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Über Literatur schreiben Zehn Thesen für den alten Fritzen

Benutzt Gottfried Benn zu viele Fremdwörter? Zum Stand und zum Umgang mit der Gegenwartsliteratur.

1 Die Welt ist voller weiser Gedanken, die geglückt formuliert sind. Hat es was genützt? Womöglich liegt das Problem nicht im Mangel von Texten, sondern in Defiziten bei deren Wahrnehmung. Vielleicht ist das immer so gewesen. Vielleicht aber ist die Welt an einem ganz neuen evolutionären Punkt angelangt.

2 Als ich einmal in einer Gesellschaft von Berufsliteraten einen Text vorgelesen habe, in dem es um den Untergang der Schriftkultur geht und unter anderem heißt: „Zwei Wege laufen parallel (oder auseinander): Verfeinerung und Vereinfachung. ... Es wird irgendwann (wahrscheinlich bald) so aussehen: Die einen werden Bilder anschauen, die anderen werden lesen (allerdings nicht zum ersten Mal in der Geschichte: Man denke an die comicartigen Darstellungen von Szenen aus der Bibel oder von historischen Ereignissen, auf mittelalterlichen Wandmalereien, an den Rändern von Altären oder auf Gobelins, für diejenigen gemacht, die nicht lesen können)“ – fühlten sich alle persönlich beleidigt und begannen, die Bilder zu verteidigen.

3 In seinem neuesten Essayband schreibt Thomas Hettche: „Es gibt eine tiefe Sehnsucht der Leser nach Entlastung, Entlastung von Kunstfertigkeit, Klugheit, Differenzierung und Reflexion, auch von Bildung, und zwar sowohl von der, die man hat, wie auch von jener, die einem fehlt.“ Ja. Es gibt sie, diese Sehnsucht:

4 In einem Blog beschwert sich jemand, der sich als Journalist und Autor bezeichnet, dass Gottfried Benns Gedichte Begriffe wie „Asphodeles“ und „Proserpina“ enthalten, so dass der Leser „schon ein Fremdwörterbuch zur Hand nehmen“ müsse, um sie „überhaupt zu verstehen“. Die Schlussfolgerung: „Gottfried Benn mag sicherlich als bedeutender Schriftsteller und Lyriker gelten. Bei einer Literatur, die einen solchen Arbeitsaufwand erfordert, um sie überhaupt zu verstehen, bleibt schon die Frage, ob sich die Lektüre überhaupt lohnt.“ Mein Lieber, sein Sie munter, sie lohnt sich nicht. Ihnen ist nicht mehr zu helfen.

5 Wenn man nach alter Gewohnheit „Mainstream“ sagt, bedeutet das heute nichts mehr. Was ist ein ästhetischer Mainstream, gegen welchen man polemisieren könnte? Es herrscht eine ästhetische Indifferenz. Man betrachtet Literatur fast ausschließlich inhaltlich: Welche Stories und Botschaften sie vermittelt.

6 Zufrieden mit sich selbst und mit den anderen äußert man höchst richtige Überzeugungen und erzählt höchst lehrreiche Geschichten. Das ist ein Alptraum, der wahr geworden ist.

7 Kollektive Fragestellungen und kollektive Überzeugungen sind immer in ihrem Kern falsch. Das einzige, was die Literatur einem Leser schuldig ist: seinen individuellen Menschen aus dem Kerker des kollektiven Menschen zu befreien. Aber falsche Fragestellungen, wie zum Beispiel die nach der Rolle der Autoren mit Migrationshintergrund, oder Versuche, Probleme der Gegenwart mit der Nacherzählung der Nachrichten zu lösen (in voller Überzeugung, dass das „politisch zu sein“ bedeute), lenken die Literatur von ihrer eigentlichen Aufgabe ab: von der sprachlichen Arbeit, ohne die der Mensch aufhört, sich und die Welt, wenn auch unzulänglich, aber irgendwie doch zu begreifen.

8 Interessant und schade ist es, dass die Germanistik und die Literatur selbst sich nur selten begegnen. Es gibt allerdings unter Germanisten kluge Köpfe. Folgende Aussage des Literaturwissenschaftlers Helmut J. Schneider würde jedem gut tun, der sich mit Literatur befasst, insbesondere einem Literaturkritiker: „Kunst und Dichtung spiegeln nicht — wie spezifisch man auch die Weise der Spiegelung auffassen mag — historisch-gesellschaftliche Sachverhalte wider; die Kunstwerke sind selbst historische Ereignisse aus eigenem Ursprung.“

9 Gefahr zu ersticken am Plastikmüll der Medien. Die Frage ist, ob das nicht schon immer so war (wer oder was auch immer die Rolle der „Medien“ gespielt hat). Das ist wohl sehr wahrscheinlich. Aber auch die Umwelt war schon immer vom Menschen bedroht. Irgendwann ist das Maß aber voll.

10 Diese Probleme teilen alle, egal ob sie die Welt einsprachig oder mehrsprachig betrachten, ob sie in dem Dorf sterben werden, in dem sie geboren wurden, oder am anderen Ende der Welt.

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