Lade Inhalte...

Strategie der Rechten „Das Feld des Sag- und Denkbaren ist verschoben“

„So kann sich Gauland das Dritte Reich mit den Millionen von Toten als „Vogelschiss“ vom Jackett streichen“: Ein Gespräch mit Herfried Münkler über Merkel, Schröder - und die AfD.

Herfried Münkler
Herfried Münkler in seinem Büro in der Berliner Humboldt-Universität. Foto: Imago

Herr Münkler, Ihre Dissertation schrieben Sie über Machiavelli. Arbeiteten Sie danach oder davor über den bundesrepublikanischen Terrorismus?
Iring Fetscher, mein Doktorvater, hatte von der Bund-Länder-Kommission den Auftrag erhalten, ein Gutachten über die Ideologie der Roten Armee Fraktion vorzulegen. Gewissermaßen als sozialdemokratisches Gegengutachten zu dem von den CDU-geführten Ländern erstellten Gutachten von Günter Rohrmoser. Der vertrat die Auffassung, Gudrun Ensslin habe Jean Paul Sartre besser verstanden als der sich selbst, Meinhof sei eine kompetente Interpretin von Herbert Marcuse gewesen – bei Andreas Baader tat er sich deutlich schwerer. Die Grundlage des Terrorismus, so Rohrmosers These, waren die Theorien von 1968.
 
Dagegen bezogen Sie Position?
Fetscher war der Auffassung, die Terroristen hätten weder Marx und Engels noch Lenin richtig verstanden. Als ich mich dann im Auftrag Fetschers näher mit dem Terrorismus beschäftigte ...
 
Wann war das?
Ende der 70er während der Arbeit an meiner Dissertation. Die Beschäftigung mit Baader-Meinhof finanzierte die mit Machiavelli. Ich las alles, was ich bekommen konnte. Nicht nur Bücher und allgemein zugängliche Texte, sondern auch die in den einschlägigen Frankfurter Kreisen zirkulierenden ungedruckten, auf Matrizen vervielfältigten Dokumente, dazu Akten des Bundeskriminalamtes. Ich kam bald zu dem Ergebnis, dass auf der Ebene der Ideologie nicht viel zu finden war. 
 
Was entdeckten Sie?
Die strategische Frage nach dem revolutionären Subjekt. Die Terroristen fragten sich: Wessen Stellvertreter sind wir? Sie spalteten sich relativ schnell in die Internationalisten, die in den Völkern der Dritten Welt das revolutionäre Subjekt sahen, und in jene, die nach einem wieder erwachenden Proletariat in der Bundesrepublik suchten. Horst Mahler etwa gehörte zu ihnen. Darum trat er in die KPD ein. Diese Debatte wurde auch in den Gefängnissen – etwa in den Kassibern in Stammheim – geführt. Ulrike Meinhof sah sich als Kämpferin für das, was man heute vielleicht das Prekariat nennen würde.

War das wichtig für die Praxis der Terroristen?
Sicher. Die Anschlagsziele richteten sich danach. Auf keinen Fall durften die in die Schusslinie geraten, für die man zu kämpfen vorgab. Die Bevölkerung wusste das. Als im Juni 1972 in Frankfurt Baader, Meins und Raspe gefasst wurden, gab es anschließend ständig Bombendrohungen am Frankfurter Hauptbahnhof, aber die Leute nahmen sie nicht ernst. Ich wohnte damals noch in Friedberg und pendelte täglich nach Frankfurt. In den Zügen glaubte niemand daran, dass die Rote Armee Fraktion einen Anschlag am Hauptbahnhof Frankfurt machen würde. So etwas passte nicht in die Strategie der RAF. Das wussten oder fühlten die Leute. Die Ideologie der RAF war nicht interessant im Hinblick auf das, was sie gelesen hatten oder nicht, sondern als Vorgabe für die strategischen Optionen, über die sie verfügten.

Was hatte das mit Machiavelli zu tun?
Machiavelli, aber natürlich auch die zahllosen Debatten in der Universität, hatten mein Interesse weg von der Ideologie gelenkt. Im Fokus meines Interesses stand der Zusammenhang von Ideologie und Strategie. Die verschiedenen Gruppen – RAF, die Bewegung 2. Juni, die Revolutionären Zellen – unterschieden sich ja nicht so sehr in ihrer Ideologie als vielmehr in den Fragen von Strategie und Taktik.
 
Da waren Sie schon mitten drin in einem Ihrer großen Themen.
Es war das erste Mal, dass ich mich über einen längeren Zeitraum intensiv mit einer Sache beschäftigte. Mein Interesse war, dem auf die Spur zu kommen, wie mein Untersuchungsgegenstand „tickte“. Ich wollte die Denkbewegungen nachvollziehen. Meine eigene Meinung dazu spielte keine Rolle. Moralische Überlegungen auch nicht. Ich trainierte den kalten Blick. 
 
Darum Machiavelli?
Er ist der politische Theoretiker, der am meisten Ahnung von praktischer, operativer Politik hatte. Außerdem gehörte er zu den, wie Horkheimer schrieb, „dunklen Schriftstellern des bürgerlichen Zeitalters“. Das machte ihn interessant für mich. Rousseau, Hegel, Marx – das waren mehr Beobachter, Kommentatoren und Systemdenker. Machiavelli dagegen war ein in der Praxis gescheiterter Nachdenker, der aber niemals aufgegeben hatte, das Geschehen aus der Akteursperspektive heraus zu betrachten.
 
Bei Machiavelli spielen die Mechanismen der Ablösung der Macht, des Machtwechsels, also auch die Fragen der Übernahme der Macht eine zentrale Rolle. Während bei der RAF es nur um die Zerstörung der bestehenden Macht geht.
Gemeinsam aber ist beiden die Analyse der Ressourcen, der Optionen der Gegenseite. Was ergibt sich daraus für die eigenen Handlungsmöglichkeiten? So dachte von der RAF vor allem Ulrike Meinhof. Für meine Fragestellung war vor allem ihre Auseinandersetzung mit Mahler ergiebig und die mit anderen Fraktionen des bewaffneten Kampfes. Ich habe damals gelernt, zunächst einmal das Denken meiner Untersuchungsperson(en) zu analysieren, bevor ich mich an eigene Bewertungen dessen mache. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen