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Über das Böse Abgrund Mensch

Kein Anlass für schlaflose Nächte? So sieht der englische Literaturwissenschaftler Terry Eagleton das Böse. Der Schweizer Journalist Eugen Sorg dagegen sieht die Lust am Bösen überall am Werk. Zwei ganz unterschiedliche Bücher.

31.03.2011 18:12
Oliver Pfohlmann
Das Böse ist unabschaffbar. Foto: dpa

Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben, lässt Goethe seinen Mephisto spotten. Und da ohne den Glauben an einen Teufel Amokläufer und Völkermord, Serienkiller und Despoten erklärungsbedürftig sind, erfreut sich das Böse anhaltender publizistischer Beliebtheit. Die jüngsten Deutungsversuche könnten unterschiedlicher nicht sein: Während der Schweizer Journalist Eugen Sorg überall eine genuine Lust am Bösen am Werke sieht, hält der englische Literaturwissenschaftler Terry Eagleton das Böse für ein eher seltenes Phänomen: „kein Anlass für schlaflose Nächte.“

„Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht“: Dieses Woyzeck-Wort Georg Büchners kommt einem in den Sinn angesichts all der Monster in Menschengestalt, die Sorg präsentiert: Ein Lagerkommandant auf dem Balkan, der sich in einer ehemaligen Strumpffabrik zum Herrn über Leben und Tod aufschwang; ein Krankenpfleger in Luzern, der stets pfeifend aus den Zimmern kam, in denen er sechs Jahre lang unentdeckt Heiminsassen mit Frotteetüchern erstickte; fünf Schweizer Berufsschüler, die im Sommer 2009 auf einer Klassenfahrt „ein bisschen Spaß“ haben wollten und deshalb Münchner Passanten halbtot schlugen; und nicht zu vergessen jener freundliche katholische Priester in Ruanda, der verzweifelten Tutsis in seiner Kirche Zuflucht bot, nur um gleich einen Trupp Macheten schwingender Hutus herbeizurufen.

Pessimist aus gutem Grund

Sorg hat als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz auf dem Balkan, später als Reporter in Kriegsgebieten wie Afghanistan, Somalia oder Liberia genug Gräuel gesehen, um zum Pessimisten zu werden. Das Böse, sagt Sorg, „ist nicht heilbar, nicht umerziehbar, nicht wegfinanzierbar. Es ist die Bedingung der menschlichen Freiheit, und man kann es nur abschaffen, wenn man den Menschen abschafft.“ Sein Essay ist ein Einspruch gegen den grassierenden Dauer-Psychologismus, der Gewalttaten durch traumatische Kindheiten, sozioökonomische Umstände oder nationalistische oder religiöse Ideen entschuldigt und damit dem Menschen jede Verantwortung für sein Tun abspricht. Böse Taten können eine Lustquelle auch für jene sein, die wie jene Berufsschüler aus intakten Familien stammen. Und Nationalismus? Für Sorg steht fest: „Die meisten Menschen berauschen sich nicht an Ideen, sondern sie benutzen Ideen, um ihren Rausch zu legitimieren.“

Sorgs Polemiken gegen den Glauben, dass Diplomatie, Sozialarbeit oder Entwicklungshilfe etwas ausrichten können, sehen allerdings Boulevardparolen zum Verwechseln ähnlich. Unsere Gesellschaft verharmlose das Böse, behauptet der Journalist: Sind denn die Medien nicht voll mit den Gadaffis, Josef Fritzls und Mohammed Attas dieser Welt? Befinden wir uns denn nicht im Daueralarm vor Terroranschlägen? Letztere sind Sorgs größte Sorge, und hier wird sein im Februar erschienenes Buch zu einem von der Weltgeschichte überholten Ärgernis.

Denn für diesen ,Panikmacher’ ist der Islam (unter Berufung auf Elias Canetti) eine „Kriegsreligion“. Die Völker im Nahen Osten mit ihrer gewalttätigen Mentalität verehrten mehrheitlich Osama bin Laden, und aus dem Hinweis, dass die islamischen Länder von Diktatoren in Schach gehalten werden, muss man folgern, dass der Autor darüber nicht unglücklich ist. Respektive war.

