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Terézia Mora Die Garantie für einen brauchbaren Text

Hochverdient und logischerweise erhält Terézia Mora nun auch den Georg-Büchner-Preis.

Terézia Mora
„Schmerzlich trifft sie den Nerv unserer Zeit“, so würdigt die Darmstädter Jury die Büchner-Preisträgerin 2018, Terézia Mora. Foto: dpa

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Terézia Mora pflegt zur geschriebenen Sprache ein tiefes Vertrauensverhältnis. „Nicht dass du etwas erlebt hast, garantiert einen brauchbaren Text, sondern dass du schreiben kannst“, erklärte sie 2014 in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung, in der sie den jahrzehntelangen Weg zum ersten Satz schilderte, ein Suchen, Testen, Verwerfen. Denn das Vertrauensverhältnis zur geschriebenen Sprache ist für Terézia Mora durch Arbeit und lange Vorbereitungs- und Annäherungsphasen erworben. 

Warum ist es dann überhaupt ein Vertrauensverhältnis? Weil die Geschichte „Der Student hat die Pfandleiherin umgebracht“ in der „Bild“-Zeitung stehen oder von Dostojewski sein könne, so Mora in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“. Die Ingredienzien seien dieselben, das Resultat hingegen sei ein anderes. „Der Unterschied liegt in etwas zumindest teilweise Unerklärlichem: Natürlich arbeite ich intensiv an der Sprache, es gibt aber Anteile, die ich überhaupt nicht steuern kann, die einfach da sind, und wo ich nur dankbar sein kann, dass sich die Sprache gerade mir in dieser Weise zur Verfügung stellt.“ Letzteres in immer neuer Weise, teils spröde, teils rasant und parodistisch, wobei der ökonomische Ansatz – Reduktion, Auslassung, das Herunterkühlen des hochvirtuosen Tons – immer zu spüren ist.

Selbstverständlichkeit durchläuft einen aufwendigen Herstellungsprozess. Auch wenn Erlebnisse keinen brauchbaren Text garantieren, bringt Terézia Mora doch welche mit. Als Ungarn-Deutsche 1971 auf dem Land nahe der österreichisch-ungarischen Grenze geboren, verlebte sie ihre Kindheit in einer problematischen Dorfgemeinschaft, der zu entkommen offenbar eine Notwendigkeit war. Das gelang grundlegend, erst durch ein in Budapest aufgenommenes Studium, dann, Mora war 19 Jahre alt, durch den Umzug nach Berlin, wo sie seitdem lebt.

Trinkende, glücklose, geistig verwahrloste Erwachsene, Frage- und Redeverbote subtiler und weniger subtiler Art – vor dem Vertrauen in die geschriebene Sprache steht das Misstrauen gegen die mündliche, ein Misstrauen bis zum Verstummen, wie Mora später erklären wird – durchziehen ihre frühen Erzählungen. Versammelt sind sie im Band „Seltsame Materie“, mit dem sie 1999 Aufsehen erregend debütierte. Zuvor hatte sie mit der Geschichte „Durst“ 1997 den Open-Mike-Literaturwettbewerb in Berlin gewonnen, und mit der Auskoppelung „Der Fall Ophelia“ 1999 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. 

Denn man muss schon sagen, dass Terézia Mora nun konsequent eine Gewinnerin wurde. 2005 erhielt sie für ihren, wie alle nachfolgenden literarischen Titel bei Luchterhand erschienenen Debütroman „Alle Tage“ den (erstmals vergebenen) Preis der Leipziger Buchmesse. 2009 feierte sie mit dem sprichwörtlich gewordenen Titel „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ ihren vielleicht größten Publikumserfolg, indem sie mitten in die Bankenkrise hinein den nicht unsympathischen Chaoten und Versager Darius Kopp als modernen Handlungsreisenden (dramatisch auf sich gestellten Vertreter eines US-Konzerns in Europa) platzierte. Darius Kopp, als IT-Experte zuständig für drahtlose Verbindungen, ist ironischerweise seinerseits weitgehend kommunikationsunfähig. So dass Mora bei einem Grundthema bleiben konnte, auch wenn sie sich hier aus den – allerdings ohnehin nie autobiografisch behandelten – Bezirken ihrer Jugend und Herkunft löste. Und mit der gewitzten Anverwandlung eines mit ihr ja durch nichts verknüpften Typus verblüffte, den man als exemplarisch für eine aus den Fugen geratene, dem eigenen Schwanken egoistisch, aber doch auch hilflos gegenüberstehende Wirtschaftswelt begreifen konnte (musste, allerdings hatte Mora viele Jahre früher angefangen, sich damit zu beschäftigen). 

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