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Toni Morrison Die Erschaffung des Fremden

Denkanstöße von Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison in „Die Herkunft der Anderen“. Es sind unaufgeregte Sätze über die Aus- und Abgrenzung der vermeintlich Anderen.

Illustration eines Skalvenmarkt
Mitleid ist kein Automatismus gegen Rassismus: Holzstich von 1853 als Illustration zu Harriet Beecher Stowes Roman „Onkel Toms Hütte“. Foto: epd

An der US-mexikanischen Grenze werden Eltern von ihren Kindern getrennt (oder nach Protesten nun doch besser gleich gemeinsam inhaftiert). Italiens Innenminister will Sinti und Roma in seinem Land zählen lassen. Und in Deutschland streitet sich die Bundesregierung so ausdauernd über die Asylpolitik, als hätte dieses Land keine anderen Probleme, als die Frage, welche Menschen in welcher Anzahl über unsere Grenzen treten dürfen oder eben nicht. Nur drei Beispiele aus einer Zeit, in der vielerorts an der Einteilung in ein „Wir“ und „die Anderen“ gearbeitet wird. 

Ausführungen „über Rasse, Rassismus und Literatur“

Vor diesem Hintergrund ist es wohltuend, unaufgeregte Sätze über die Aus- und Abgrenzung der vermeintlich Anderen zu lesen. Sätze, wie sie die US-amerikanische Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison in ihrem Essayband „Die Herkunft der Anderen“ formuliert. Morrison hat sie bereits im Frühjahr 2016 in einer Vortragsreihe über „die Literatur der Zugehörigkeit“ an der Harvard University mündlich vorgetragen. Es sind, wie ihr Landsmann Ta-Nehisi Coates es in seinem Vorwort treffend nennt, „Vorträge über die Erschaffung des Fremden und die Errichtung von Zäunen“, auch wenn sie der Wahl des Zäune-liebenden US-Präsidenten Donald Trump vorangingen.

Anders als Coates’ ebenfalls in diesem Frühjahr in deutscher Übersetzung erschienener Essayband „We were eight years in Power“ kommen Morrisons Gedanken mit wenig Platz aus. Gerade mal rund 100 Seiten umfasst der schmale Band. Und obschon Morrison weder eine umfassende Theorie noch ein mit zugespitzten Forderungen versehenes politisches Manifest vorlegt, liefern ihre Ausführungen „über Rasse, Rassismus und Literatur“ (so der Untertitel) immer wieder kleine, feine Denkanstöße zur Erweiterung des eigenen Blicks. „Menschen zu anderen zu machen wird erlernt“, konstatiert sie und sinniert, ob wohl „die Fremden, die Andersartigen gesellschaftlich und psychologisch benötigt werden, um das selbstentfremdete Ich zu stabilisieren“. 

Die Autorin liefert auf solche Fragen nicht immer eindeutige Antworten. Nicht jeder Gedanke wird zu Ende gedacht, die sechs kurzen Essays mäandern eher zwischen verschiedenen Überlegungen, als einer klaren These zu folgen. Am interessantesten ist Morrisons Form des öffentlich gemachten Nachdenkens dort, wo sie die Einteilung der Welt in ein „Wir“ und „die Anderen“ (in ihren Texten vor allem eine stark an der US-Sklaverei-Geschichte orientierte Frage von Weiß und Schwarz) am Beispiel der Literatur herausarbeitet. „Die Werkzeuge, die uns für eine wohlwollende Zuwendung zum anderen, für eine Überbrückung der dünnen Luft, die uns voneinander trennt, zur Verfügung stehen, sind gering an Zahl, aber von großer Kraft: Sprache, Bilder und Erfahrungen, die durch Sprache oder Bilder oder beides vermittelt sein können, aber nicht müssen.“ 

Statt diese Werkzeuge zu nutzen, werde aber allzu oft ein rassistisch verengter Blick auf das vermeintlich Fremde geworfen – zu Ungunsten einer differenzierten Figurenzeichnung. „Kolorismus ist so leicht zu haben – er ist die ideale erzählerische Abkürzung“. Morrison geißelt diesen „Hautfarbenfetischismus“ als „Echo der Sklaverei“, dem sie ihrerseits versucht habe, „die Technik der unkenntlich gemachten ethnischen Zugehörigkeit“ entgegenzusetzen. Morrison zitiert und kritisiert in diesem Kontext unter anderem Werke von Harriet Beecher Stowe und von Ernest Hemingway, widmet sich aber auch ihrem eigenen Schreiben oder hinterfragt das Afrika-Bild von Autorinnen und Autoren wie Joseph Conrad oder Tania Blixen (bedauerlich, dass in diesem Kontext der aus Guinea stammende Schriftsteller Laye Camara, den Morrison als innerafrikanisches Gegenbeispiel anführt, zum „Autor aus Ghana“ wird.)

Ein explizites Fazit folgt aus diesen Ausführungen nicht. Aber Morrisons Sätze lassen sich als Anregung lesen, den eigenen Blick auf die Welt – die reale, wie die in der Literatur gespiegelte – zu reflektieren. Wahrzunehmen, wer über wen schreibt und wie – und wann die Einteilung in ein „Wir“ und „die Anderen“ die Wahrnehmung der Welt und der Geschichten, die über sie erzählt werden, eher vernebelt als schärft. 

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