Langweilig, weil ohne Leben

„Wenn wir Terrorismus als böse definieren, verschärfen wir das Problem“, warnt dagegen Terry Eagleton. Nach dem Vorbild des Nordirland-Konflikts müsse auch gegenüber dem Islamismus die Tür zum Dialog offen bleiben. Großartig, wie er gleich in seinem Eingangskapitel gängige Argumentations- und Redeweisen in Politik und Medien in Wittgensteinscher Manier zerpflückt. Für ihn ist die heutige Zeit regelrecht besessen vom Bösen. So banal empfinden wir unser Dasein, dass wir die Welt mit Heerscharen fiktiver Schurken bevölkern. Dabei sei das wahre Böse, so Eagleton, ausgesprochen „langweilig, weil es ohne Leben ist“. Und die Hölle sei bestimmt „kein Schauplatz ursprünglicher Obszönitäten. Wäre sie es, sollten wir uns vielleicht alle um einen Platz in ihr bemühen. Doch leider ist die Hölle ein Ort, wo wir von einem Mann in Anorak in jedes Detail des Abwassersystems von South Dakota eingeweiht werden.“ Immerhin findet auch Eagleton das Phänomen interessant genug, um ihm ein Buch zu widmen.

Als Marxist, Psychoanalytiker und Katholik ist Eagleton ein intellektuelles Chamäleon, zuletzt erschien von ihm ein wundervolles Büchlein über den „Sinn des Lebens“. Mit seinem neuen will er dem politischen Missbrauch („Achse des Bösen“) den Begriff entziehen, indem er ihn neu bestimmt und von der viel häufigeren „Schlechtigkeit“ unterscheidet. Wer etwa aus Profitgier Menschenleben riskiert, handelt schlecht, aber nicht böse, denn das Böse ist „absolut zwecklos. Etwas so Triviales wie ein Zweck würde seine tödliche Reinheit beflecken. Insofern ähnelt das Böse Gott, der, sollte es sich erweisen, dass es ihn gibt, absolut keinen Grund dafür hätte.“ Da es sich gegen das Sein als solches wende, sei das Böse letztlich ein metaphysisches Phänomen.

Kosmisches Schmollen

Eagletons neuer Streifzug durch Literatur und Philosophie ist wie immer mit viel Ironie und Sarkasmus gewürzt, trotzdem will sich das Lesevergnügen diesmal nicht so recht einstellen. Das Böse, so das Ergebnis, habe seinen Ursprung im Freudschen Todestrieb, den Eagleton mit der katholischen Erbsünde identifiziert: Wer böse ist, leidet unter einem „Nichtsein im Kern des eigenen Selbst“, einer „schmerzlichen Leere“, die ein „Vorgeschmack des eigenen Todes“ ist und gewaltsam nach außen gewendet wird, um sich Erleichterung zu verschaffen. Um der eigenen Sterblichkeit zu entfliehen, vernichtet man andere, aus einer Art „kosmischem Schmollen“ heraus. „Die Bösen sind diejenigen, denen es an der Kunst zu leben fehlt.“

Eagletons enge Definition erklärt das Böse zum Sonderfall. Sein Paradebeispiel ist, wen wundert’s, Hitler. Aber war dieser wirklich böse im Sinne Eagletons? Ja, behauptet Eagleton, weil der Holocaust „überhaupt keinen praktischen Zweck“ hatte, anders als die Massenmorde eines Stalin oder Mao, die politisch motiviert und also „nur“ schlecht waren. Holocaust-Forscher dürften sich die Haare raufen.

Wie wenig hilfreich diese Neudefinition ist, zeigt Eagletons Stufenpyramide der Schuld, mit Hitler als Hauptschuldigem an der Spitze, während die Helfershelfer am Fuß „kaum als böse zu bezeichnen sind“. Diesbezüglich erscheint einem der Empiriker Eugen Sorg, der in den Schergen dieser Welt keine bloßen Befehlsempfänger, sondern allzu willige Vollstrecker sieht, doch überzeugender.

Terry Eagleton: Das Böse. A. d. Engl. v. Hainer Kober. Ullstein Verlag 2011, 224 Seiten, 18 Euro.

Eugen Sorg: Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist. Nagel & Kimche 2011, 160 S., 14,90 Euro.

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