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Thomas Mann Der Taugenichts im Gedankendienst

Vor einhundert Jahren erschienen Thomas Manns „Betrachtungen eines Unpolitischen“, sein gescheiterter Versuch, sich als Deutscher und nur als Deutscher zu stilisieren.

Thomas Mann liest aus seinem Roman "Buddenbrooks" für Blindenbibliothek
Thomas Mann beim Lesen der „Buddenbrooks“ für eine Blindenbibliothek. Foto: EPD

Am 1. August 1914 erklärt Deutschland Russland den Krieg. Der Erste Weltkrieg beginnt. Thomas Mann (1875–1955) ist mit der Familie im Sommerhaus in Bad Tölz. Er begrüßt die Ereignisse. „Von verständnisvollen Ärzten ausgemustert, wollte er wenigstens Gedankendienst leisten“, schreibt Hermann Kurzke. Er tat das in einem von niemandem erwartetem Ausmaß. Sein größter Beitrag zu Deutschlands Kriegsanstrengungen sind die „Betrachtungen eines Unpolitischen“. 
Die Arbeit daran begann er im Herbst 1915. Anfang 1918 hatte er die 640 Seiten abgeschlossen. Anfang September hielt er die ersten Exemplare des Buches in Händen. Das Haus in Bad Tölz hatte er im Jahr zuvor verkauft und dafür Kriegsanleihen erworben. Eine Fehlinvestition. Das waren wohl auch die „Betrachtungen“. Dabei hatte er für sie den „Zauberberg“ unterbrochen, der ursprünglich nicht mehr als eine Novelle, ein satirisches Pendant zum „Tod in Venedig“ hatte werden sollen.

Die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ sind ein schreckliches Buch. Ich kenne kaum jemanden, dem ich abnehme, es gelesen zu haben. Ich kenne niemanden, der es liebt. Dabei ist es das Werk, auf das der Künstler in der Mitte seines Lebens, im Vollbesitz seiner Kräfte, all seine Kunst verwandte. Die „Betrachtungen“ sind vielleicht sein bewusstestes, sicher sein bedachtetstes Werk. Und doch liegen sie vor aller Augen da als ein verunstaltetes Kind, eine Missgeburt, mehr tot als lebendig. „Die Betrachtungen eines Unpolitischen“ sind den Thomas-Mann-Verehrern peinlich. Die Gegenüberstellung von Kultur und Zivilisation, die Invektiven gegen die Demokratie, die große Geste, mit der deutsche Musik gegen französische Literatur ausgespielt wird, das alles ist ganz offensichtlich zutiefst verlogen.

Der Deutsche als Taugenichts – eine Karikatur

Je weiter man in dem Buch liest, desto stärker wird der Abscheu. Dann aber kippt es. Der Leser beginnt zu begreifen, mit was für einem merkwürdigen Buch er es hier zu tun hat. Da preist einer Eichendorff und das „Leben eines Taugenichts“, um deutlich zu machen, dass deutsche Kunst sich nicht eignet fürs praktische Leben, nicht der Verbesserung des Staates und seiner Bürger dient. Er tut das aber in einer Kampfschrift, in einem Pamphlet, das vorgibt, die raubend und mordend durch Europa ziehenden deutschen Truppen zu unterstützen, die gerade das neutrale Belgien überfallen haben. Das Deutschland von 1914 war die bestgerüstete europäische Macht, technologisch wohl das modernste Land Europas. Deutschland war nicht nur Schubert und Wagner. Es war längst auch Werner von Siemens und Carl Benz.

Die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ tun so, als stünde das Deutsche Reich von Wilhelm II. für eine Welt, in der sich die Obrigkeit schützend vor ihre Bürger stellt und ihnen die Qual der Politik abnimmt, so dass die ganz ihrem Taugenichtsleben nachgehen können. Das ist eine Karikatur, und Thomas Mann wusste das. Wer die „Betrachtungen“ liest, sieht, wie ihn das amüsiert. Aber die Ironie kommt aus der Liebe. Dass er die Komik der Sache sieht, nimmt ihr in seinen Augen nichts von ihrem Ernst. Die westlichen Mächte, die Entente, stehen für eine Welt, in der alle sich zu engagieren haben, in der es keinen Raum gibt für das Unpolitische, für die Anti-Politik. 

Dieser Begriff wurde 1985 von dem ungarischen Autor György Konrád wieder in die Debatte geworfen. Auch diesmal diente er dazu, einer Welt, die von allen forderte „politisch Stellung zu beziehen“, die Möglichkeit zu zeigen, der Politisierung zu entkommen. Thomas Mann tat das polarisierend, auftrumpfend als Kriegsbeitrag. Bei Konrád ging es darum, die Dichotomien der sozialistischen Gesellschaft wie die des Kalten Krieges zu unterlaufen und durch „mitteleuropäische Meditationen“ scheinbar rückwärts gewandt nach vorne zu sehen, um Auswege aus einer verzweifelten Lage zu finden.

Freiheit ist für den Autor der „Betrachtungen“ vor allem Freiheit von der Politik. Die Vorstellung, sie politisch zu fassen, weist er weit von sich. Nicht nur das. Sie erscheint ihm zutiefst undeutsch. Eine Demokratisierung gar wäre für ihn „Entdeutschung“. Er steigert sich in immer wildere Gegensätze, in immer großartigere Antinomien. Es geht in keiner Zeile um Serbien, um die Treue zu Österreich. Die Anlässe des Krieges liegen längst vergessen in der Vorgeschichte des Buches. Der Krieg ist im Kern keiner um die Macht, sondern um die Möglichkeit einer ohnmächtigen Existenz. Dafür steht in den Augen des Autors Deutschland. 

