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Thriller Inspector Macbeth will Polizeichef werden

Jo Nesbøs blutig-gruselige und darum ziemlich kongeniale Version von Shakespeares Drama.

Szene aus Macbeth
Hinter Macbeth stand schon immer eine markante Frau. Hier in Avignon. Foto: afp

Die eine Droge wird in der Stadt in Mengen und unter dem Namen „Brew“, Gebräu, billig verkauft; die andere, viel stärkere, nur für wenige zugängliche heißt „Power“. Sie macht sofort abhängig. Ein junger Polizei-Inspector wird ihr in kürzester Zeit erliegen in Jo Nesbøs grausig-blutiger Neufassung des grausig-blutigen William-Shakespeare-Dramas „Macbeth“.

Nesbøs Macbeth, einst Waisenjunge und Brew-abhängig, jetzt Anfang 30, clean, stark, ein Mann wie ein Baum, ist aufgestiegen zum Leiter des Swat-Teams, das mithelfen soll, die Stadt von Drogenhändlern zu reinigen. Seine Männer lieben ihn, die glamouröse Lady (alle nennen sie nur „Lady“), Chefin des Inverness-Spielcasinos, liebt ihn – obwohl er ihr manchmal „erstaunlich weich“ erscheint. Gerade ist außerdem ein gewisser Duncan, im Gegensatz zu seinem Vorgänger weder korrupt noch gewissenlos, Police Commissioner geworden. In der düsteren, wind- und regenumtosten Stadt, die namenlos ist, aber im Norden Großbritanniens vermutet werden darf, stehen die Zeichen nach Jahren der Gewalt, des Verfalls und der Fabrikenschließungen auf Erneuerung.

Da überbringt eine geheimnisvolle Botin – oder ist es ein Mann? – Inspector Macbeth Glückwünsche von Drogenboss Hecate: Er werde bald noch weiter aufsteigen und selbst Police Commissioner werden. Natürlich erzählt Macbeth seiner geliebten Lady davon – und lacht darüber und misstraut Hecate zurecht. Aber natürlich hat Lady sofort andere, die Dinge beschleunigende Vorstellungen und Pläne. Wer „Macbeth“ kennt, kennt den Fortgang, weiß schon um das sich nach der ersten bösen Tat, der Ermordung Duncans im Schlaf, schrecklich fortsetzende Töten.

Der Norweger Jo Nesbø ist in der Reihe der Schriftsteller, die sich am Shakespeare-Projekt des Hogarth-Verlages beteiligen, der einzige, dessen Muttersprache nicht Englisch ist, doch hat er die englische Übersetzung durchgesehen und autorisiert. Die deutsche „Macbeth“-Ausgabe erschien nun in diesen Tagen unter dem Penguin-Logo, nicht wie die bisherigen Romanfassungen von Shakespeare-Stücken im Knaus-Verlag. Es ist in dieser Reihe auch der erste Thriller – die „Hamlet“-Bearbeitung der Krimiautorin Gillian Flynn steht noch aus.

Mit Drogenräuschen erklärt Nesbø die gespenstisch-überirdischen Anteile des Dramas, Shakespeares gleichsam Beine bekommender Wald von Birnam ist in seiner Bearbeitung eine stillgelegte, aufgebockte Dampflok. Trotzdem kann man Nesbøs „Macbeth“ nicht realistisch nennen. Denn überlebensgroß sind viele der Figuren. Angefangen beim Titelhelden/-schurken, der das Messerwerfen beherrscht wie ein Zirkusartist, über den alten, schlangengleichen „Power“-Produzenten Hecate und seine Drogenhandel-Gegenspieler von der Motorradgang Norse Riders, bis zu dem Scharfschützen in Macbeths Swat-Team, der Menschen erschnuppern und möglicherweise die Gestalt wechseln kann. Man muss ihn mit Silber töten.

Von der ersten bis zur 621. Seite ist dieser Thriller eine nachtschwarze Tour de Force der Schrecknisse – der Atmosphäre des Shakespeareschen „Macbeth“ verwandelt er sich damit beeindruckend an. Unausweichlich sind hier wie dort Tod und Verhängnis, obwohl, hier wie dort, Macbeth zunächst kein schlechter Mensch ist. Aber Blutvergießen führt zu Blutvergießen, Schuld folgt Schuld, ein Verbrechen zieht gleich ein weiteres schicksalhaft nach sich. Es gibt auch bei Nesbø keine Rettung für einen jungen, tapferen, ehrgeizigen Mann, der zunächst das Gute will, dann das Böse schafft.

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