Über sich und andere nachdenken

Zum Tod des Schriftstellers Peter Härtling, der Generationen von Leserinnen und Lesern eine Grundversorgung bietet

Peter Härtling
Ihn einen unermüdlichen zu nennen, ist unbefriedigend: Peter Härtling Fotograf: dpa

Das eigene Leben und die Lektüre der Bücher von Peter Härtling dürften heutzutage eng zusammengehören. Das ist vielleicht kein massenweises, aber sicher auch kein individuelles Phänomen. Als Kind lernte man mit „Ben und Anna“ die Liebe kennen und ihre ungewissen Aussichten, mit „Das war der Hirbel“ die Fährnisse eines krassen Andersseins, das sich leicht auf alle möglichen Situationen übertragen ließ. Aber auch konkret war ein Junge ohne Eltern und mit einer Hirnschädigung, ein sehr seltsamer Junge, der sehr schlecht zurechtkommt, auch wenn ihm das nicht bewusst ist.

Wer als Kind „Das war der Hirbel“ liest, wird niemals einer Gruppe aus dem Behindertenheim Sachen nachrufen können wie: Euch haben sie wohl vergessen. Die, die das riefen, in den siebziger Jahren, waren keine saudummen Nachgeborenen, sondern alte Leute. Die, die „Das war der Hirbel“ gelesen hatten, schimpften jetzt aber zurück, das können Sie glauben. Peter Härtling, der Kinderbuchautor, bereitete die Generation seiner Kinder und Enkel auf das Leben vor und darauf, wie man sich das Leben anderer Menschen vorstellen kann. Sein 2016 erschienenes Buch „Djadi, Flüchtlingsjunge“ spricht dafür, dass es noch mindestens eine weitere Generation lang so bleiben könnte.

Als Teenager lernte man mit „Hölderlin“ die große weite Welt der Verzweiflung und des Künstlertums kennen und die Gegend um Nürtingen bei dieser Gelegenheit auch. Peter Härtling, der selbst so uneitel war, dass uns kaum ein freundlicherer und entspannterer Schriftsteller einfallen will, etablierte die moderne Künstlerbiografie in Romanform durch Einfühlung und durch ständige Offenlegung dieser Einfühlung sowie der zugehörigen Schreibstrategien über Jahrzehnte und in immer neuen Varianten. Von den romantischen Dichtern, für die er auch Menschen interessieren kann, die noch keine Zeile vom Original gelesen haben, kam er zu den Komponisten, früh Mozart, später Schubert, Schumann, Mendelssohn Bartholdy, zuletzt, 2015, noch Verdi.

Denn als Erwachsener wurde man weiterhin verlässlich versorgt mit Büchern aller Art, auch mit Lyrik, die am Anfang seines langen und extrem produktiven Schriftstellerlebens stand, zunehmend auch mit autobiografisch gefärbten oder unverblümt autobiografischen Texten. Das begann schon, 1966 und chiffriert, mit „Janek – Porträt einer Erinnerung“ und bekam eine erschütternde Deutlichkeit, 1990, in „Herzwand“. Hier erzählte Härtling ohne Camouflage und ohne Rührseligkeit von seiner Kindheit, vom Suizid der Mutter. „Herzwand“ ist ein kluges, mit offenem Herzen geschriebenes Buch, geradezu buchstäblich mit offenem Herzen – Härtling hielt seine Leser in den späteren Jahren über seinen prekären Gesundheitszustand auf dem Laufenden, aber auf ganz ungewöhnliche Weise, klaglos, als unmanierierter, interessierter Beobachter seiner selbst.

Peter Härtling einen Unermüdlichen zu nennen, ist unbefriedigend, weil es dafür zu viele Unermüdliche gibt. Als Verlage noch regelmäßig in Tageszeitungen Anzeigen schalteten, konnte man immer darüber staunen, mit was für schonungslosen Reihen von Lesungsterminen das Erscheinen eines neuen Härtling-Buches begleitet war. Härtling ernährte als Schriftsteller über Jahrzehnte eine wachsende Familie, mehr als 70 Bücher veröffentlichte er.

1933 kam Peter Härtling in Chemnitz zur Welt, verbrachte die Kriegsjahre in Olmütz in Mähren und kam mit Mutter und weiteren Verwandten 1946 in den Westen. Dass der Vater 1945 in russischer Gefangenschaft umgekommen war, erfuhr die Mutter, als die kleine Familie das schwäbische Nürtingen erreicht hatte, und nahm sich das Leben. Härtling wuchs bei Verwandten auf und brach das Gymnasium ab – im Streit mit immer noch nationalsozialistischen Lehrern, was bei Härtling nie zu Bitterkeit führte, aber zu einem scharfen, skeptischen Blick auf die Dinge und ihre angebliche Selbstverständlichkeit. „Ich glaubte keinem. Nur Büchern“, gab er Jahrzehnte später zu Protokoll, und: „Schreiben ist für mich immer auch Antwort auf das Schweigen meiner Vätergeneration.“

Der junge Mann jobbte ein bisschen und volontierte dann bei der „Nürtinger Zeitung“. Der journalistischen folgte die Verlagszeit bei S. Fischer in Frankfurt, wo er als Lektor und in bewegten Zeiten ab 1968 als Sprecher der Geschäftsleitung tätig war. 1973 machte er sich als Schriftsteller selbstständig. Härtling engagierte sich politisch, sozial und ökologisch in einer Phase, in der diese Dinge für viele noch untrennbar zusammengehörten. Als Bewohner von Mörfelden-Walldorf geriet besonders das Desaster um den Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen in seinen Blick, dessen Folgen auch für die politische Hygiene der Gesellschaft – ein „Trümmerfeld der Landesdemokratie“ – ihm früh klar war, Härtling, dem Zeitgenossen und Zeitenbeobachter.

Härtling schrieb bis zum Schluss

Und hätte man nie eine Zeile von Peter Härtling gelesen – was aber ganz unwahrscheinlich ist –, hätte man als Hörer des Hessischen Rundfunks durch die Radiosendung „Literatur im Kreuzverhör“ vielleicht dennoch den Leser Härtling kennengelernt. Erst 2015 fand nach vierzig Jahren – in der Buchhandlung Schutt in Frankfurt-Bornheim – die letzte Sendung dieses ebenso einfachen wie hinreißenden und tatsächlich immer auch weiterführenden Ratespiels statt.

Härtling schrieb aber weiter, schrieb bis zum Schluss, trat seltener auf, schrieb und schrieb. In dem schönen, gar nicht müden Erzählungsband „Tage mit Echo“, zum 80. Geburtstag 2013 erschienen, lässt er einen gleichaltrigen Schauspieler eine Lesetour mit „Letzten Büchern“ planen. Zu seiner Frau sagt der Schauspieler: „Wenn ich es bedenke, sind wir die beste Besetzung für ein letztes Buch. Wir müssen nur aufpassen, nicht aus dem letzten Kapitel zu fallen.“ – „Manchmal sagst du Sätze, die ich aufschreiben möchte“, sagt seine Frau.

Peter Härtling gewann viele Preise und bekam von der Universität Gießen den Ehrendoktor verliehen. 17 deutsche Schulen sind nach ihm benannt, wie man liest, als sollte es am Ende doch noch eine höhere Gerechtigkeit geben. Am Montag ist der Schriftsteller im Alter von 83 Jahren in Rüsselsheim gestorben, nach kurzer schwerer Krankheit, wie sein Verlag Kiepenheuer & Witsch mitteilt.