Lade Inhalte...

Torkel S. Wächter "Die Ermittlung" Ein Enkel bricht das Schweigen

Torkel S. Wächter bloggt auf onthisday80yearsago.com über seinen Großvater, der in Nazideutschland lebte und starb. Die Episoden, die in deutscher Übersetzung als E-Buch unter dem Titel „Die Ermittlung“ erhältlich sind, schildern eindringlich die Zermürbung eines Mannes.

06.02.2013 16:19
Frederik Bombosch
Torkel S. Wächter nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. Foto: privat

Wenig wusste der schwedische Schriftsteller Torkel S. Wächter über seinen toten deutsch-jüdischen Großvater Gustav. Dass er Finanzbeamter in Hamburg war. Dass er Schokolade stets sehr gerecht teilte. Und Papierstücke in den Mülleimer legte, damit sie nicht so einsam waren. Viel mehr wusste er nicht. Er fragte auch nicht, erzählt er, denn jedes Mal, wenn er das tat, wurde das Gesicht seines Vaters düster, und irgendwann bekam er einen fürchterlichen Wutanfall.

Der Vater starb früh, schon 1983. Zwanzig Jahre später begann Torkel Wächter, Antworten auf Fragen zu suchen, die er seinem Vater nicht stellen konnte. Wie seine Großeltern in Nazideutschland lebten. Warum sie sich nicht in Sicherheit brachten, so wie ihr Sohn, der nach Schweden geflohen war. Wann und wie sie starben. Jahrelang recherchierte Wächter. Die Ergebnisse veröffentlicht er jetzt im Internet. Onthisday80yearsago.com („Heute vor achtzig Jahren“) heißt sein Blog, er schildert darin Tag für Tag die Erlebnisse seines Großvaters nach der Machtübergabe an Hitler.

Die Episoden, die in deutscher Übersetzung als E-Buch unter dem Titel „Die Ermittlung“ erhältlich sind, schildern eindringlich die Zermürbung eines Mannes. Bis zur Reichstagsbrandverordnung glaubt Gustav Wächter, dass seine Rechte durch die Verfassung geschützt seien. Wenige Wochen später wird er in einem anonym verfassten Brief als „Hetzapostel marxistischer Irrlehre“ verleumdet. Ein Verfahren wird eingeleitet, früher loyale Kollegen sagen gegen ihn aus. Er lässt sich in den Ruhestand versetzen, acht Jahre bleiben ihm bis zur Deportation.

Versöhnung mit Deutschland

Für den 51-jährigen Torkel Wächter, der zunächst als Pilot arbeitete und erst 1997 seinen ersten Roman veröffentlichte, war die Aufarbeitung seiner Familiengeschichte eine Versöhnung. „Als Kind habe ich gelernt, Deutschland zu hassen“, sagt er. Mit seinen Eltern sprach er Schwedisch. Erst jetzt lernte er die Sprache seines Großvaters, um dessen Dokumente lesen zu können.

2006 entschied sich Torkel Wächter sogar, deutscher Staatsbürger zu werden, Nachfahren von Verfolgten, die in der NS-Zeit ausgebürgert wurden, steht dieses Recht zu. Seine Kinder besuchen die deutsche Schule in Stockholm. Darüber, sagt Torkel Wächter, würde sich sein Großvater bestimmt sehr freuen.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum