Lade Inhalte...

Turbofolk Die Geschichte von Dieselaschi und Sponsorusche

Das Balkan-Drama anhand seines Soundtracks: Sonja Vogels anregende Studie „Turbofolk“.

Ceca Raznatovic
Ceca Raznatovic 2005 in Skopje. Foto: ROBERT ATANASOVSKI (AFP)

Ein orientalischer Triller jubelt auf und verendet im Körperschauer. Die Sängerin windet sich im bodenlangen Glitzerkleid. Männer mit Sonnenbrille und Schulterpolster hämmern harte Rhythmen. Angekommen ist der „Turbofolk“ vom Balkan in der internationalen Popkultur erst in den letzten Jahren und in seiner ironischen Variante – etwa in der grotesken Gestalt von Jelena Karleuša mit ihren schlecht sitzenden Goldpaillettenkostümen und den grellen Lippen, die, wenn sie nicht wirklich aufgespritzt sind, dann doch wenigstens so aussehen sollen.

Aber es ist nicht einfach Spott und Ironie. Der Jugo-Pop lässt sich mit großem Erfolg beim Wort und vor allem beim Triller nehmen, wie ein schmales, aber aufschlussreiches Buch beweist. Ohne Moralin und frei von Überheblichkeit führt Sonja Vogel durch vierzig Jahre Balkan-Drama anhand dessen Soundtracks. Im Mittelpunkt stehen drei Frauenfiguren, drei Stars aus dreien der rasch wechselnden Pop-Generationen.

Vor Jelena Karleuša, Jahrgang 1978, waren das die fünf Jahre jüngere Ceca und die außerhalb des Balkans weniger bekannte Lepa („die schöne“) Brena, geboren 1960. Während Karleuša es in das amerikanische Fashion-Magazin „W“ schaffte, brachte es Ceca in den neunziger Jahren und kurz danach in die internationalen Nachrichten. Sie galt als die weibliche Ikone der Milosevic-Ära. 1995 heiratete sie – in einem natürlich symbolisch aufgeladenen Akt – ihr männliches Gegenstück, den Berufsverbrecher und Freischärlerführer Arkan. Ihre Popularität ist unvermindert und strahlt auch tief in Feindesland aus.

Folk steht in der Musikrichtung, die Ende der achtziger Jahre entstand, für die immer enger werdende Heimat im früheren Jugoslawien, vor allem in Serbien. Turbo meint (in den treffenden Worten des serbisch-amerikanischen Kulturhistorikers Srdjan Jovanovic Weiss) die „perverse Beschleunigung bis zum vorhersehbaren Crash“ – der dann ja bald eintrat.

Mit besonderer Hingabe und Präzision widmet sich Vogel den wechselnden Frauen- und Männerbildern und deren Brüchen Ende der achtziger Jahre und Anfang des neuen Jahrtausends. Zur Glanzzeit des Turbofolk unterscheiden sich die Geschlechter extrem. Die Männer sind, nach dem Jeans-Label, die „Dieselaschi“: stark, aggressiv, brutal, selbstverliebt, stumpf, treulos und, wenigstens gegenüber der Frau, auch feige. Die Frauen verzweifeln an ihnen, sie trauern, aber sie fügen sich. Ihre Stärke liegt darin, sich selbst besiegt zu haben. In der Unterwerfung müssen sie leiden, können aber auch profitieren: Als kalte „Sponsorusche“, die sich von ihren Goldkettchen-Mafiosi ihrerseits teure Glitzerklamotten schenken lassen.

Zu Zeiten der Lepa Brena, der „letzten Jugoslawin“, war alles anders. Die aus Bosnien stammende Sängerin mit der dunklen Stimme trug ihre ungekämmte Mähne mit Selbstbewusstsein. Für die Ironie in ihren Vorstellungen waren die Männer zuständig, schlunzige, etwas schusselige Typen im Wifebeater, die gern einen Schluck aus der Pulle nehmen und immer alles falsch machen. Vogel deutet Lepa Brena als Verkörperung des Mädchens vom Lande, das in die Stadt zieht und sich dort frei fühlen darf.

Stadt und Land, das ist neben Mann und Frau der andere Gegensatz, der in der damals noch politisch beaufsichtigten Popkultur symbolisch verhandelt wird. E-Gitarre, Schlagzeug und Akkordeon übertönen jetzt die traditionellen Zupf- und Streichinstrumente. Schon in den siebziger Jahren hatte die „neukomponierte Volksmusik“ die dörflichen Gusla-Klänge verdrängt wie die regionale Umgangssprache den Dialekt.

Die jugoslawische Popmusik, die damals entstand, wurde bald als trivial und „unauthentisch“ kritisiert; in der Ablehnung des „orientalischen Geheules“ erkennt Vogel im Nachhinein die nationalen Affekte aus dem Norden und Westen des Landes.

Anhaben konnte die Kritik dem Jugo-Pop aber nichts. Wie die „neukomponierte Volksmusik“ in den Achtzigern fiel nach 1995, noch unter Miloševic, auch der Turbofolk bei den Mächtigen in Ungnade. Ebenfalls ohne Effekt: Gebrochen hat die Welle erst die Ironie der nachwachsenden Generation.

Auch wer vom Balkan oder von Jugoslawien nichts weiß, wird die 120 Seiten mit Gewinn lesen. Selten wurden mit solcher Leichtigkeit Politik, Pop, soziale Verhältnisse, Musik- und Medienkritik zusammengedacht und dann so gescheit, zugleich aber farbig und unverkopft erzählt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen