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Überforderung durch Triebstau

Ein jeder Ehebruch ziehet vorüber: Martin Walsers neuer Roman "Der Augenblick der Liebe" ist eine Wiedersehensparty mit bekannten Namen, Figuren und Motiven

23.07.2004 00:07
URSULA MÄRZ
Martin Walser will zu Rowohlt wechseln
Kränkungserfahren, kränkungsbereit: Martin Walser hat wieder einmal den Betrug ins Zentrum des ehelichen Trieblebens gestellt, diesmal mit Hilfe des Philosophen La Mettrie. Foto: dpa

Was für ein Wiedersehen! Da wäre zunächst Herr Gottlieb Zürn, den wir aus den Romanen Das Schwanenhaus und Die Jagd kennen, aus einer Schaffenszeit Martin Walsers, die gut zwanzig Jahre zurückliegt. Zürn, als Bewohner eines Anwesens am Bodensee und als Vater von vier Töchtern ein knapp verhüllendes Alter Ego seines Erfinders Walser, lebt nach wie von der Immobilienmaklerei seiner tüchtigen Frau, ist außerdem Privatgelehrter und neigt nach wie vor zur permanenten Seelenschwankung zwischen Kläglichkeit und feindschaftsbildendem Furor. Wütender Nihilismus, gesteigerter Befreiungsdrang von jeder Art Norm und kulturell-moralischer Vereinbarung kommen neuerdings dazu. Dann wäre da Beate Gutbrod. Wir kennen sie als (Phantasie-)Figur der saturnischen Erlöserin, die unter anderem im Roman Tod eines Kritikers auftaucht.

Beate Gutbrod ist vier Jahrzehnte jünger als Zürn. Sie hat eine Doktorandenstelle am Philosophie-Department der Universität von North Carolina in Chapell Hill und promoviert über den französischen Arzt und Philosophen Julien Offray de La Mettrie. Auch Zürn schrieb vor Jahren zwei Aufsätze über La Mettrie. Deshalb sitzt Beate Gutbrod eines Tages auf Zürns Terrasse am Bodensee. Worte, Blicke, erste erotische Flämmchen gehen hin und her, Zürns Ehefrau Anna sitzt auch dabei: Es ist die Ausgangsszene des neuen Romans von Martin Walser und die Ausgangslage der Romanhandlung.

Dieses Setting kennen wir aus der literarischen Walser-Werkstatt natürlich erst recht. Dann wäre da die Amerikareise des Protagonisten. Kennen wir. Zuletzt aus Meßmers Reisen. Gottlieb Zürn und Beate Gutbrod steigern sich - so der narrative Hergang - über ein dreiviertel Jahr hinweg in eine transatlantische, aus Briefen und Telefonaten bestehende Affäre, die sich in der zweiten Romanhälfte konkretisiert. Zürn fährt in die USA, als Referent eines kalifornischen La-Mettrie-Kongresses. Apropos USA: Dass dort der geheime Antipode dieses Romans zu Hause ist, Philipp Roth, der in seinen beiden letzten Büchern ebenfalls über ein durch vier Lebensjahrzehnte getrenntes Paar schrieb und die Antipodenrolle bereits in Tod eines Kritikers einnahm - wir wissen es.

La Mettrie, steh uns bei

Was sich im Bett zwischen Beate Gutbrod und Gottlieb Zürn abspielt - wir ahnen es. Bei der Darstellung der Schnittmenge von Wollust und Hanswurstiade ist Walser seit je verlässlich. Was sich dann auf dem Kongress selbst abspielt, wo Zürn während seines Vortrags von einem selbstzensierenden Stimmbandversagen heimgesucht wird - das kennen wir, und wie. Denn in Zürns Auftritt feiert die Hauptszene der Walser'schen Skandalchronik, die Paulskirchenrede, ein anheimelndes Comeback. Zürn spricht über Schuldmoral, über Schuldgefühl, diese Zumutung der christlich-jüdischen Tradition und handelt sich die reflexhafte Empörung des Publikums ein. Er sieht sich als "deutschen Schuldleugner" stigmatisiert und missverstanden. Er begreift, dass ein Deutscher immer und überall in erster Linie ein historisch belasteter Deutscher zu sein hat und erst in zweiter Linie Mensch. Wem dieser Gedankengang neu ist, hat bis gestern den Namen Martin Walser noch nie gehört.

