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Tom Wolfe Von der Schaffung des Ich

Am 14. Mai starb Tom Wolfe, der Autor von „Das Fegefeuer der Eitelkeiten“ und „Ein ganzer Kerl“.

Tom Wolfe
Tom Wolfe ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Foto: afp

Das erste Buch von Tom Wolfe, das deutsche Leser fand, war „Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby“. Das war im Jahre 1968. Das waren die Farben der Saison und das war der Sound der Epoche. Ich weiß bis heute nicht, was tangerinrot ist, aber ich liebte den psychedelischen Umschlag und das Wort. Aber natürlich verknallten wir uns in die freche Eleganz dieser Reportagen über völlig nebensächliche Themen, die aber die Augen öffneten für die wirklichen Träume Amerikas: Maßautos und handgenähte Knopflöcher an maßgeschneiderten Hemden.

Am Anfang erging es den Europäern mit Wolfe wie mit der Popart. Sie dachten, er meine es ironisch. Wolfe zoomte sich so nahe an ein altes Ehepaar heran, das sich ein schönes Wochenende in Las Vegas gönnte, dass er mit ihnen zu verschmelzen drohte. Er schrieb wie Teenager damals selbst in ihren besten Momenten nicht sprachen – wie sie aber in einer idealen Welt gesprochen hätten.

Tom Wolfe der Reporter: Er sah genau hin. Er hörte zu. Er pickte sich heraus und er spitzte zu. Er entstellte alles zur Kenntlichkeit. Also, so dachten damals viele, wird er es verachten: das Vulgäre, das Dumme, das Brutale. Aber nein. Er liebte es. Wir hatten bei Walter Benjamin gelesen: „Echte Polemik nimmt ein Buch sich so liebevoll vor, wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet.“

Wolfe war von Anfang an Literat

Nichts anderes machte Tom Wolfe mit der Wirklichkeit. Er zerlegte sie in aufregende Details, in Handbewegungen und Klänge. Als er bei den Black Panthers war, registrierte er, dass die Teller, von denen sie ihre Sandwiches aßen, antike Ornamente zitierten. Er brach seine Sätze mitten drin ab, wenn die von ihm beschriebenen Menschen das auch taten. So verfuhr er schon als Reporter. Er war von Anfang an Literat. Mit acht, so erzählte er in einem Interview, hatte er Emil Ludwigs „Napoleon“ gelesen und war begeistert. Der Mann schrieb im Präsens und nahm den kleinen Tom Wolfe, geboren am 2. März 1931 in Richmond, Virginia, mit auf die Reise in die große Bestsellerliteratur, in die Kunst, alles nicht nur beschreiben, sondern auch so beleben zu können, dass jeder davon mitgerissen wird, wie Wolfe es damals von dem – das muss ich jetzt einfach einfügen – leider völlig vergessenen Emil Ludwig wurde.

Die Gegenwart ist gewiss keine Erfindung von Wolfe. Aber er hatte einen solchen Hunger auf sie, dass er sie hegte und pflegte als wäre sie ganz und gar sein Geschöpf. Er mochte sie, weil er wusste, er hat sonst nichts anderes. Er konnte fliehen bis hin zu den Ursprüngen der Sprache, er konnte – diesmal nur lesend – zusammen mit Daniel Everett bei Amazonasindianern sein, er landete doch immer im Heute, mitten in den Debatten, die er seit vielen, vielen Jahren führte.

Der 1928 geborene Noam Chomsky ist Gegner des Vietnamkrieges gewesen. Wolfe befürwortete ihn. Er pickte sich Chomskys Idee einer universellen Grammatik des Homo sapiens heraus und ging 2016 noch einmal in den Ring, um Chomsky, der immer den doppelten Ruhm eines von der amerikanischen Rechten gehassten Linken und eines großen Wissenschaftlers hatte, auf dessen eigenem Feld, der Sprachtheorie, zu besiegen.

Das gehörte mit zu Wolfes Größe: Er vergaß nichts. Er trug nach. Zum Blick fürs Detail gehört das Gedächtnis, das es bewahrt. Wir Leser lieben das. Wir freuen uns, wenn die Motive durchs Werk wandern. Aber so wandern auch Neid und Hass durchs Leben. Womöglich kann man das eine ohne das andere nicht haben.

Wolfe war nicht der erste Autor, der Wert auf sein Erscheinungsbild legte, aber er machte den weißen Anzug zu seinem Markenzeichen wie der zehn Jahre ältere Joseph Beuys den Hut zu dem seinen gemacht hatte. Er trug sie seit 1968. Damals erlaubte ihm der Erfolg seines Buches „Unter Strom. Die legendäre Reise von Ken Kesey und den Pranksters“ den Gang zu einem richtigen Schneider und den Erwerb eben jener Eleganz, von der die 68er dachten, sie wäre auf ewig überholt.

Wolfe war der Dandy als Autor. Aber nicht ein Autor fern von den Straßen, auf denen wir anderen gehen, sondern ein Autor, der genau durch die gleichen Straßen Manhattans zog, die so viele von uns angezogen hatten, an denen wir uns berauschten, aber er sah dort etwas, von dem wir, so wie er es uns zeigte wussten: So ist es. Aber wir hatten es nicht gesehen, Nicht so knallig, nicht so überwältigend wahr wie er es uns zeigte. Thea Dorn sprach vor vielen Jahren in einer Besprechung von Tom Wolfes Roman „Ich bin Charlotte Simmons“ von der Weisheit des Autors.

Das ist die andere Seite Tom Wolfes, über die wir in 13 Jahren zu seinem Hundertsten schreiben werden.

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