neu übersetzt werden müsste. Dass ich diejenige sein soll, kam mir dabei nicht in den Sinn. Bis mich der Verlag fragte.

Haben Sie mit der Zusage gezögert?
Natürlich hat mich das am Anfang erst einmal erschreckt, weil ich ja auch keine Expertin für diese Zeit war, damals. Ich wollte erst mal ein bisschen hineinübersetzen, um zu sehen, wie mir das liegt. Ziemlich schnell wurde mir klar, was das für ein El Dorado für einen Übersetzer ist. Der dritte Protagonist in diesem Bunde neben Don Quijote und Sancho Panza ist die Sprache selbst. Was sich in diesem Buch auf sprachlicher Ebene alles abspielt und entwickelt, ist viel spannender als die Abenteuer selbst, mit denen sich Cervantes auch längst nicht so lange aufhält wie mit den Dialogen. Da bieten sich derart viele sprachliche Gestaltungsmöglichkeiten, dass mir ziemlich schnell klar wurde, dass ich davon nicht mehr loskomme. Und dann habe ich losgelegt.

Aus Ihrem Nachwort spricht eine geradezu unersättliche Lust, sich in die sprachlichen Facetten, die Sprachspiele, Mehrdeutigkeiten, Stimmlagen, Gattungsspezifika hineinzuarbeiten. Wenn man sich fünf Jahre lang mit einem Buch beschäftigt, gibt es da auch dunkle Momente der Verzweiflung und der Angst zu scheitern?
Ich muss gestehen, dass es eine einzige Lust war. Klar, bei den Widmungsgedichten am Anfang des Buches, denkt man doch, das ist ganz schön entfernt, weil es Anspielungen auf längst vergessene Zeitgenossen gibt, die man eigentlich nicht retten kann. Was mich getragen hat, abgesehen davon, dass es ein ungeheuer vergnügliches Buch ist, war die Gelegenheit, zurückzugehen und meine eigene Sprache zu erforschen und in der deutschsprachigen Literatur vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart Begriffe aufzugabeln, die wie für den „Don Quijote“ geschaffen schienen. Wenn man so lange mit einem Thema beschäftigt ist, dann fliegen einem irgendwann die passenden Lösungen für die vertracktesten Anspielungen und Mehrdeutigkeiten zu.

Machen wir einmal ein Beispiel: Das berühmte Attribut im Untertitel des Romans lautet im Original „ingenioso“. Wie lange haben Sie überlegt, bis Sie den Edelmann Quijote „geistvoll“ nannten und nicht, wie Tieck „scharfsinnig“ oder wie Braunfels „sinnreich“?
Ich hatte die erste Version fertig, bis ich eine Entscheidung getroffen habe. Denn dieser neue Titel zeichnet Don Quijote aus und gibt dem Ganzen von Anfang an eine bestimmte Richtung. Und ich wollte wegkommen von Don Quijote als einem Spinner, der sich in seine Fantasien verrennt. Er ist ja auch ein Melancholiker, der sich über die Welt Gedanken macht und vielleicht auch ein bewusstes Spiel mit ihr treibt, indem er ihr seine Fantasien auch aufzwingen will. Das geht nicht nur um Sinn- und Einfallsreichtum …

Sie meinen, dass er eigentlich wusste, dass es Windmühlen sind, gegen die er kämpfte?
Man weiß nie, ob er tatsächlich der Verrücktheit anheimgefallen ist, oder ob er sich nicht bewusst dafür entschieden hat. Das wollte ich in der Schwebe lassen, so wie es Cervantes in der Schwebe lässt. Ich wollte weg von der Witzfigur, zu der die Aufklärung ihn gemacht hat, und weg auch von dem versponnenen Idealisten, den die Romantiker in Don Quijote sehen wollten. Er spielt mit seinen Zuhörern. Er weiß genau, wann er in die Gegenwart und wann er in seine Ritterwelt wechseln muss. Er spielt sein Spiel und weiß auch um seine Wirkung auf andere. Das macht ihn zu einer so modernen Figur. Und wenn man ihn von Anfang an ironisch als „sinnreich“ oder „scharfsinnig“ abstempelt, verliert er diese Dimensionen. Um die Ritterbegeisterung und das Spiel von Don Quijote als Leser nachvollziehen zu können, muss man auch die Gelegenheit bekommen, mit ihm zusammen in aller Würde darin einzutauchen, ohne den Abstand der Ironie oder der Parodie.

Wir könnten jetzt weiter über dieses eine Wort ingenioso sprechen, in dem etymologisch auch das Genie und der Ingenieur mitklingen, das in anderen Zusammenhängen auch arglistig bedeutet oder neudeutsch: tricky. Wie viel man falsch machen kann! Was waren die Lieblingspatzer, die Sie bei Ihren Vorgängern gefunden haben?
Na ja Patzer … Tieck hat mal einen Ort in der Mancha ans Meer verlegt, aber wegen der Patzer habe ich mich nicht an die Arbeit gemacht, die sind ja am leichtesten zu beheben und machen eine Übersetzung als Gesamtwerk noch nicht hinfällig. Man erfindet ja das Rad nicht neu und baut durchaus auf dem auf, was die Vorübersetzer unter ganz anderen Bedingungen geleistet haben, mit ganz anderen Mitteln, als sie mir zur Verfügung stehen. Es wurde tendenziell ein bisschen von oben herab übersetzt: „Unser armer Ritter“ und der vulgäre Sancho.

Cervantes selber hat während der Arbeit immer mehr Achtung für seine Figuren bekommen …
Ich glaube, Cervantes wusste zu Beginn noch nicht, dass er einen so mächtigen Roman schreibt, sondern wollte eigentlich nur eine Novelle verfassen. Der Kern des Ganzen ist eine Novelle, die er ins Unermessliche auswachsen ließ. Aber seine etwas hochmütige Haltung gegen Don Quijote hat er ziemlich schnell abgelegt.

Nicht nur Ihre Übersetzer-Vorgänger, sondern auch Cervantes selbst hat Fehler gemacht. Wie geht man damit um?
Cervantes hat Fehler gemacht, aber er hat auch einen Roman konstruiert, der solche Fehler nicht nur aushält, sondern durch sie sogar bereichert wird. Sie gehören zum Spiel. Der Autor macht seine Irrtümer später selbst zum Thema. Wenn in einem Moment der Helm von Don Quijote zerschlagen wird, und in der nächsten Szene hat er ihn wieder unversehrt auf dem Kopf – das hält die Struktur des Romans aus. Denn die Wirklichkeit des Romans schafft sich Don Quijote ja durch seine Vorstellungskraft. Und wenn es zu solcherlei Abweichungen und Widersprüchen kommt, sind eben die hinderlichen Zauberer im Spiel.

Hat Cervantes die Fehler absichtlich eingebaut?
Wer weiß, aber auf jeden Fall hat er mit ihnen gespielt. Da gibt es die Geschichte mit dem Esel, da kann man gar nicht mehr recht nachvollziehen, wem dieser Fehler unterlaufen ist: Sancho verliert erst seinen Esel, trauert dann um ihn, und ein paar Seiten später reitet er wieder auf ihm. In der zweiten Auflage wollte das Cervantes wohl revidieren und hat eine Erklärung eingefügt, aber an der falschen Stelle. Manche Übersetzer wollten das stillschweigend verbessern. Der Aufklärer Friedrich Bertuch, der als erster den Roman vollständig übersetzt hat, der lässt Sancho lieber gleich konsequent zu Fuß gehen. Wer das korrigiert, hat aber im zweiten Teil des Romans ein Problem, wenn Don Quijote und Sancho Panza, die den ersten Teil gelesen haben und sich darüber unterhalten, auch das Esel-Problem besprechen. Sancho gibt die Schuld dem Drucker. Solche Fehler muss man als Übersetzer mitmachen, sonst ist der Witz weg. Den Freiheiten, die sich Cervantes nimmt, muss man als Übersetzer genau folgen.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen nach der fünfjährigen Arbeit der Abschied von Don Quijote und Sancho Panza nicht leicht gefallen ist.
Ja, traurig war es, aber sie haben mich nie ganz verlassen.

Ist Ihnen auch Cervantes bei der Arbeit mit seiner Sprache näher gerückt?
Natürlich. Ich möchte ihm gern Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Spanier haben ihn ja tendenziell enteignet, indem sie sagen, „Don Quijote“ war ein Zufallstreffer, über dessen Tragweite sich Cervantes nicht im Klaren war. Ich finde, das ist ein trauriger Irrtum. Die Genauigkeit und Raffinesse, mit denen Cervantes die Figuren zeichnet, ist ein Beleg dafür, dass ihm die Tiefe seines Romans, die seinen Zeitgenossen vielleicht verborgen blieb, sehr bewusst war.

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