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Studie zu sexuellen Übergriffen der Wehrmacht Massenhaft geschehen, schwer zu belegen

Das sexuelle Verhalten von 17 Millionen deutschen Soldaten während des Zweiten Weltkriegs wurde bislang kaum seriös untersucht. Das holt Regina Mühlhäuser jetzt in ihrer Studie "Eroberungen" nach. Von Rudolf Walther

28.05.2010 00:05
Rudolf Walther
Deutsche Soldaten stürmen ein russisches Dorf. Wer nicht mitmachen wollte, wurde zum Kriegsverräter. Foto: dpa

Die zum Buch umgearbeitete Dissertation von Regina Mühlhäuser betritt in mehrfacher Hinsicht Neuland. Erstaunlicherweise wurde das sexuelle Verhalten von insgesamt 17 Millionen deutschen Soldaten in den besetzten Gebieten während des Zweiten Weltkriegs nämlich bisher kaum seriös untersucht. Die erste Studie dazu hat 1975 die amerikanische Historiker Susan Brownmiller vorgelegt. Eine detaillierte Untersuchung zu den Einsatzgruppen publizierten 1981 Helmuth Krausnick und Hans-Heinrich Wilhelm. Die erste umfassende Studie zum Thema brachte Birgit Beck 2004 unter dem Titel "Wehrmacht und sexuelle Gewalt" heraus. Die Arbeit von Regina Mühlhäuser geht über diese Vorstudien hinaus, weil sie sich auf umfassenderes Material bezieht und dieses auf methodisch sicherer Basis ebenso sorgfältig wie behutsam interpretiert.

Solche Sorgfalt und Umsicht sind ratsam, denn die Quellenlage ist ausgesprochen dürftig und steht in einem Missverhältnis zur empirisch gestützten und plausiblen Hypothese, dass sexuelle Übergriffe von Männern gegen Vertreterinnen des Feindes im Kriegsfall sozusagen seit Urzeiten zur schrecklichen Normalität gehören. Regina Mühlhäuser widersteht der Versuchung, von dieser Hypothese kurzuschließen auf empirisch nicht verifizierbare Spekulationen, die den kriegführenden Männern jede Schandtat zuschreiben.

Gerade weil sich das quantitative Ausmaß der sexuellen Gewalttaten, die zweifellos von deutschen Truppen verübt wurden, im Detail nicht mehr beziffern lässt, ist Vorsicht geboten bei Kontextualisierung und Interpretation der handfesten Belege für einzelne Fälle. Es sind eben nur Einzelfälle dokumentiert, und diese Fälle vom eher harmlosen Voyeurismus bis zu Formen manifester Erniedrigung und Vergewaltigung von Frauen analysiert die Autorin präzise. Die methodische Disziplin, mit der Mühlhäuser Pauschalisierungen vermeidet, ist vorbildlich - auch wenn diese Beschränkung auf Kosten von Synthesen und allgemeinen Thesen geht.

Regina Mühlhäuser stützt sich auf vier Quellenarten, die alle ihre Tücken haben: Selbstzeugnisse von Soldaten, Akten der Wehrmacht, Selbstzeugnisse von Opfern und Berichte der einheimischen Bevölkerung. In den 40 Milliarden Feldpostbriefen sind offene Hinweise auf Sexualität sehr selten, zumal sich viele Briefe an Eltern, Ehefrauen, Verlobte und Freundinnen richten. In den Wehrmachtsakten kommt Sexualität fast nur unter dem Stichwort "Kampf gegen Geschlechtskrankheiten" vor. Die Zeugnisse von Opfern und der Zivilbevölkerung entstanden oft viele Jahre nach den Erlebnissen.

In der statistischen Darstellung erscheint sexuelle Gewalt als marginales Problem. Nur gegen 5349 von rund 17 Millionen Soldaten wurde im Lauf des Krieges wegen Sittlichkeitsdelikten ermittelt. Dieser geringen Zahl widersprechen die Szenen aus dem "normalen" Soldatenalltag, die Mühlhäuser belegen kann: Gruppen von Soldaten waschen sich nackt vor sowjetischen Frauen und Mädchen, Soldaten beschreiben selbst, wie bei kollektiven Besäufnissen nackte ukrainische Mädchen auf Tischen tanzten; als Partisaninnen verdächtigte Frauen müssen sich vor Soldaten entkleiden und betasten lassen.

Solche Situationen sind im Einzelfall gut belegt. Was bedeuten sie? Ein Zusammentreffen von sexuellen Wünschen und Erwartungen auf der einen, Befürchtungen und Ängsten auf der anderen Seite. Wie sich die Spannungen entladen haben, ist nicht dokumentiert, aber die Situationen allein bezeugen ein Klima, in dem Übergriffe nicht überraschen. Soweit sie aktenkundig wurden, kamen die Täter mit lächerlich milden Strafen und disziplinarischen Sanktionen davon.

Die archivalisch dokumentierten Reaktionen der Wehrmacht und der politischen Führung auf sexuelle Übergriffe von Soldaten waren fundamental ambivalent: Einerseits hatte man für die "sexuellen Nöte" der Soldaten Respekt und Verständnis, andererseits betonte man die Bedeutung von "Manneszucht" im Dienste "rassischer Volksgesundheit". In diesem Dilemma akzeptierten militärische und politische Führung den Kontakt von "fremdvölkischen Frauen" mit deutschen Soldaten ebenso wie die Einrichtung von Bordellen für deutsche Soldaten, wobei deutsche medizinische Beamte und Offiziere den Zugang zu und den hygienisch einwandfreien Betrieb der Bordelle organisierten und überwachten.

Solcher Pragmatismus stieß an seine Grenzen, wenn deutsche Soldaten ihre mit "fremdvölkischen" Frauen gezeugten Kinder legitimieren lassen und deren Mütter heiraten wollten. Hier prallten die Interessen der Rassefanatiker und der Politiker und Militärs, die auf die Klimapflege mit der Bevölkerung besetzter Gebiete setzten, hart aufeinander. Die innernationalsozialistischen Konflikte wurden bis Kriegsende nicht gelöst.

Die desolate Quellenlage bildet eine Schranke für die beeindruckende Studie, das Verstummen der Kriegshelden nach 1945 über ihre sexuellen Verbrechen und Erlebnisse eine andere.

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