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Tagebücher Alice Schmidt Dann waren beide schön duhn

Bis zur Farbe der Hühnersuppe: Alice Schmidts Tagebücher von 1955 sind begeistert vom Leben mit Arno. Schmidt, sein Werk, schimmern in fast jedem Eintrag durch. Von Sven Hanuschek

14.04.2009 00:04
SVEN HANUSCHEK
Alice war von ihrem Leben mit ihm begeistert: Arno Schmidt. Foto: dpa

Die Arno Schmidt Stiftung hat sich nach dem Tagebuch Alice Schmidts von 1954 zu einem weiteren Band entschlossen, für das Folgejahr 1955. Dafür kann man sich nur bedanken: Alles, was den ersten Band so reizvoll gemacht hat, gilt für diesen erneut - die Mischung aus Unmittelbarkeit und auserzählter Situationskomik und -dramatik trägt auch diesmal Neues zum Verständnis des Schriftsteller-Alltags von Arno Schmidt bei, oft über biographische Details hinaus.

Schmidt, sein Werk, seine Idiosynkrasien schimmern in fast jedem Eintrag durch, gelegentlich lässt sich sogar ein Detail des wirklichen Lebens nachvollziehen, bevor es Teil des Werks wird: Am 20. März etwa notiert Alice, die Hühnersuppe habe "ein schmutziges Blau" als Farbe. Sie hatte im Topf eine Bluse gefärbt, und beim Abwaschen war offenbar "nicht alles rausgegangen. ‚Gift' stand nicht auf der Packung, also wird sie gegessen." Ihr Mann notiert den Vorfall, und wir wissen nun, warum die Line im Roman "Das Steinerne Herz" blaue Suppe kocht, einer der komischen Höhepunkte des an Komik nicht armen Romans.

Noch im Konflikt zeigt sich Innigkeit, wenn Alice etwa eine Arbeit lobt: "ein echter Schmidt: abwechselnd ohrfeigen und anbeten!" Das Paar hatte ein undurchschaubares Punktesystem zur Bewertung der jeweiligen Monate, sie unterhalten sich mit Kartenlegen und Bücherstechen als Zukunftsprognosen, legen eine Liste an, wo sie sich gegenseitig Strafpunkte geben, wenn sie zu viel meckert und er zuviel knarrt. Als sie ihn beim "Butzen", beim Nachmittagsschlaf stört, weil sie zu laut mit Papier knittert und mit Holzlatschen klappert, notiert sie glücklich das Gegrantel ihres Mannes: "Brüllhahn, = Knitterhexe = Latschentramp!!"

Alice Schmidt macht nicht nur den Haushalt, sie schreibt Übersetzungen und Artikel ins Reine, ist Chronistin des gemeinsamen Lebens, übersetzt für sich Cooper und lernt Französisch. Sie hatte mit ihrer weit pragmatischeren Einschätzung des literarischen Betriebs einen erheblichen Anteil an der Durchsetzung des Werks, zeitweilig übernimmt sie die Korrespondenz und den Versand von Feuilletons und Erzählungen an die Tageszeitungen. Sie hat Sinnkrisen ihres Mannes, harsche Gesten des Abbruchs mehrfach abgefangen. Auch wenn sie ihm in manchen Einschätzungen recht gibt: "er will nie mehr was mit Literatur zu tun haben. Wos denn einen Beruf gäbe wo man das Beste leistet und dafür von Jedem Öffentlich angehangen kriegt (Recht hat er!) In keinem Beruf wärs so!"

Das ist alles so spannend, dass auch weniger tierfreundliche Leser gern die Mikrodramen in Kauf nehmen und über Wochen verfolgen, wie ein Blaumeisenpärchen in Sichtweite brütet und nach und nach mitsamt der Kleinen den Weg in die Katzenmägen geht, zum Leid der Diaristin. Das Jahr 1955 hat zudem einiges an Umbrüchen für Schmidt zu bieten. Der drohende Prozess wegen Gotteslästerung und Pornographie nach dem Druck der Erzählung "Seelandschaft mit Pocahontas" bringt die hektische Suche nach Umzugs-, ja Emigrationsmöglichkeiten mit sich, um dem Bezirk des katholischen Amtsgerichts Trier zu entrinnen.

Mit Hilfe Eberhard Schlotters landen sie schließlich in der Darmstädter Inselstraße, Schmidts Verbindungen zum literarischen Leben waren keineswegs so karg, wie sein Ruf vermuten ließe. Mit Schlotter verband ihn eine Freundschaft ohne falsche Töne, weil er von dessen Gemälden so beeindruckt war, dass er nicht mit ihnen im selben Zimmer übernachten wollte - die Eindrücke waren zu stark und raubten ihm den Schlaf. Der Umgang mit Alfred Andersch, Ernst Kreuder, Martin Walser und anderen wird in Alice Schmidts Tagebuch trotz aller Abbreviaturen womöglich deutlicher als in den bereits publizierten Korrespondenzen - die spontanen Beiseite-Komplimente oder -Beschimpfungen hat sie getreulich mitgeschrieben. Schmidts Reaktion auf Schlotters Bilder zeigt seine Empfänglichkeit für äußere Eindrücke, die er deshalb gering zu halten suchte - eine Reise, unerfreulicher sozialer Umgang, sogar eine Kritik, und sei sie noch so dumm und verständnislos, konnten ihn tagelang blockieren, in den eigenen Assoziationsstürmen gefangen halten. Seine Produktionsweise wird auch an diesem Tagebuch wieder deutlich: Entgegen der eigenen Stilisierung als "Wortmetz", der mühsam ein Mosaiksteinchen neben das andere legt, hat er mit unglaublicher Geschwindigkeit, aus einem unerschöpflichem Fundus seine Werke - nach einer längeren Sammelphase - niedergeschrieben (1955 neben vielen kleinen Zeitungsbeiträgen und umfangreichen Übersetzungen das "Steinerne Herz" und die Erzählung "Tina oder über die Unsterblichkeit").

Immer wieder ist Schmidt das Klein-Klein, die Enge der Lebensverhältnisse seiner Figuren vorgeworfen worden. Alice Schmidt kann lehren, wie sehr das, was blasierte Kritiker hier gestört hat, die fehlenden Wonnen der eigenen Bürgerlichkeit sind - auf die Schmidts so entschieden verzichtet haben. Sie lebten in selbst gewählter Anti-Bürgerlichkeit, an der die jahrelange Armut nur einen kleinen Anteil hat.

Beide arbeiten tagelang für Geist & Kunst durch, aber die Lebensmittelpakete werden gefeiert, wie sie kommen. Man probiert schon mal gleich den Rum, und "hinterher noch Trester mit Himbeersaft", wonach sie "beide schön duhn" sind. Der Schreibmaschinenkauf wird so terminiert, dass man ja dem Adenauerstaat keine Steuern zahlen muss. Alice Schmidt macht sich lustig über das Biedermännische, den "ehrbar tuenden Bürgertyp" und zweifelt nie an den Grundentscheidungen ihres Lebens: "Das ist doch toll mit dem Arno!!"

Alice Schmidt: Tagebuch aus dem Jahr 1955. Hrsg. von S. Fischer. Edition d. A. Schmidt Stiftung. Suhrkamp 2008, 373 S., 38 €.

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