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Tod von JFK Reflexion über Fiktion und Wirklichkeit

Don DeLillo hat erzählt, dass es keine endgültigen Antworten im Mordfall John F. Kennedy geben wird.

John F. Kennedy in einer Fernsehansprache (1962). Foto: Getty

Der im September 1964 veröffentlichte Warren-Report umfasste 888 Seiten. Er war von der amerikanischen Regierung in Auftrag gegeben worden, um die Ermordung des charismatischen Präsidenten John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas, Texas aufzuklären. Die Warren-Kommission tagte 51 Mal, sie befragte über 600 Zeugen und stellte mehr als 3000 Beweisstücke sicher. Diese sollten belegen, dass der mutmaßliche Mörder, Lee Harvey Oswald, ein Einzeltäter war. Der Bericht enthält Tausende von Indizien, vor allem aber ist er ein Dokument der Widersprüche, das nie die Zweifel zu zerstreuen vermochte, dass die Ermordung Kennedys das fatale Ergebnis einer politischen Verschwörung war. Der Eindruck wurde schließlich noch dadurch gesteigert, dass ein Großteil der Akten auf Jahrzehnte zur geheimen Verschlusssache erklärt wurde.

  

Es ist paradox genug, dass ausgerechnet US-Präsident Donald Trump, in dessen kurzer Amtszeit sich das Verhältnis von Wahrheit und Lüge auf dramatische Weise verändert hat, zum späten Aufklärer des Kennedy-Mords gerät. In der Nacht zu Freitag gab Trump 2800 Dokumente frei, weitere aber blieben auf Druck des US-Geheimdienstes CIA unveröffentlicht. Für deren Sichtung und Bearbeitung hat Trump eine Frist von 180 Tagen gesetzt. Das große Spekulationstheater um Verschwörung und Gegenverschwörung findet also seine Fortsetzung im Zeitalter von Twitter, Fakenews und Co.

„Geheimnisse haben etwas Übersteigertes, fast Traumhaftes“, lässt der amerikanische Schriftsteller Don DeLillo eine Nebenfigur in seinem 1988 erschienenem großen Roman „Libra“ sagen (zu deutsch „Sieben Sekunden“), in dem er das amerikanische Trauma des 20. Jahrhunderts wie kein zweiter ausgeleuchtet hat, ohne am Ende ein schlüssiges Bild des Geschehens auf der Elmstreet in Dallas anbieten zu können. Don DeLillos Roman ist eine große Reflexion über Fiktion und Wirklichkeit im Zeitalter nahezu unbegrenzt fließender Informationen und ihrer politischen Instrumentalisierung. „Früher“, heißt es an einer Stelle im Roman, „existierten die gefährlichen Geheimnisse außerhalb der Regierung. Komplotte, Verschwörungen, Geheimnisse vom Umsturz, Geheimnisse vom Ende der Gesellschaftsordnung. Jetzt sitzt die Regierung auf den entscheidenden Geheimnissen.“

Aber selbst die Enthüllung verspricht keine Auflösung mehr. Im Roman grübelt ein CIA-Fachmann über den Akten und kommt zu dem Schluss: „Es ist noch zu früh für einen ernsthaften Versuch, aus diesen Notizen zusammenhängende Geschichten zu machen. Vielleicht wird es dafür immer zu früh sein. Weil immer neues Material dazukommt.“ Eine Hoffnung auf Wahrheit gibt es bei DeLillo nicht. Was er wie kein anderer beschreibt, sind die Phantasmagorien eines von der eigenen Macht besessenen Landes.

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