Lade Inhalte...

"Tanz der seligen Geister" Alice Munros frühe Geschichten

Alice Munros "Tanz der seligen Geister": Obwohl sie eine der größten Kurzgeschichten-Erzählerinnen Kanadas ist, ist ihr allererster Erzählband von 1968 erst jetzt ins Deutsche übersetzt worden.

Foto: Dörlemann Verlag

Alice Munros "Tanz der seligen Geister": Obwohl sie eine der größten Kurzgeschichten-Erzählerinnen Kanadas ist, ist ihr allererster Erzählband von 1968 erst jetzt ins Deutsche übersetzt worden.

Zwei große Kurzgeschichten-Erzählerinnen hat Kanada im vergangenen Jahrhundert hervorgebracht, Mavis Gallant, geboren 1922, und Alice Munro, geboren 1931. Munro ist hierzulande bekannter, vermutlich, weil sie immer mal für den Nobelpreis gehandelt wird. Trotzdem ist ihr allererster Erzählungsband aus dem Jahr 1968, "Tanz der seligen Geister", erst jetzt ins Deutsche übersetzt worden.

So liest man diese Erzählungen, die in den 30er bis 50er Jahren spielen, heute als Berichte aus dem Leben der Großeltern- oder gar Urgroßeltern-Generation. Denn es ist die Zeit der Großen Depression und des fernen großen Krieges, in dem auch viele Kanadier kämpften. Es ist die Zeit, da Kinderarbeit kein Schimpfwort, sondern eine Selbstverständlichkeit war, und das nicht nur auf dem Land. Munros Mädchen und blutjunge Frauen - die allermeisten Geschichten sind aus ihrem Blickwinkel erzählt - müssen sich mit neun um noch kleinere Geschwister kümmern, bedienen mit elf an der Tankstelle, sind später Dienstboten oder Verkäuferinnen. Oft müssen sie Kleider tragen, die aus aufgetrennten und gewendeten Erwachsenenkleidern gemacht sind. Die Eltern sind arm, die Mütter schneidern selbst, und manchmal stellen sie Peinlichkeiten her.

Auch die Schmutzränder am Hals der Mutter sind peinlich, die Anstandsbesuche bei Verwandten, Nachbarn, der alten Klavierlehrerin, die unbeholfene Anmache der Jungs. Die Munro´schen Mädchen sind ganz schön abgebrüht, sie können die Zeichen lesen, scharf beobachten, grausam sein. Sie haben schon verstanden, dass sie nicht die gleichen Chancen haben wie ihre Brüder ("Jungen und Mädchen"). Man stellt sie sich trotz ihrer Jugend mit schmalen, harten Gesichtern vor. Ihr Vater ist zum Beispiel Hausierer, die Mutter leidend.

Die Tochter soll es besser haben. "Aber als ich die wartende Küche sah und meine Mutter in ihrem ausgeblichenen, fusseligen Paisley-Morgenrock, mit ihrem müden, aber hartnäckig erwartungsvollen Gesicht, da verstand ich, welch eine geheimnisvolle und bedrückende Pflicht ich hatte, glücklich zu sein" ("Rotes Kleid - 1946").

Geschichten wie Bernsteine

Alice Munro ist keine lieblose, aber eine unerbittliche Erzählerin. Unerbittlich in der Präzision, mit der sie entlarvende Details, soziale Prägungen und seelische Befindlichkeiten erfasst, außerdem Ausweichmanöver eines schlechten Gewissens.

Die Leute im Neubaugebiet wollen die alte Nachbarin in ihrem Schandfleck von Haus loswerden ("Die leuchtenden Häuser") - und kann man das nicht verstehen, müssen sie nicht in diesen Zeiten auf den Wert ihrer Immobilien achten? Der reiche Junggeselle wird seine Geliebte einfach dadurch los, dass er verheiratet aus dem Urlaub zurückkehrt ("Postkarte"): "Wenn er etwas nicht erklären konnte, dann vergaß er es einfach", muss die Ex-Geliebte erkennen, als sie ihn endlich herausgeschrien hat aus seiner nächtlichen Villa. Der Dorfpolizist fragt sie: "Tut es Ihnen jetzt nicht leid, dass Sie so ein Tamtam gemacht haben?"

Die junge Betrogene aus dieser Geschichte - ihr war die Ehe versprochen - wird sich durchbeißen, so viel ist klar. Alice Munros Figuren sind in der Mehrzahl Realistinnen. Sie wissen, dass sie sich Empfindlichkeiten nicht leisten können; und ginge es darum, dass der Vater die Familie ernährt, indem er Silberfüchse züchtet, tötet, blutig häutet.

Alice Munro wuchs als Alice Laidlaw auf einer solchen Zuchtfarm auf, die Käfigfüchse finden sich wieder in ihren in Kurzgeschichten-Form gefassten, großartig klarsichtigen Erinnerungen "The View from Castle Rock" 2006, dt. "Wozu wollen Sie das wissen?"). Ein Studium brach sie wegen Geldmangels ab, sie heiratete, bekam vier Töchter, die zweite starb kurz nach der Geburt. Die Munros hatten einen Buchladen; in all der Arbeit fand sie es einfacher, Kurzgeschichten zu schreiben. Trotzdem soll die Arbeit an "Dance of the Happy Shades" 15 Jahre gedauert haben: Alice Munro war offenbar erst zufrieden, als jede Geschichte wie ein Bernstein war, in den ein kleines Leben eingeschlossen ist.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen