Lade Inhalte...

Tolkien „König Arthurs Untergang“ Arthur, Arthur ... thur ... ur

Welch ein Echo auf einen gewaltigen Mythos: J. R. R. Tolkiens verschollenes Epos „König Arthurs Untergang“ ist eine prachtvolle Sensation.

Um Camlann als Schauplatz des Untergangs von Arthur ranken sich die Legenden, auch auf diesem Bild aus dem 13. Jahrhundert. Foto: imago stock&people

Immer wieder der Rhein. Regelmäßig zog er Sterbliche an, die sich dann an seinen Ufern mit aller Gewalt verausgabten. Es ist kein Geheimnis geblieben, dass sich dabei besonders die Nibelungen hervortaten. Einmal als Schauplatz schwerer Zusammenstöße erwählt, wurde der Erwählte für ungezählte Recken absolut zum mitreißenden Schicksalsstrom.

Erneut der Rhein, wiederum in mythischer Vorzeit, und ein weiteres Mal stellt er vor eine Wahl. Kaum ist er auch in dieser Legende genannt, steht auch schon eine Entscheidung an, ein ultimatives Entweder-oder, auf Leben oder Tod. Denn als Wegscheide wird der Urstrom für König Arthur zum Auftakt in seinen Untergang. Den Rhein befahrend, kehrt die sagenhafte Gestalt in der nicht weniger sagenhaften Arthur-Legende zurück nach Britannien, kaum dass der König vom Aufstand in seinem Königreich erfahren. Sagenhaft ist daran zudem, dass das Epos von J. R. R. Tolkien stammt, ja, eben jenem – Stichworte wie „Hobbit“ oder „Herr der Ringe“ müssen hier genügen.

Ein weiterer Tolkien also, ein Langgedicht aus dem Nachlass, eine literarische Sensation ist „König Arthurs Untergang“ zudem. Tolkien war längst eine Kapazität der altenglischen Mittelalterforschung, als er wahrscheinlich Mitte der 1930er Jahre seine Lesart der Arthur/Artus-Sage literarisierte, sich deutlich anlehnend an mittelalterliche Versformen, und anlehnen heißt ja, in alliterierender Versform, gebildet aus zwei Halbzeilen, die jeweils durch eine Zäsur getrennt sind, was sich so liest:

„Der Herr der Heere, der Helle im Dunkel,/ Arthur zieht ostwärts! Echos erwachten./ Der Wind wurde weich. Die Wände der Felsen/ Antworteten ‚Arthur‘.“

Tolkiens „König Arthur“ war keine Privatmythologie – wie später seine Fantasy-Welterfolgsgeschichten. Sein „King Arthur“ ist literarisch ein Schwergewicht, dass es in der Tradition der Heldengesänge steht, lässt sich nicht überhören, ob es nun stumm gelesen oder aber, weniger bescheiden, prunkvoll deklamiert wird: „Hufschlag ertönte,/ spitze Spieße sprühten silbern.“

Die Tolkien-Lesart der Arthur-Legende sieht Arthur, den König Britanniens, auf dem Weg nach Rom, als er konfrontiert wird mit dem Aufruhr in seinem Königreich, so dass er in der Rheinmündung kehrtmacht und seine Drachenschiffe zurück an die Küste Britanniens beordert. Von den steilen Felsen (Dovers) hinab sieht der infame Mordred, als Widersacher ein gelenkiges Bürschchen, das die Krone an sich riss und die Königin, Guinever, den „Wellenrossen“ Arthurs entgegen.

Der Leser der Tolkien-Legende muss sich schwer umstellen. Camelot ist nur noch ein Schatten seiner sagenhaften Autorität. Camelot hat bereits ziemlich abgewirtschaftet. Bemerkenswert ist auch, dass die Helden nicht mehr Inbegriff höfischen Rittertums sind , sondern eher unterkomplexe Charaktere. Der runde Tisch erscheint nurmehr schemenhaft als Zusammenkunft honoriger Ritter, verblasst ist die lichte Utopie in düsterer Zeit. Und Arthur wendet sich nicht etwa vergeltungssüchtig gegen Rom, sondern tritt als Beschützer der Stadt und des Imperiums auf. Nicht zuletzt Mordred: der quicke Recke und noch lebhaftere Lump ist nicht die Ausgeburt eines Inzests zwischen dem König und seiner Schwester Morgane, sondern der Neffe des Königs.

Enormes Eigenleben

Dem Leser kann nicht verborgen bleiben, dass Tolkiens Arthur-Legende ein enormes Eigenleben führt, auch wenn der Mythenhintergrund im 5. Jahrhundert spielt, einer Phase starker Migration in Britannien, ausgelöst durch die Angeln und Sachsen. Mit ihren Raubzügen und Verheerungen machten sie die Bewohner Britanniens nieder, nicht zuletzt sich her über die Hinterlassenschaften der römischen Zivilisation.

Wütend sieht Arthur dem zu, „sprachlos und starr“. Der König „ahnte das Ende der alten Welt“, das Epos ist hineingestellt in eine Zeitenwende, und bei aller Sprachlosigkeit und Erstarrung, „eiferte“ Arthur doch ostwärts, und eifern heißt, dass er kriegerisch vorging, „den Zug der Zeit also zornig zu wenden“.

