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Überm gewölbten Himmel

Dietrich Steinwede und Dietmar Först untersuchen "Jenseitsmythen der Menschheit"

29.03.2005 00:03
MARICA BODROžIC

Bücher gehören zum Luftkreis des Himmels. Für den Propheten Jesaja muss dies jedenfalls das Zentrum der Wahrheit sein, was Schriftsteller und Leser gleichermaßen freuen dürfte. Ein Engel habe mit ihm geredet und ihm "Bücher" gezeigt. Alles sei in ihnen verzeichnet. In fast allen Jenseitsmythen der Menschheit sind der Himmel und die Welt des Geistes Mittler und Hüter dieses Lebensbuches. Oberstes Gesetz ist stets die Befreiung aus der Kerkerhaft des begrenzten Körpers, den der Mensch zwar braucht, der ihm jedoch bei seiner seelischen Verwirklichung hinderlich ist.

Die Mythenforscher Dietrich Steinwede und Dietmar Först haben sich in ihrem Buch Die Jenseitsmythen der Menschheit auf die Suche nach Bildern einzelner Kulturen und Völker begeben. Sie haben u.a. die Urgründe Mesopotamiens untersucht, das Alte Ägypten, Griechenland, Rom sowie die Nordgermanen, iranische, indonesische, tibetische Mythen beleuchtet. Alle Jenseitsvorstellungen werden mit lesenswerten Textbeispielen untermalt und heben jenes geistige Prinzip hervor, das Goethe in seinem West-Östlichen Diwan als "das Höhere Waltende" beschrieben hat. Die Vergegenwärtigung von Ovids Metamorphosen zeitigt die beruhigende Vorstellung menschlicher Seelen "als Sterne", die sich bei Cicero und Platon ebenso finden lässt.

"Die Winke der Götter" werden mehr und mehr ins Menscheninnere verlegt. Die Weltenarchive schreiben sich von selbst in dieses unsichtbare Gebiet ein, das gemeinhin nicht nur als "Schönheit" ästhetischer, sondern auch selbstverantwortlicher Natur zu verstehen ist. Die "Bilderrede" von der zukünftigen Welt, beispielhaft in der Henoch-Apokalypse, führt sich auf das "Buch" zurück. Der große Heilige, "der Herr der Herrlichkeiten" ist jener, vor dem die Bücher des Lebens aufgeschlagen werden. "Und das Gericht beginnt", sagt einmal der Erzengel Michael. Das Gericht besteht also darin, dass gelesen wird. Gott, ein Lesender! Eine beruhigende Vorstellung, wenn man bedenkt, wie lange das qualvolle Erbe von Schuld und Sünde die Menschen bedrängt hatte. Mit einem Leser aber lässt es sich reden. Wer das Alphabet beherrscht, ist für Interpretationen offen.

Das reine Herz

Die muslimische Darstellung vom Paradies zeigt das Jenseitige durchaus mit hiesigen Mitteln, vornehmlich mit der Natur. Vogelgesang und blühende Obstbäume, neben denen Mädchen auf Kamelen einander die Hände reichen oder Blumensträuße entgegenhalten, wie dies die aus dem 15. Jahrhundert stammende osmanische Handschrift veranschaulicht, zu sehen in der Bibliothèque Nationale von Paris. Das mystische Element der Vergebung, Vereinigung oder des Friedens sind auch bei Aurelius Augustinus im Hier und Jetzt verortet: "Freuen dürfen sich alle, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen."

Dieser Verweis des Augustinus auf die Seligpreisung von Matthäus bestimmt auch von Grund auf das Werk Dante Alighieris. Seine Paradiesvision gipfelt im Rückbezug des einzelnen Menschen auf sich selbst. Wie spielerisch die Selbstschau erlangt werden kann, zeigt der hier erstmals abgedruckte Jenseitsmythos der Kamaiurá aus Brasilien. Die himmlischen Schmetterlinge verwandeln sich in einen "Blütenesser-Kolibri". Der Tod ist für sie ein notwendiger Mitspieler, ein Bewohner des Lebensbuches. Dass er ein ungefährlicher Kamerad sein kann, erfährt der Leser ausgerechnet durch eine Erzählung aus Amerika, in der von zwei rebellischen Embryos berichtet wird, die den Mutterbauch nicht verlassen wollen. "Wir haben keine andere Wahl", sagt schließlich einer der beiden, "aber vielleicht gibt es ein Leben nach der Geburt."

Wie literarisch das Leben ist, zeigt dieses kluge Buch, indem es die "gewölbten Himmel des Himmels" durchwandert und zum Glück wieder beim Menschen ankommt, dem es - den Schmetterlingen sei gedankt - nicht erspart wird, sich selbst zu erleben.

Dietrich Steinwede/ Dietmar Först: "Die Jenseitsmythen der Menschheit." Patmos Verlag, Düsseldorf 2005, 160 Seiten, 19,90 Euro.

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