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Syrien Adonis Keine Verurteilung des Mordens

Der syrische Dichter Adonis ist als Remarque-Preisträger inakzeptabel: Ein Plädoyer des im Exil lebenden syrischen Autors und Journalisten Yassin Al Haj Saleh.

21.09.2015 17:13
Yassin Al Haj Saleh
Der syrische Dichter Adonis soll den Remarque-Preis bekommen. Dagegen formiert sich Widerstand. Foto: imago stock&people

Nach der Kritik an der Vergabe des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises 2015 an den syrischen Dichter Adonis und der Erkenntnis, dass dieser niemals ein Werber für den Frieden in seinem Land war, zog die Stadt Osnabrück den Preis nicht wieder zurück. Stattdessen beharrte sie darauf, Adonis werde „für sein Eintreten für die Trennung von Religion und Staat, die Gleichberechtigung der Frauen in der arabischen Welt sowie für eine aufgeklärte arabische Gesellschaft“ geehrt.

In Wirklichkeit ist der bekannte Dichter jedoch keineswegs für ein besonderes Engagement im Kampf für Frauenrechte bekannt und hat sich niemals persönlich in der Auseinandersetzung um die Emanzipation hervorgetan. Vielmehr repräsentiert er einen gebieterischen Säkularismus, der zwar die religiös-politische Praxis der Oppositionellen beargwöhnt, nicht aber die Art der Ausübung der Staatsgewalt und die Struktur des religiösen Sektors in seinem Heimatland.

Niemals stand Adonis einem freiheitlichen säkularen Denken nahe, das gegen die religiöse Herrschaft und für mehr Freiheit und Gerechtigkeit – für religiöse wie für nichtreligiöse Menschen – kämpft, denn der Säkularismus des Dichters Adonis fürchtet sich vor der Masse und nicht vor dem Regime des Tyrannen. Adonis wendet sich gegen eine Herrschaft des Islam, weil sie islamisch ist, nicht weil es sich um eine Herrschaft handelt, und aus diesem Grund war seine Stimme angesichts des Willkürregimes von Assad und Seinesgleichen kaum vernehmbar.

Die Religion der Mehrheit

Statt jedoch die Aussagen von Adonis hier auf die Waagschale zu legen, möchte ich über seine Methode sprechen, die sich auf Impressionen, auf Eindrücke, stützt. Nicht an der Realität ist der Dichter orientiert, Details und belegbare Informationen interessieren ihn nicht, er stützt sich nicht auf aktuelle Dokumente und diskutiert keine Texte. Stattdessen konzentriert sich Adonis’ Methode auf die Interpretation der aktuellen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Situation der Araber durch ihre Kultur und ganz besonders die Religion ihrer Mehrheit, den Islam.

Die Strukturen der Staatsgewalt und die Form ihrer Ausübung sind für ihn entweder vollkommen unwichtig oder im besten Falle sekundär. Nichts finden wir in seinen Schriften über die soziale Situation der Bevölkerung, über die Bildungs- und rechtliche Situation, es gibt keine wie auch immer gearteten Hinweise auf die politische Ökonomie und die politische Soziologie, auch nichts über die Gefängnisse, die Folter und über die Situation der Menschenrechte.

Adonis’ Methode ist nicht das Produkt einer abstrakten ideologischen Entscheidung, sondern hängt mit seiner Position im politischen und kulturellen Bereich in Syrien und der arabischen Welt zusammen. Immer befand sich Adonis in größerer Nähe zum „säkularen“ Regime des Tyrannen als zur Opposition – insbesondere in Syrien; er greift nicht nur die Islamisten unter den Oppositionellen an, sondern die gesamte Opposition, inklusive säkularer Demokraten wie Unseresgleichen. Und in seinen Texten kritisiert er emotionslos eine abstrakte Willkürherrschaft ohne Gesichtszüge und leitet diese wie gewöhnlich aus der kulturellen Zusammensetzung der Gesellschaften her.

