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Tilman Rammstedt „Morgen mehr“ Mindestens ein Frosch

Am 8. April ist Schluss, einen Monat später kommt „Morgen mehr“ als Roman heraus. Falls es wirklich ein Roman ist. Jedenfalls: Meine Zeit mit Tilman Rammstedt und einer Netzgemeinde ohne Hass geht zu Ende.

06.04.2016 16:58
Cornelia Geissler
Aber was tun, wenn ein Autor am Tag weit mehr als ein Wort schreiben muss? Tilman Rammstedt dokumentiert seine Tätigkeit für Morgen-mehr.de Foto: Tilman Rammstedt

Am Freitag kurz nach acht Uhr gongt das Telefon zum letzten Mal. Am Freitag steckt die letzte Nachricht im elektronischen Postfach. Tilman Rammstedt grüßt nur noch dieses eine Mal mit seinem Text und seinem Foto. Er wird sich von seinen Lesern verabschieden, von seinem strukturierten Tag, von seinem täglichen Kontakt mit dem Verleger, Jo Lendle, der auch sein Lektor ist, von seinem Unterstützer-Team. Er liefert das letzte Kapitel seines Fortsetzungsromans.

„Morgen mehr“ ist mein treuester Whatsapp-Kontakt, auf jeden Fall regelmäßiger, oft auskunftsfreudiger als Familie und Freunde. Nur an den Wochenenden und zu Ostern setzte der Textfluss aus. Jetzt geht es dem Autor bestimmt auch schlecht. Ich habe es gehört, am Dienstagabend, als ich auf Morgen- mehr.de nachlauschte, was er zuvor eingesprochen hatte. Als Tilman Rammstedt da vorlas, wie der handlungstreibende Junge im 60. Kapitel in sein Notizheft blicken wollte, es dann doch nicht tat, weil er wusste, was da steht, in einer Aufzählung von fünf Punkten, war es nach der Ordnungszahl vier deutlich zu hören: Tilman Rammstedt leidet. Er musste schwer schlucken, und wenn es keine Tränen waren, die er da die Kehle hinunter schickte, ein Frosch war es bestimmt. Vielleicht gar eine bittere Kröte.

Seit dem 11. Januar schreibt er öffentlich an seinem Roman. Er werde bis zum 8. April dranbleiben, das hatten er und der Verlag versprochen. Dafür hatten Unterstützer über Crowdfunding Geld gezahlt. Dafür hatten weitere Leser Abonnements zu acht Euro abgeschlossen. Und was erst wie ein Marketing-Gag, wenigstens wie ein verrücktes Experiment aussah, formte sich über die Wochen zu einem seriösen Unternehmen. Er schreibt und schreibt und schreibt. Der Autor, nach Auskunft seines Verlegers bisher häufig von Schreibblockaden geplagt, hatte hier nie mitteilen müssen, dass ihm nichts einfiele. Am 19. Februar gab er Auskunft über seine Routine: „Alle Tage waren beim Schreiben recht ähnlich: Zuversicht, Anfangen, Zweifeln, Zweifeln, Zweifeln, Schreiben, Zweifeln, Fluchen, Schreiben, Zweifeln, Abschicken, Zweifeln, Feierabend.“

Der Erzähler, der Anfang der siebziger Jahre noch nicht geboren ist, versucht seine Eltern zusammenzubringen, führt früh einen 14-jährigen energischen Jungen ein, holt das Schaf Marie Antoinette dazu, benutzt einen Koffer „vielleicht nur als Platzhalter“ und ein Notizbuch für Sprüche. Handlung sei so etwas wie der natürliche Feind des Schreibens, klagte der Autor mal, ließ die Figuren aber doch handeln. Nun ist der Erzähler immer noch nicht geboren, seine Eltern sind nah beieinander, und der Autor muss bald den letzten Punkt setzen.

Derweilen ist im Internet eine Gemeinschaft entstanden, ein sozial-literarisches Netzwerk, nicht so groß wie Facebook, vor allem: völlig hassfrei.

Auf Morgen-mehr.de begegnet einem eine freundliche, interessierte, abenteuerlustige, musikliebende Community. Mehr als 3000 Kommentare sind dort versammelt, oft voller Bewunderung für den Autor, mit Anregungen an ihn versehen und zahllosen Spotify-Links zu Songs, die zu den Kapiteln passen sollten. Diese Gruppe muss sich nun trennen. Eine Person schrieb gerade, sie merke, „wie lieb ich ihn hab, den ängstlichen, tapferen Jungen…“. Eine Leserin regte zum Treffen auf dem Eiffelturm an angesichts „unseres literarischen Finales“, die Busfahrkarte nach Paris habe sie bereits gekauft.

Bevor alles anfing,sagte Rammstedt mir im Interview,die Wahrscheinlichkeit, nicht zu scheitern, sei lächerlich klein: „Die Kapitel können nichts taugen, die Grundidee kann nichts taugen, meine Kondition kann nichts taugen, diese Art zu schreiben und zu publizieren, kann nichts taugen.“ Hinsichtlich seines Durchhaltevermögens verdient er nur Lob. Ob der Roman etwas taugt, habe ich völlig aus den Augen verloren. Ich habe die Kapitel als täglichen Gruß empfangen, oft nur überflogen, manchmal in Ruhe gelesen, kaum mehr als drei, vier am Stück. „Morgen mehr“ war wie ein Buch für einen sehr kurzen Weg mit der U-Bahn: Der Leseeindruck zersplittert.

Kann man das, was Rammstedt da geschrieben hat, überhaupt einen Roman nennen? Das Verlagsteam spricht vom „Literaturdings“ und teilt amüsiert mit, dass einige Whatsapp-Nachrichten und E-Mails mit Krankmeldungen und Behördenanfragen fehlgeleitet bei ihm ankamen. Es begleitete den Autor technisch und lektorierend. Das „Morgenmehrgewoge“ blieb darunter in Bewegung wie das Meer, die Leser schwammen mit, der Autor selbst nennt es einmal „Kommentarlagerfeuer“ und vermerkt am 26. März: „Es gibt kein passendes Ende, wenn man das Ende nicht schon von Anfang an wusste.“

Am 9. Mai erscheint das Buch, ohne all die Kommentare, 160 Seiten wird es haben, 18,90 Euro soll es kosten. Ein Online-Händler behauptet jetzt schon, dass es oft zusammen gekauft würde mit Siegfried Lenz’ aus dem Nachlass gefischten Roman „Der Überläufer“. Das Internet spinnt.

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