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Thomas Kapielski-Lesung Krampfadern in Monschau

Thomas Kapielski lockt in Frankfurt in seinen "Mischwald": Lange Sachen könne er nicht, wie er sagt in der Romanfabrik. Seine Texte sind wie das Leben, banal bis absurd. Von Christoph Schröder

30.04.2009 00:04
CHRISTOPH SCHRÖDER
Foto: Andreas Hiepko

Ganz oben ist Thomas Kapielski jetzt also angekommen. In der Hochkultur. Beim Suhrkamp Verlag. "Suhrkamp Verlag Frankfurt", wie Michael Hohmann, Leiter der Frankfurter Romanfabrik, mehrfach betonte. Kapielski, unüberhörbar Berliner, Künstler, Schriftsteller, hoch gebildeter Spaßmacher - und Pointenverweigerer, wie sein Auftritt einmal mehr unter Beweis stellte.

Lange Sachen könne er nicht, wie er sagt. "Mischwald" heißt eines seiner beiden neuen Bücher; jenes, das bei Suhrkamp erschienen ist. Und Kapielski hat dann auch gleich ausprobiert, was die Hochkultur so alles mit sich machen lässt: Aus Gründen der Irrelevanz durchgestrichenen Text abdrucken zum Beispiel. Wird genehmigt. Oder Seiten in Ungarisch veröffentlichen, obwohl der Autor dieser Sprache gar nicht mächtig ist. Ist auch durchgegangen; steht jetzt alles drin in "Mischwald". Und noch eine Menge mehr.

Philosophische Fragen werden aufgeworfen: Ist die dicke Fliege, die nicht an der Glasscheibe zerquetscht, sondern ins Freie gelassen wurde, ihrem Retter nun ewig dankbar? Man erfährt von einem Getränk namens Schwedenbitter, das früher noch mit Laudanum versetzt gewesen sein soll ("da war es besser").

Man hört von einem Fernsehabend mit André Rieu und Salvator, einem Starkbier, dessen Genuss "abscheulich stinkende Flatulenzen" einerseits, andererseits Gottesnähe zur Folge haben kann. Und man nimmt mit etwas geringerem Erstaunen als Kapielski selbst die Tatsache zur Kenntnis, dass in jeder Wohnung, in der der Autor bislang lebte - das sollen mehr als 20 gewesen sein - Stromzähler, Trittleiter und Staubsauger eine "abseitige, von Vorhängen separierte Freundschaft" pflegten. Kapielskis Texte sind wie die Welt - banal bis absurd.

Ein Eindruck, der sich verstärkte, als er aus seinem neuen, nicht bei Suhrkamp, sondern in der Edition Urs Engeler erschienenen Band "Ortskunde" vorlas. So freut sich die in Süddeutschland lebende Mutter jedes Mal, wenn die Tochter in Lüneburg an der roten Ampel geblitzt wird, weil sie auf diese Weise ab und zu mal ein Foto geschickt bekommt. Nicht ohne Bedeutung auch die Frage, was die Menschen in Monschau sich haben zu Schulden kommen lassen ("Rachitis ohne Ende, Krampfadern meterweise").

Ob Kapielski sich den Werbespruch "Schwerin: Schwer in" tatsächlich hat patentieren lassen, wird die Stadt Schwerin spätestens dann herausfinden, wenn sie auf die bescheuerte Idee kommen sollte, ihn benutzen zu wollen. Vorstellbar wäre es, denn wie gesagt: die Welt ist absurd.

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