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Thomas Sparr Sterben leben

Joan Didions bewegende Aufzeichnungen "Das Jahr magischen Denkens"

02.10.2006 00:10

Das Märchen erfüllt einen Wunsch: Gott lässt Mann und Frau, die einander zwei Leben lang verbunden waren, in einer Nacht sterben. "Life changes fast" beginnt dagegen Joan Didion ihren Bericht über den Abend des 30. Dezember 2003, als ihr Mann John Gregory Dunne gegen neun Uhr plötzlich tot am Tisch zusammensank, kurz nachdem das Ehepaar in der Intensivstation eines New Yorker Krankenhauses bei ihrer ins künstliche Koma versetzten Tochter Quintana war. Monate später beginnt Joan Didion ihre - man stockt, wie man sie klassifizieren soll: Aufzeichnungen? Erinnerungen? Protokolle?

Ihr äußeres, ihr inneres Tagebuch? Hier fließt alles zusammen, und am ehesten wird man dieses Buch, in den USA über 600 000 Mal verkauft, mit dem National Book Award ausgezeichnet, einen Kalender nennen, den die amerikanische Autorin und Journalistin über ein Jahr führt. Wem das Leben sein Ende abverlangt, der verliert jeden Sinn fürs Sentimentale. Bei Sterbenden und ihren Angehörigen findet man ihn so gut wie nie.

Über eben diese Härte verfügt Joan Didion in ihrer Aufmerksamkeit für jedes Detail und die weiter ausgreifende Folgerung, von Bildung und Erfahrung, von Aufrichtigkeit, Schärfe, Nachsicht und Formbewusstsein. Mit ihnen beschreibt Joan Didion die schwierigste Zeit nach dem Tod des nahen, des nächsten Menschen, wenn Hinterbliebene das Sterben leben, das Jahr magischen Denkens. Magisch, weil es einem beispielsweise nicht gelingt, die Schuhe des Toten wegzuwerfen. Welche soll er denn tragen, wenn er gleich, ja gleich zurückkehrt? Magisch auch, weil sie, "in a reverse of time", wie in einem zurückspulenden Film, noch einmal die Tage, Stunden, Augenblicke des letzten Jahres durchlebt. Ein mangelhaftes, der Gegenwart entrücktes Leben gewiss, aber immerhin noch ein Leben zu zweit.

Joan Didion ist eine magische Autorin, die geschiedene Sphären vereint: Dass ihr ein Freund nach dem Tod ihres Mannes Tag für Tag einen viertel Becher Reisbrei vorbeibrachte, das einzige, was sie zu sich nehmen konnte, war dessen instinktiver Weisheit zu verdanken, doch zugleich entfaltet Joan Didion das Wissen uralter Kulturen, die lehren, dass Besucher ihre Kondolenzwünsche ins Trauerhaus bringen sollten, vor allem aber auch etwas zu essen. Didions Unterscheidung von Trauer in ihrer Kontinuität und Festigkeit und dem Leid, das in Wellen kommt, ist erlebt und lebensnah, doch zugleich literarisch und medizinisch erklärt.

Wenn die Autorin in den Spiegel schaut, erblickt sie das Gesicht anderer, erkennt eine anthropologische Gesetzmäßigkeit: "Menschen, die vor kurzem jemanden verloren haben, zeigen einen bestimmten Ausdruck, wahrscheinlich nur für die wahrnehmbar, die diesen Ausdruck schon auf ihren eigenen Gesichtern gesehen haben. Ich habe ihn auf meinem Gesicht bemerkt, und ich bemerke ihn jetzt bei anderen. Es ist ein Ausdruck extremer Verletzlichkeit, Nacktheit, alles ist sichtbar."

Aus Winzigem, Einzelnem gewinnt Joan Didion das Allgemeine und verlässt an keinem Punkt dieser erzählerischen Verwandlung ihren Ort, das ganz Eigene, verletzt nie den Takt, verliert nie die Einsicht. Dass Trauernde lange Zeit nicht träumen, dass wir retrospektiv Omen des nahenden Todes erkennen, Worte, Blicke, Bilder, wie das toter Meisenjungen auf dem Balkon im Frühling, dass Hinterbliebene sich bitter den Tod des anderen vorwerfen, beim verkümmerten Zukunftssinn, aber der taghellen Erinnerung mit ihren Tausend Kameras, dem Verlust der Konzentration und Arbeitsfähigkeit - immer geht Joan Didion von sich aus und erzählt zugleich von anderen, für uns mit.

Wenn wir selbst leben wollen, wird sie an der Lexington Avenue im tosenden Verkehr plötzlich gewahr, komme irgendwann der Punkt, "an dem wir die Toten auslöschen müssen, sie gehen lassen, sie tot sein lassen müssen". Zugleich empfindet sie dieses Wissen, die Vorahnung, dass das gemeinsame Leben immer weniger das Zentrum des eigenen Lebens sein werde, wie einen Verrat. "Leid ist ein Ort, den von uns niemand kennt, solange wir nicht dort sind", sagt Joan Didion an einer Stelle. Mit ihrem Buch hat sie die traurige Geometrie dieses Ortes genau und großartig vermessen. Wenige Monate nach dem Erscheinen ihres Buches 2005 ist ihre Tochter Quintana gestorben. Wie schrieb Joan Didion? "Ich suche nach einem Schluss und finde keinen."

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