Eingeladen zur Wiedersehensparty seines Romans hat Walser auch den jüdischen Doktor Freud (Beate Gutbrod und ihre amerikanischen Kollegen sind fleißige Analysanden), über dessen Kopf hinweg Walser der Antisemitismus-Debatte zuzwinkert. Schon seltsam, wie sich hier ein tiefes Unbehagen an der Kultur mit tiefem narzisstischem Behagen an der eigenen kulturellen Rolle paart. Ja, ein seltsames, etwas schwindelerregendes Erlebnis bietet die Lektüre des Augenblicks der Liebe insgesamt. Seite um Seite empfindet man sich weniger als Besucher eines produktiv-autonomen Romankunstwerks denn als Besucher eines regressiv-mimetischen Legolandes der Walser-Welt, die ja beileibe nicht nur aus Literatur besteht, sondern die turbulente Szenerie des Öffentlichkeitsphänomens Walser einschließt. Walser hat, streng betrachtet, keinen neuen Roman geschrieben. Er hat eine Vitrine bestückt, die einem Roman ähnlich sieht. Wir sehen hier den Schriftsteller als Dekorateur seiner selbst, und das in dem ersten Buch, das er nicht mehr bei seinem Haus- und Heimatverlag Suhrkamp, sondern bei Rowohlt veröffentlicht.

Verstanden werden möchte Der Augenblick der Liebe indes als philosophischer Roman mit starkem Traktatanteil. Für diesen verpflichtet Walser eben La Mettrie, einen Zeitgenossen des 18. Jahrhunderts, geschmäht, verfolgt im Heimatland, dem er in den Schutz Friedrich II. entfloh. La Mettries Schriften (Die Kunst, Wollust zu empfinden, Über das Glück oder das höchste Gut. Anti-Seneca, Der Mensch als Maschine) erhitzt der Autor zum einen als Treibhaus für die sexuellen Phantasien der jungen Frau Gutbrod und des alten Herrn Zürn. Und er aktiviert diese Schriften als Stellvertreterkommentar seiner persönlichen, polemischen, häretischen Weltsicht. Anti-Monotheismus ("ich brauche keinen Mastergott"), Anti-Moralismus und schierer Zorn auf die Verbotsdoktrin bilden den Kern dieser Weltsicht. Von La Mettrie leihen sich Walser und Zürn, der als Gelehrter unter dem Pseudonym Wendelin Krall auftritt, auch den philosophischen Gegenvorschlag: einen spiritualisierten Naturmaterialismus vorchristlicher Prägung, der nichts ausschließt, nichts verbietet, der jeden Triebimpuls zulässt und - hier befinden wir uns hautnah am Walser'schen Privattrotz - keinen Gedankenimpuls zensiert. Wir sehen den 77jährigen deutschen Schriftsteller Martin Walser im unbefriedbaren Ödipalkampf gegen jedwede Zwänge von Schuld, Schuld-gefühl, kultureller Ordnungsvereinbarung und autoritärer Ordnungsinstanz.

Anna, Beate, Anna, Beate, Anna...

Verstanden werden will Der Augenblick der Liebe zudem als lebensphilophische Auseinandersetzung. Denn es zieht Herrn Zürn nicht einfach nur hin zu Beate, der Frau mit dem sprechenden Vornamen. Es zieht ihn aus dem Bett, wo Beate Gutbrod in der Tat viel dummes Zeug redet und einen nervenden Hang zu Überfall und sexueller Belagerung entwickelt; es zieht Zürn ziemlich bald wieder zurück zu Ehefrau Anna. Von der freien Liebschaft in die bürgerliche Gewohnheitsbahn der Ehe: das übliche Hin und Her also. Hin und Her auch zwischen La Mettrie und (ganz am Ende) Pascal, dem Philosophen der religiösen Kehre.

In der letzten Szene des Romans unternimmt das Ehepaar Zürn einen trauten Segelausflug auf dem Bodensee. Weil Gottlieb Zürn zu Pascal und mit Pascal zur frommen Alterswürde gefunden hat? Oder schlichtweg, weil der Erzähler, wie oft bei Walser auf die Kunst der Narration den geringsten Ehrgeiz verwendend, seine Geschichte in den Groschenroman segeln lässt? Just als Zürn entschlossen ist, noch einmal dem Beatetrieb zu folgen und ein zweites Mal nach Amerika aufzubrechen, kommt von dort ein Brief an den Bodensee, der Beate Gutbrods Vermählung mitteilt. Es ist einer von vielen albernen Einfällen dieses Buches, das seinen Spaß an Blödelei, Kolportage, sketchhaften Auftritten und Szenen auch keineswegs kaschiert. Die gehobene Gesellschaftsblödelei war schließlich immer eine gewisse Stärke Walsers.

Nur: In diesem Buch ist Albernheit gleichsam strukturell. Wer je einen albernen Kicheranfall hatte, weiß, dass dieser, im Unterschied zum Witz und zur Humorerzählung, keinen Anlass, keinen Gegenstand, das heißt: keine Erfindung braucht. Albernheit ergibt sich unendlich aus sich selbst und kann endlos weitergehen. Sie ist anarchisch, aber unproduktiv. Die Albernheit dieses Romans, in dem letztlich nichts anderes vonstatten geht als eine Selbstumarmung Martin Walsers, ist ein Resultat des narzisstischen Legoland-Charakters, der dem Roman eignet.

Von einem anderen Philosophen, von Immanuel Kant, stammt die Aussage: "Albern ist derjenige, der beständig faselt". Das umschreibt den seit je bestehenden Vorbehalt gegen Walsers ins Formlose, Entgrenzte gehendes, ökonomisch und geschmacklich oft desorientiertes Schreibtemperament. Dessen Rhetorik findet sich hier wieder. Das alles zu sagen ist schlimm. Denn dieses Buch ist nicht nur so oder so misslungen. Es ist genau genommen überflüssig.

Und das ist nicht undramatisch. Denn Martin Walser steht an der Schwelle zum hohen Alter. Mit Recht erwartet die Gesellschaft von einer solchen öffentlichen, intellektuellen Persönlichkeit die Statur der geistigen Autorität. Und gerade nicht dieses diffus antiautoritäre ich-will-alles-sagen-und-denken-dürfen-wie-ich-es-authentisch-ureigen-fühle-Gefuchtel. Die Bundesrepublik entbehrt repräsentationsfähiger, autoritätsfähiger intellektueller Figuren. Aber sie kultiviert das Gegenteil: die Figur im ewig unfertigen Entwicklungsstadium, das, anhaltend bis zur Weißhaarigkeit und darüber hinaus, zwangsläufig ins Schauspiel der Regression und der Albernheit übergeht. Insofern ist Martin Walser, unser kränkungserfahrenster und kränkungsbereitester Schriftsteller, eben doch ein typischer Vertreter der Bundesrepublik; beharrend auf den Wonnen der adoleszenten Suche. Ziehen wir einmal das philosophische Bruttogewicht von seinem neuen Roman ab und verengen den Blick aufs Netto. Dann sehen wir vor uns das Alterswerk eines Schriftstellers, der sich, als hätte er's gerade entdeckt, mit den männlichen Schwierigkeiten des Sichgehenlassens beim Oralsex befasst. Das ist so fürchterlich wie banal.

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