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„Sturm und Stille“ Venus im Beamtenrock

Jochen Missfeldt lässt in seinem Roman „Sturm und Stille“ Theodor Storms Geliebte erzählen.

Husum
„Unter jedem Dach ein Ach“, sagt Doris’ Mutter. Husum in den dreißiger Jahren, Blick auf die Große Straße vom Brunnen aus. Foto: Imago

Sie ist sechzehn, er achtundzwanzig, als es passiert. Bei ihm muss es noch etwas früher angefangen haben, seine Schwester Cile spielte oft mit ihr und er konnte die Augen nicht von dem Kind lassen, das durch Haus und Hof getobt war. „Lass dich noch einmal beaugenscheinigen, Kindchen“, sagte er ihr einmal zum Abschied und dann später wieder und wieder. Als sie dann auch noch im Nixenchor singen darf, den er zu Ehren des Besuches von König Christian in Husum zusammenstellt und dirigiert, verliert sich Doris Jensen, Tochter des angesehenen Husumer Holzhändlers Jensen, für immer an den wortgewandten Dichter, der mit knochiger Hand dirigiert und mit roter Nase über jenen Deich stürmt, den er im „Schimmelreiter“ berühmt gemacht hat.

Fortan gehört ihr Herz Theodor Storm unbeirrbar. Das Dumme ist nur: Storm, im Hauptberuf Rechtsanwalt, war zu dieser Zeit schon verlobt. 1844, während er mit Doris Jensen anbandelt, heiratet er seine Cousine Constanze Esmarch. Aus der Ehe gehen sieben Kinder hervor, bei der Geburt des letzten stirbt Constanze, einundzwanzig Jahre nach ihrer Hochzeit, am Kindbettfieber.

Die Ehe mit Cousine Constanze hindert weder Theodor Storm noch Doris Jensen, gleich nach der Hochzeit ihre nicht ganz zu verheimlichende Liaison zu vertiefen, die, obwohl Storm sie immer wieder für viele Jahre unterbricht, ein Leben lang halten wird. Es nützt auch nichts, dass Doris Jensen auf Beschluss der Väter Storm und Jensen aus Husum so gut wie verbannt wird. Sie zieht übers norddeutsche Land von Stellung zu Stellung, arbeitet als Haushälterin und Gesellschaftsdame und hält dabei ihr Herz warm für Storm, der zwar nichts unternommen hat, um ihre Verstoßung zu verhindern, aber alle paar Jahre mal vorbeischneit, um erst einmal mit galliger Eifersucht auf die Umgebung zu reagieren, die ihr hilft, dieses Los geduldig zu ertragen.

Die Frauenperspektive ist ein Wagnis

Ein Jahr nach Constanzes Tod 1866 heiratet die inzwischen 38-jährige Doris endlich den Dichter. Er hat zwar schon eine Haushälterin, leidet aber unter ihrer mangelnden Schönheit, wie er selbst beklagt. Doris und Theodor Storm leben fortan Seit’ an Seit’, bis der inzwischen erfolgreiche Schriftsteller 1888 in der gemeinsamen Villa in Hademarschen unweit ihrer Heimatstadt Husum stirbt.

Aus heutiger Sicht drängt der Zeitgeist natürlich die Frage auf: Wie doof muss man sein? Wie muss man gestrickt sein, um sich zwanzig Jahre hinhalten zu lassen, dem verheirateten Mann aus der Ferne die Treue zu halten und nach dem Tod der Frau ganz selbstverständlich deren Platz einzunehmen, dem verwöhnten Kerl den Haushalt zu schmeißen und noch ein achtes Kind zu schenken? Jochen Missfeldt, der ehemalige Starfighter-Pilot, Schriftsteller und überaus kundige Storm-Biograf, hat das Wagnis unternommen, die Sache aus der Sicht der Doris Jensen zu schildern.

Ein Wagnis ist es aus gleich drei Gründen: Erstens gelingt es fast nie, sich als Mann ich-erzählend in eine weibliche Perspektive hineinzuversetzen; zweitens gehorcht die Liebe in der Realität einer anderen Dramaturgie, als sie ein Roman benötigt; und drittens muss der Autor sich in einen gefühlsmentalen Kosmos versenken, der sich von unserem heutigen deutlich unterscheidet. Als die junge Doris sich Theodor Storm zum ersten Mal hingibt, klingt das so: „Geleitet von Ruhe und Ordnung, Liebe und Frieden, nahm ich ihn also auf in meinen Schoß.“ Es klingt wie Venus im Beamtenkittel. Die brave Doris ist im Ethos einer inneren „Geradigkeit“ erzogen worden, gelernt hat sie, „sich einen Ruck zu geben und gegen eine Haltung ohne Mark und Knochen anzutreten“. Wegen der Aufrichtigkeit ihrer Liebe bleibt ihre Lauterkeit unerschüttert und der Ehebruch frei von schlechtem Gewissen.

Ein gemeinsamer Freund wünscht den beiden sogar „Gottes Segen für die süße Mühsal eines ehebrecherischen Lebens“. Eine gute Portion des vormärzlichen Freundschaftskultes, der damals die jungen Progressiven beflügelte, lebt noch in der biederen Ungeheuerlichkeit, mit der Doris für Storms Frau Topfuntersetzer zu Weihnachten häkelt, die sie mit den Schriftzügen Husum und Segeberg bestickt, Letzteres der damals aktuelle Ort ihres Exils.

Ein Liebesabenteuer aus Distanz und Nähe

Mag aus der Perspektive der heutigen Selbstverwirklichungsansprüche Doris Jensens Geduld aufreizend schafsartig erscheinen, Jochen Missfeldt gelingt es doch, sie uns als eine unabhängige, stolze Frau näherzubringen, die zwar fatalistisch die Konventionen akzeptiert, aber sich doch dafür zu schade ist, ehelich bei jemand anderem als dem geliebten Storm unterzukriechen.

Warum sie aus der dauerschmerzlichen Herzensangelegenheit kein Drama macht, sondern sie stoisch durch zwei Jahrzehnte trägt, das wird beim Lesen plausibler, als man es für möglich gehalten hätte. Dazu trägt auch das norddeutsche Idiom bei, das Missfeldt in den Text webt. Da „kalfalktoriert“ jemand als Köchin herum, „Storm hatte sich mal wieder komisch“ und Doris’ Mutter trägt beständig ihr Lebensmotto „es muss gegangen sein“ auf den Lippen, getröstet von der Einsicht, anderen erginge es auch nicht besser: „Unter jedem Dach ein Ach.“

Psychologisiert wird wenig in diesem Buch. Es muss eben gegangen sein. Der vor bald genau 200 Jahren geborene Theodor Storm, der seinen volksnahen Realismus poetisch enorm aufzumöbeln wusste, ist fasziniert von Doris’ Geschichten. Nach dem Sex muss sie immer erzählen, „er nannte diese Zeit unser Après, ein Flüstern danach“.

„Sturm und Stille“ ist ein gelungener Versuch, Alltagsdenken und Liebesfühlen des 19. Jahrhunderts in der großen historischen Distanz zum Heute nachvollziehbar zu machen. Tatsächlich, so könnte es gewesen sein. Ein Liebesabenteuer aus Distanz und Nähe, auch für den Leser.

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