Tolkiens Arthur macht sich auf, um als Beschützer Roms gegen die „bübisch brandschatzenden“ und „Beute suchenden“ Sachsen vorzugehen. Von dieser historischen Rolle Arthurs haben immer wieder Legenden erzählt – die pseudohistorische Erzählung wurde begründet durch Geoffrey von Monmouth. Das ist kein Geheimnis, aus dem auch Christopher Tolkien als Sohn und Herausgeber keines macht in seinen Anmerkungen. Es ist allerdings nur eine Lesart, die der Mythos der Nachwelt aufgetischt hat, denn unbestreitbar monumental ist die Legende, und so entwirrt auch Christopher Tolkien die unterschiedlichen Erzählstränge, angefangen mit Monmouth über den Briten Wace bis hin zu Thomas Malorys grandioser Arthur-Erzählung. Nicht nur wegen Malory darf man in Klammern sagen, dass sich der Artus-Stoff zum Nibelungen-Stoff verhält wie, nein, nicht wie die Themse zum Rhein, sondern wie beide Flüsschen zum Mississippi-Missouri.

Fließen doch in der Artus-Sage zwei gewaltige Ströme zusammen, eine historische und eine annalistische Lesart. Aus der Fülle schöpfte die französische Artus-Tradition, angefangen mit Chrétien de Troyes, an dessen Darstellung sich wiederum, wie dem deutschen Leser ja nicht verborgen geblieben ist, die wundervollen Epen Hartmanns von Aue und Wolframs von Eschenbach zwischen 1180 und 1210 anschlossen.

Mit dem Nachwort Christopher Tolkiens verharrt der Leser in einer gewissen splendid isolation: Obwohl der König den Rhein längst erreicht hat, konzentriert sich der Herausgeber auf die Rekonstruktion der britischen Artus-Tradition, breitet lässig sein immenses Wissen aus, verfolgt im Text seines Vaters unzählige Fährten – und behauptet gar an einer Stelle salopp, dass sich das Verständnis der vorliegenden Artus-Sage durchaus von selbst ergebe. Umso mehr funkelt, gut verborgen im Dickicht der Interpretation, der folgende Satz wie ein Schatz: „Dies alles ist so, wie es vorliegt, nicht zu verstehen, und es kann gut sein, dass mein Vater eine gewisse Vertrautheit des Lesers mit der Geschichte von Lancelot und Guinevere voraussetzte.“

Zum Humor des Herausgebers ist zu sagen, dass er sehr britisch wirkt. So auch an der Stelle, an der er bemerkt, dass die germanische Invasion Britanniens die Sache von Heiden gewesen sei. Damit wurden die „heidnischen Barbaren also der unvermeidlichen Verdammnis“ überantwortet, „und zwar in eben jenem Metrum, das sie selbst den eroberten Ländern gebracht haben“. Dass die Christen ein heidnisches Metrum übernahmen, ist eine wahrhaftig weitreichende Pointe. Hatte doch der kulturelle Kolonialismus durch den (germanischen) Stabreim ungeheure Folgen, auch bei Tolkien: „Die Schmiede der Schlacht schmiedeten furchtbar“.

Der in der Tat sagenhaft ferne Tolkien-Ton hat, man darf es wiederholen, ein altenglisches Echo. Mit Christopher Tolkien, der davon in einem anderen Zusammenhang spricht, kann man das Epos einen „sprachlichen Kraftakt“ nennen, auch darf man es als eine „Trauerarbeit“ verstehen: „Die Gezeiten wechselten.“

Doch es sind nicht nur Ebbe und Flut, die „Tote und Ertrunkene treibgutartig“ an den Strand werfen. In einem übertragenen Sinne Treibgut sind sie „in der Wende der Zeit“, Strandgut in einer Welt die „haltlos schwankt“.

Tolkiens Dichtung blieb Fragment, rund 90 Seiten umfasst sein Arthur-Torso – das Nachwort mit seinen 200 Seiten nutzt sein Sohn Christopher nicht zuletzt zu Spekulation über Arthurs im Epos nicht dargestellten Untergang. Es geht um die Umstände der „Entrückung“, um das, wie alle Welt wohl weiß, sagenhafte Avalon. Millionen Leser sind an den mythischen Ort durch Myriaden von Fantasywegweisern systematisch herabgeführt worden. Zu Tolkiens seriösem „Arthur“ ist zu sagen, dass auch ausgebuffte Leser der Legende stark sein müssen, schon wegen der Rolle des Liebhabers Lancelot. Obendrein gewappnet sein müssen gegen die unterschiedlichen Benennungen des sagenhaften Schwertes, mal Excalibur, mal Caliburn. Auch darf man davon ausgehen, dass es sich bei der schönsten Frau in ganz Britannien, bei Guinevere (Nachwort), unbedingt um Guinever (Epos) handelt.

Und natürlich ist Artus Arthur, wie auch umgekehrt. Dennoch, trotz aller Merkwürdigkeiten, muss jedem Leser klar sein, dass sich die Dinge allein so und nicht etwa anders zugetragen haben. Tolkien wollte sich nicht nur auf die ungeheure Suggestion seiner Stabreimdichtung verlassen. Für die Beglaubigung wählte er einen Kniff, für die Vergegenwärtigung (s)einer Legende aus alten Zeiten ein Adverb. Ein „now“, eingestreut in die Erzählung, vergegenwärtigt das vergangene Geschehen als verbindliche Vorgeschichte. Ein „heute“ tut das in der fabelhaften Übertragung Hans-Ulrich Möhrings: „Also zog Arthur in sein eigenes Reich,/ hoch und erhaben nach Hause kehrend/ in Romeril, wo ein Rinnsal heute/ strandnah schleichend schaudert und weint.“

Wer sollte die Historie besser beglaubigen als die Natur. Wer sollte der Literatur ein glaubwürdigerer Zeuge sein als ein Rinnsal, schleichend, anstelle des mitreißenden Rheins.

J. R. R. Tolkien: König Arthurs Untergang. Herausgegeben von Christopher Tolkien. Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring. Klett-Cotta / Hobbit-Presse, Stuttgart 2015. 288 Seiten, 19,95 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen