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Tracy Chevalier Das verlorene Mäppchen

Tracy Chevalier lässt in „Der Neue“ Shakespeares „Othello“ nicht sehr überzeugend unter Schulkindern spielen.

Bei Shakespeare ist es nur ein Taschentuch, wenn auch ein besticktes, das Othellos Eifersucht entflammt, weil Desdemona es scheinbar weitergeschenkt hat (und ihr Herz dazu?). Bei Tracy Chevalier ist es ein Federmäppchen, aus Plastik und mit geprägtem Erdbeermuster, das Osei wütend und fies sein lässt gegenüber Dee. Ein Federmäppchen? Genau. Denn Chevalier, Autorin von, unter anderem, „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“, hat „Othello, der Mohr von Venedig“ in eine US-amerikanische Kleinstadt der 70er Jahre verlegt, lässt das Drama in ihrer Romanfassung außerdem unter 11-Jährigen spielen.

Tracy Chevaliers „Der Neue“ gehört in die Reihe der Shakespeare-Bearbeitungen und -Verwandlungen, die der britische Verlag Hogarth Press bei bekannten englischsprachigen Autoren angeregt und geordert hat. Howard Jacobson entschied sich für „Der Kaufmann von Venedig“, Margaret Atwood für „Der Sturm“, Anne Tyler für „Der Widerspenstigen Zähmung“.

Und Chevalier, Jahrgang 1962, also für „Othello“ – und machte daraus eine Schulkindergeschichte, die wie gemacht ist für den Unterricht im Leistungskurs Englisch (Aufgabe: „Vergleiche …“), weit weniger aber für die erwachsene Leserin. Denn es ist gar nicht schwer, die Figuren zu identifizieren und die Handlung ziemlich präzise vorauszusehen: Diplomatensohn Osei, der neue schwarze Mitschüler, entspricht natürlich Othello, die aufrichtige Dee hat Desdemonas Rolle, der hinterlistige Ian ist Jago, Roderigo heißt bei Chevalier Rod, Brabantio ist der Lehrer Mr Brabant, dessen Liebling Dee ist, usw. Und als dann nach wenigen Seiten das Federmäppchen übergeben wird ….

Die Dinge sind so klar (bis auf ein abgewandeltes, aber ebenfalls tragisches Ende), dass das blutjunge Personal mindestens überzeugen, besser: mitfühlen lassen müsste. Doch diese 11-Jährigen sind zu altklug und reflektiert, zu durchtrieben, zu zielgerichtet vor allem. Chevalier packt die Geschehnisse in einen einzigen Schultag – der Neue taucht auf dem Hof auf, der Neue wird von der netten Dee eingewiesen, schon gehen die beiden miteinander, da können die anderen nur staunen. Schon verliert Dee das Erdbeermäppchen und nutzt Intrigant Ian seine Chance. Schon kommt es zum Showdown auf dem Klettergerüst. Die Kinder legen ein Tempo vor, das die Geschichte vollends unglaubwürdig macht.

Und dann spielt diese Othello-Variation auch noch in den Siebzigern. Das ist einerseits wohl nötig, um die Kleinstadt-Schüler so richtig staunen zu lassen über den Neuen mit der dunklen Haut. Das kann man andererseits nicht glauben, dass diese Schüler dann so fix feste Allianzen, Zu- und Abneigungen entwickeln – denn wären sie nicht erstmal damit beschäftigt, den Neuen mit dem britischen Akzent zu beschnuppern? Trotz zweifellos vorhandenem Rassismus, trotz Angst vor dem Fremden? Die Erinnerung an die eigene Schulzeit mag lückenhaft sein, aber Freund- und Feindschaften waren keine Sache von wenigen Stunden, schon gar nicht so lange vor den Schnellbotschaften mittels SMS, Twitter, Facebook, Whatsapp.

Vielleicht ist auch die Romanform einfach falsch für diesen Stoff. Vielleicht wird auf knapp 200 Seiten zu viel ausgesprochen und erklärt, was bei Shakespeare nicht ausgesprochen und erklärt wird, was darum in den Gedanken des Betrachters/Lesers irrlichtern kann. Vielleicht, nein sicher ist ein 11-jähriger Bösewicht zu jung für ein solches, reibungslos funktionierendes Kalkül. Vielleicht sollte Ian-Jago wenigstens nicht Betrachtungen über Erdbeben, Gleichgewicht, Gefolgschaften anstellen, wenn er über den Neuen und seine Wirkung auf dem Pausenhof nachdenkt. Über Mitschüler, die sich laut Ian (laut der Autorin) Osei „zuwandten wie Pflanzen zum Licht“.

Die Kleidung, die Tracy Chevalier ihrem jungen Personal anzieht, ist diesem eindeutig zu groß.

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