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Türkei „Ich wurde aus meinem Haus und aus meiner Sprache vertrieben“

Die kurdische Schriftstellerin Yildiz Çakar im FR-Interview über die Entwicklung in der Türkei, das Leben im Exil und ihren hier entstehenden neuen Roman.

Yildiz Çakar
Yildiz Çakar: „Die Geschichte ergreift Besitz von mir und nicht umgekehrt.“ Foto: Lutz knospe/maxim-Gorki-Theater

Frau Çakar, Sie haben in der Türkei als Schriftstellerin, Lyrikerin und Journalistin gearbeitet.
Gedichte gehörten schon immer zu meinem Leben. Meine Mutter schrieb auch welche. Das Jahr 1995 war eine wichtige Wende für mich. Ich wurde wie viele andere Menschen in den kurdischen Gebieten Opfer von bewaffneten Angriffen. Viele sind dabei getötet wurden. Durch eine Fügung habe ich diesen Angriff überlebt und begann deshalb mit dem Journalismus.

Sie waren sehr jung.
1995 war ich 17 Jahre alt. Wir waren in einer besonderen Situation. Ich schrieb für eine von Kurden herausgegebene Zeitung. In jener Zeit existierten eine Wochenschrift und eine Tageszeitung. Wir schrieben auf Kurdisch und Türkisch.

Offiziell wurde das Publikationsverbot auf Kurdisch 1991 aufgehoben. Praktisch sah es wie aus?
Fortwährend wurden die Zeitungen geschlossen und wir ständig festgesetzt.

Mehrmals?
Immer wieder. Ich war neunzehn, zwanzig, einundzwanzig Jahre alt. Mal wurde ich für sieben, mal für zehn Tage festgesetzt. Das ging jahrelang so.

Inwieweit war ihre Familie betroffen?
Es waren die Jahre unzähliger Angriffe auf Kurden. Maskierte, bewaffnete Männer stürmten die Häuser, zerschlugen alles und töteten die Bewohner. Meine Familie wurde 1995 von Diyarbakir nach Mersin umgesiedelt. Die ständigen Festnahmen, die Übergriffe auf unser Haus haben selbstverständlich meine ganze Familie und mich beeinflusst.

Wie lief eine Festnahme ab?
Sie sitzen in der Redaktion. Plötzlich kommen Polizisten und zerren Sie in einen Wagen. Bei einem dieser Vorfälle trat mich ein Polizist schon im Auto auf den Kopf. Im Polizeirevier werden Ihre Personalien aufgenommen. Dann werden Sie in einen Nebenraum geführt und gefoltert. Man wirft Ihnen vor: „Was soll das alles? Es gibt keine kurdische Sprache. Kurdisches Volk – wer oder was soll das sein?“. Danach schickt man Sie wieder heim. 1998 wurde ich so schwer gefoltert, dass mein Fall im offiziellen Report eines Menschenrechtsvereins dokumentiert wurde.

Wie sieht die Folter aus?
Bei den geschilderten Attacken war nie ganz klar, wer sich hinter den Masken verbarg. Da wurde mit Messern und Waffen vorgegangen. Später, als wir als Journalisten festgenommen wurden, erlebten meine Kollegen und ich verschiedene systematische Folterungen. Man wird beispielsweise in eine lukenähnliche Zelle gesperrt, in der man tagelang in gebückter Haltung ausharren muss. Man wird mehrere Tage am Stück gezwungen die türkische Nationalhymne zu hören. Oder: Sie müssen sich in einem Raum voller Polizisten ausziehen. Dann werden Sie psychisch erniedrigt, indem man sich demütigend über Ihren Körper äußert. Oder Sie werden bis zur Ohnmächtigkeit geschlagen. 1998 recherchierte ein Kollege in unserer Zeitung einen Fall, bei dem eine siebzigjährige Frau von der Polizei zu Hause aufgesucht und mit Knüppeln sexueller Gewalt ausgesetzt wurde. Die Folter fand also nicht nur bei Verhören und während der Haft statt, sondern auch bei den Menschen zu Hause.

Sie blieben in der Türkei und haben weitergemacht.
Widerstand war die einzige Chance, die wir hatten.

Eine Frau aus Stahl?
Bei uns sind alle so. Wenn man einem Volk die Sprache verbietet, beraubt man Sie ihrer Identität. Wenn man nicht reden kann, gibt es einen doch nicht. Man kann gar nicht anders als sich dagegen aufzulehnen. Nicht weil man es will, sondern weil es nicht anders geht.

Gab es in Ihrer Familie schon früher Folter und Tod?
Ich bin lediglich das letzte Glied einer sehr langen Kette. Mein Großvater wurde noch im Osmanischen Reich umgebracht. Nicht nur umgebracht. Man schnitt ihn auf und holte seine Organe heraus. Alte Geschichten. Das ist der Grund, warum Armut, Vertreibung und Tod eine große Rolle in meinen Gedichten spielen. Ich suche mir das nicht aus. Das ist geerbtes Material. Die Geschichte ergreift Besitz von mir und nicht umgekehrt.

Trotz allem machen Sie einen munteren Eindruck.
Mein Therapeut wundert sich auch immer darüber. Ich mache hier in Berlin eine spezielle Kriegstraumata–Therapie. Ich gab mir selbst ein Versprechen „Solange ich atme, werde ich auf keinen Fall ein Opfer sein“.

Sie schreiben wieder? Was beschäftigt Sie derzeit?
Als ich nach Berlin kam, spazierte ich durch Schöneberg und sah vor einem Haus drei in den Boden eingelassene goldfarbene Steine. Ich erfuhr, dass diese Steine an Menschen erinnern, die aus ihren Wohnungen vertrieben worden waren.

Dort, wo Sie lebten, müssten vor jedem Haus dreißig solcher Gedenksteine liegen.
Wenn ich Fotos aus dem 2. Weltkrieg sehe, mit den verwüsteten Städten, dann erkenne ich in diesen Bildern Cizre und Diyarbakir. Die ganze Gegend dort ist ein einziger Kriegsschauplatz. Betrachten Sie Cizre. Das ist eine Stadt, die vergangenes Jahr vollkommen zerstört wurde. Man hat den Bewohnern Wasser und Elektrizität abgestellt, so dass sie gezwungen waren, sich aus der Kanalisation zu bedienen. Als nach neun Tagen die Ausgangssperre für ein paar Stunden aufgehoben wurde, haben wir in der Kurdischen Schriftstellervereinigung schnell ein paar Autoren aus Diyarbakir und Umgebung organisiert. Wir waren eine der ersten Gruppen, die die Stadt sahen. Wir betraten ein Inferno. Im Laufe der Zeit erreichten uns viele solcher Geschichten: Manche Mütter hatten ihre Kinder im Vorgarten bestattet. Andere bewahrten die Leichen im Kühlschrank auf, damit sie nicht verwesten. Eine Mutter versuchte ihr Kind zu beerdigen. Sie befestigte an einen Besenstiel ein weißes Tuch. Andere Mütter schlossen sich ihr an. Alle mit weißen Tüchern an Besenstielen. Auf halber Strecke standen die Soldaten und zwangen sie schießend wieder umzukehren. Das passierte alles vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Wir sind in Kurdistan nicht nur von diesen goldenen Erinnerungs-Steinen entfernt, den Menschen werden nicht einmal Grabsteine erlaubt. Das alles spielt derzeit in meinem Schreiben eine Rolle. Schöneberg und Cizre.

Warum wurde ausgerechnet Cizre zerstört?
Zwei kurdische Orte müssen Sie kennen: Cizre und Sur. Sur ist die Altstadt von Diyarbakir. In diesen Städten finden Sie Kirchen, Synagogen, Karawansereien – Sie können die Geschichte der verschiedenen Völker durch die Jahrhunderte hinweg an der Architektur ablesen. Achtzig Prozent der Stadt wurden vergangenes Jahr vernichtet. Es gibt aktuelle Luftaufnahmen, wo alles eben ist.

„Dem Erdboden gleichmachen“, sagen wir im Deutschen.
Genau so. Sie haben den Schutt weggeräumt und alles planiert. Im zehnten Jahrhundert gab es einmal den kurdischen Mervani-Staat. Aus dieser Zeit gab es kurdische Tafeln in den Stadt- und Hausmauern. Sie wurden herausgerissen. Man muss das so lesen: Die Zerstörung dieser beiden Städte ist der Versuch die Spuren dieser verschiedenen Völker, ihre Sprachen und ihre Kultur zu leugnen und vergessen zu machen.

Ihr letzter Roman handelt vom Krieg.
Ich erzähle die Geschichte einer Familie, die in den neunziger Jahren vertrieben wird. Dort, wo sie herkommen, dürfen sie nicht leben. Und dort, wohin es sie verschlagen hat, können sie nicht leben, weil es ihnen nicht gelingt Fuß zu fassen.

Werden Ihre kurdischen Geschichten in der Türkei von Türken rezipiert? Werden sie hier im Exil gelesen?
Wenn wir über kurdische Geschichten sprechen, sprechen wir über eine sehr alte mesopotamische Kultur. Sie geht bis auf die Sumerer zurück. Also an den Anfang dessen, was wir Kultur oder Zivilisation nennen. In den letzten paar hundert Jahren aber werden Kurden nicht nur ihrer Kultur beraubt, sondern auch ökonomisch ausgebeutet, man nimmt ihnen ihr Land, walzt ihre Dörfer nieder, tötet sie. Die Schriftsteller meiner Generation erwachten vor ungefähr vierzig Jahren aus einer Art Tiefschlaf. Sie beschlossen ihre Sprache zu hüten. In den 1980er Jahren gab es allenfalls eine Handvoll Autoren, die auf Kurdisch schrieben. Zehn Jahre später waren es schon sehr viel mehr. Auch Frauen. Mit Kurdisch meine ich Kurmandschi, das von 65 Prozent der Kurden gesprochen wird, die überwiegend in der Türkei und in Syrien leben.

Für wen schreiben Sie?
Eigentlich für mich. Aber ich spüre auch so etwas wie Verantwortung für die Sprache. Als ich im Jahr 2000 einen Dramatikerpreis bekam, gab es bis dahin nicht ein einziges Buch einer kurdischen Autorin in Nordkurdistan. Möglicherweise gab es Literatur und wir erfuhren nicht davon. Wer weiß, wenn eines Tages alle Verbote und Repressalien aufgehoben sind, tauchen möglicherweise viele kurdische Texte von Autorinnen auf. Heute gibt es an die zwanzig kurdischsprachigen Erzählerinnen. In der alten kurdischen Literatur gibt es nur männliche Autoren. Frauen werden nicht aufgeführt. Natürlich gab es immer auch weibliche Stimmen. Sie durften nur nicht genannt werden.

Sie meinen, dass Texte von Frauen unter dem Namen von Männern erschienen?
Die kurdische Literatur ist größtenteils mündlich überliefert. Es gibt kaum schriftliche Zeugnisse. Ich kann aus dieser mündlichen Überlieferung – Märchen, Fabeln, Anekdoten, Kurzgeschichten, Erzählungen, Epen – dutzende Beispiele nennen, die aus einer weiblichen Perspektive erzählt werden. Eine Frau beschreibt ihren Körper, erzählt ihr Leben. Die Erzählstimme aber ist ein Mann, der sich die weibliche Stimme aneignet. Sie haben nach meinem Publikum gefragt. Ich schreibe Kriegsromane. Das besondere an meiner Schriftstellergeneration ist, dass wir Betroffene und schreibende Zeugen zugleich sind. Wir halten fest, was uns widerfährt. Manchmal frage ich mich, was spätere Generationen über unsere Literatur denken werden. Ob ihnen die geschilderten Ungeheuerlichkeiten, altertümlich, ja vielleicht sogar mythologisch erscheinen werden?

Sie sind jetzt als Flüchtling in Deutschland...
Nein, nein. Ich bin eine Vertriebene. Ich wurde zweimal vertrieben. Einmal als Bürgerin aus meinem Haus in Diyarbakir. Und obendrein als Autorin aus meiner Sprache.

Interview: Mely Kiyak und Arno Widmann

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