Gestützt auf seine kulturalistische Methode, glaubt Adonis, dass das Problem in Syrien beim „Kopf“ und nicht beim „Stuhl“ liege, soll heißen, bei den Köpfen der Syrer und nicht am Stuhl Baschar al-Assads, den der Dichter sich bemüßigt fühlte, als „gewählten Präsidenten“ zu bezeichnen. Dies ist eine Beleidigung der Wahrheit wie der Syrer gleichermaßen, ist Baschar al-Assad doch der Erbe des Diktators Hafiz al-Assad, der Zehntausende Syrer ermordete und eine raubgierige Dynastie aufbaute, die für den Tod von dreihunderttausend Syrern und eine maßlose gesellschaftliche, politische und ökonomische Zerstörung des Landes verantwortlich ist.

Als der Dichter die Theorie des Kopfes und des Stuhls Anfang 2013 entwarf, hatte Herr Baschar al-Assad bereits etwa hunderttausend Syrern das Leben genommen, ohne dass ihm damals schon beim Morden ein Partner zur Seite stand. Dank dieser seiner Methode äußerte sich Adonis auch abfällig über das syrische Volk und konstatierte, dass ein Drittel der Syrer emigriert sei. Eigentlich bedürfen die persönlichen Informationen des Adonis keines Kommentars, denn Tatsache ist, dass vier Millionen Menschen ihrem Land gezwungenermaßen den Rücken gekehrt haben, was etwa zwanzig Prozent der syrischen Bevölkerung entspricht, und dass insgesamt etwa elf Millionen Syrer – also die Hälfte der syrischen Bevölkerung – ihr Zuhause verlassen musste.

Es waren keineswegs die Liebe zum Tourismus oder die Auswirkungen einer Naturkatastrophe, die ein Fünftel der Syrer aus ihrer Heimat zwangen, sondern der Beschuss mit Fass- und Vakuumbomben, die Belagerung und das Aushungern ganzer Regionen und der Foltertod Zehntausender Syrer durch das Regime jenes „gewählten Präsidenten“. Und weil darüber hinaus dieser „gewählte Präsident“ und seine Verbündeten einen weiteren Verbrecher zum Partner genommen haben, der mordet und zerstört: den Islamischen Staat.

Adonis’ Methode rückt ihn in die Nähe von heutigen rechten Strömungen im Westen und Ideologien des „weißen Mannes“, die „die Moderne“ als Politik der Entwicklung der Ersten Welt sieht und in der zwar Materielles und Äußerlichkeiten eine Rolle spielen, nicht aber zwischenmenschliche Beziehungen, Menschenrechte, Politik und Gesellschaft.

Nach viereinhalb Jahren des Mordens hat Adonis den Assad-Staat in keinem einzigen Artikel verurteilt. Über kein zerstörtes Haus hat er geschrieben, über kein Massaker, nicht über den Tod unter Folter, über keine Verhaftete oder Entführte und Verschwundene oder nicht über die Vergewaltigungen in den Geheimdienstzentren. Nicht einmal über die Opfer des IS konnte er Eindeutiges schreiben, weil er sich niemals über die Opfer der beiden Assad-Regimes geäußert hat.

Selbst als er über den kurdischen Jungen Aylan schrieb, der mit seiner Mutter und seinem Bruder im Mittelmeer ertrank, stellte er dieses Ereignis als einen schrecklichen Vorfall dar und nicht als politisches Ereignis, das in den Kontext der Konfrontation der Ersten Welt mit den Aufständen der Menschen in der Dritten Welt eingeordnet werden muss. Der Dichter hat sich selbst erfolgreich hinter seinem Impressionismus und seiner Leugnung der Verantwortung verschanzt, indem er eine obskurante verschwommene Sprache benutzt, die selbst dann keine eindeutigen Worte mehr findet, wenn seine Methode Anwendung finden könnte.

Vorlieben der Verleihenden

Es ist eine Beleidigung des Begriffs Aufklärung, dass Adonis’ Obskurantismus, der alles als Mentalitäten interpretiert, „als Aufklärung der arabischen Gesellschaften“ betrachtet wird. Ich fürchte, dass dieser Begriff eng mit einem europäischen Zentralismus verbunden ist, der sowohl sich selbst gefällt als auch jenen, die sein Bild widerspiegeln. Wahrscheinlich kommt der Preis, der dem Dichter zuerkannt wurde, eher den Vorlieben der verleihenden Seite, ihrer Ideologie und ihren „Impressionen“ entgegen als der Tatsache, dass der Dichter ein Verteidiger von Frauenrechten, Säkularismus und Aufklärung sei – oder der syrischen Flüchtlinge und des verwüsteten Landes.

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

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