Am 10. Februar 1933 wird Thomas Mann im Auditorium Maximum der Universität München einen seiner klügsten, hellsichtigsten Vorträge halten: „Leiden und Größe Richard Wagners“. Darin erklärt er, der von ihm geliebte Komponist sei „den Weg des deutschen Bürgertums gegangen: Von der Revolution zur Enttäuschung, zum Pessimismus und einer resignierten, machtgeschützten Innerlichkeit. Dennoch steht das in einem gewissen Sinne sehr undeutsche Wort in seinen Schriften: ‚Wer sich unter der Politik hinwegstiehlt, belügt sich selber!‘ Ein so lebendiger und radikaler Geist war sich selbstverständlich der Einheit des humanen Problems, der Untrennbarkeit von Geist und Politik bewusst; er hat nicht der bürgerlich-deutschen Selbsttäuschung angehangen, man könne ein unpolitischer Kulturmensch sein – diesem Wahn, der Deutschlands Elend verschuldet hat.“

Da ist die Wendung, über die Thomas Mann 1918 noch nicht verfügte: die machtgeschützte Innerlichkeit. Genau um die war es dem Thomas Mann der „Betrachtungen“ gegangen. Für die war er eingetreten. Aber der Begriff stand ihm erst zur Verfügung, als er kritisch sah, was dieser bezeichnete. 

Nicht zu überhören ist in der Rede von 1933 Thomas Manns Selbstkritik. Er hatte in den „Betrachtungen“ ja nicht nur der „Selbsttäuschung angehangen, man könne ein unpolitischer Kulturmensch sein“. Er hatte das sogar als wesentlichen Charakterzug eines ganzen Volkes bezeichnet – nicht ohne Komik bei jemandem, der nicht müde geworden war, immer wieder auf das Heikle und Gefährdete einer Künstlerexistenz hinzuweisen, die so gar nichts mit dem gewöhnlichen Leben gemein habe.

Man kann die „Betrachtungen“, diese große Invektive gegen die Demokratie, als einen ersten Versuch der „Demokratisierung“ des Künstlers Thomas Mann lesen. Er möchte nicht mehr draußen stehen. Er möchte dazugehören. Nicht mehr sehnsuchtsvoll hinüberschauen zu den „Wonnen der Gewöhnlichkeit“. Er begibt sich hinein, schreibt eine Kampfschrift. Er schreibt sie in vollem Ernst und ganz bei der Sache. Aber er schreibt sie auch aus der Distanz dessen, der Erfahrung mit der Selbstbeobachtung hat. Er weiß, dass die Buddenbrooks ein großer Gesellschafts-, ein europäischer Roman sind. Er weiß, dass es Blödsinn ist, Rhetorik und Literatur als westeuropäische Künste der deutschen Musik gegenüberzustellen. Er weiß das, weil er sich kennt. 

Der Gegensatz, um den es in diesem Krieg angeblich geht, ist in Wahrheit der Widerspruch, die Spannung, aus der sein eigenes Werk hervorgeht. Thomas Mann schreibt: „In Deutschlands Seele werden die geistigen Gegensätze Europas ‚ausgetragen‘ – im mütterlichen und im kämpferischen Sinne ausgetragen. Dies ist seine eigentliche nationale Bestimmung. Nicht physisch mehr – dies weiß es neuerdings zu verhindern – aber geistig ist Deutschland noch immer das Schlachtfeld Europas. Und wenn ich ‚die deutsche Seele‘ sage, so meine ich nicht nur im Großen die Seele der Nation, sondern ich meine ganz im einzelnen die Seele, den Kopf, das Herz des deutschen Individuums: Ich meine sogar auch mich selbst.“

Das ist pathetisch. Zerrissenheit wird zelebriert. Wieder einmal wird es als besondere Auszeichnung gefeiert, Opfer zu sein. Thomas Manns Sohn Golo wird im dem 19. Jahrhundert gewidmeten Band der Propyläen Weltgeschichte – scheinbar ganz im Sinne des Vaters – einsetzen mit der Romantik. Aber gerade nicht mit der deutschen, sondern mit Chateaubriand. Die Romantik ist kein Alleinstellungsmerkmal Deutschlands. Sie blühte auch anderswo in Europa.

Ergreifend: Er ist dabei zu verraten, was er liebt

Das Deutsche ist nicht das einzige Schlachtfeld Europas. Und schon gar nicht im Ersten Weltkrieg.  Diese Verlogenheit macht die „Betrachtungen“ so unerträglich. Thomas Mann war das immer wieder klar. Ihn dabei zu beobachten, macht den Reiz des Buches aus. Man sieht ihm, eine seltene Gelegenheit, beim Scheitern zu. Eben noch heißt es, der deutsche Bürger sei ein romantischer Individualist. Ein paar Seiten später plädiert er für seinen Wohnort München gegen das preußisch-amerikanische Berlin. 

Im „Zauberberg“ kann er seine Ein- und Ausfälle auf das ganze Personal des Buches verteilen. In den „Betrachtungen“ kommen die unterschiedlichsten Gesichtspunkte immer als seine eigenen sichersten Überzeugungen daher. Immer auftrumpfend. Das nervt. Es amüsiert aber auch und, ist man ein Fan, dann ergreift es sogar. Man erkennt, dass er dabei ist zu verraten, was er liebt. 
Eine Welt ohne die großen französischen Gesellschaftsromane ist nicht lebenswert. Aber hier glaubt Thomas Mann, sich von ihnen befreien zu müssen. Er widerspricht Hermann Bahr, der im 1909 erschienenen Roman „Königliche Hoheit“ ein „Fanal der neuen Demokratie“ erkannte. Das sei dort doch alles nur ironisch gemeint gewesen, meint er. „Nur“ – so hat Thomas Mann sich und seine Kunst nirgends sonst verleugnet. 

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