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Sterben in biblischer Wüste

Der zu Unrecht vergessene Roman "Nichts in Sicht" von Jens Rehn, nach fünfzig Jahren wieder da

10.12.2003 00:12
URSULA MÄRZ

Den Schriftsteller Jens Rehn kennt heute, selbst dem Namen nach, wohl niemand mehr. Das ist insofern verständlich, als Jens Rehn, der von 1918 bis 1983 lebte, kein literarisches Werk hinterlassen hat, das sich quantitativ so nennen ließe. Drei Romane, ein Erzählband, das ist nicht viel und geht dem literaturgeschichtlichen Gedächtnis leicht verloren. Jens Rehn hat vielmehr ein Buch hinterlassen. Ein bedeutsames Buch, seinen Erstlingsroman, ein 150-Seiten-Stück, das mit seinem Namen verbunden ist und ihn als (be)merkenswerten Schriftsteller ausweist; so als hätte Thomas Mann die Venedig-Novelle verfasst, nichts davor und nichts danach.

Nichts in Sicht erschien zuerst 1954, dann noch einmal 1978 und die Namen seiner sehr unterschiedlichen Kritiker, die es schon damals lobten, analysierten und der Öffentlichkeit ans Herz legten, spricht für sich: Gottfried Benn, Martin Walser, Marcel Reich-Ranicki. Sie alle schrieben Aufsätze und Rezensionen über den Roman, was vor allem bei Gottfried Benn erstaunt, der sich selten zu zeitgenössischer Literatur äußerte. Dennoch: Der Roman Nichts in Sicht ist weder im Lese- noch im Erinnerungskanon der deutschen Nachkriegsliteratur heimisch geworden, und er ist ihr auch, denkt man an Böll oder Borchert, eher wesensfremd. Man denkt bei der Lektüre dieses Buches, das nun zum dritten Mal veröffentlicht wird, vielmehr an Beckett und Camus. Den Werken des ersteren ähnelt es in der minimalistischen Szenerie mit radikal reduziertem Personal. Mit den Romanen des französischen Nachkriegsphilosophen teilt es die existentielle Fragestellung, das heißt auch den Gottesdiskurs, den sie einschließt.

"Die Dünung war vollständig eingeschlafen. Die Sonne brannte auch die reglose See. Über dem Horizont lag leichter Dunst. Das Schlauchboot trieb nur unmerklich. Der Einarmige beobachtete unablässig die Kimm. Der Andere schlief. Es war nichts in Sicht." Mit diesen Sätzen beginnt der Roman. Sie enthalten in wesentlichen Punkten bereits den ganzen Text: Der gnadenlose Stillstand von Zeit, Ereignissen und Elementen, der die Welt in die biblische Wüste verwandelt, der sich der Geprüfte auszusetzen hat. Die Sonne als Allegorie des Göttlichen. Die absolute Verlassenheit des Menschen. Denn rettungslos verlassen sind in der Tat die beiden Menschen, die im Jahr 1943 in einem Schlauchboot auf dem Mittelatlantik treiben, ein deutscher U-Boot-Offizier und ein amerikanischer Flugzeugpilot. Sie sind die Überlebenden einer Kampfhandlung und haben sich irgendwie in das Schlauchboot gerettet. Sie haben eine Flasche Whiskey bei sich, ein paar Dutzend Zigaretten, ein paar Riegel Schokocola, sonst nichts. Die beiden Männer werden sterben.

Davon, von dieser Strecke des Verdurstens und Dahinkrepierens, des allmählichen Ermattens und Halluzinierens im Vorraum des Todes berichtet die Erzählung. Sie ist in ihrer Antidramatik ohnehin eher Bild als Handlung. Der Amerikaner, im Text durchgehend "der Einarmige" genannt, stirbt zuerst. Der Deutsche, "der Andere", amputiert ihm gleich zu Beginn des Textes einen - nur noch an ein paar Sehnen- und Muskelsträngen hängenden - verfaulenden Arm und wirft ihn über Bord. Einen Tag und eine Nacht später wirft er den toten Amerikaner über Bord.

Der chirurgische, mit erschreckender naturalistischer Kühle geschilderte Eingriff präludiert die gesamte Haltung des Buches. Denn dessen Erzähler schaut auf die Männer im Schlauchboot, ja, auf seinen ganzen literarischen Stoff wie ein Anatom auf menschliche Körper. Rehns Stil hat die Sachlichkeitsschärfe eines Seziermessers. Er verzichtet konsequent auf Adjektiva und baut, was die unterkühlende Versachlichung noch betont, lexikonartige Exkurse in den Erzähltext ein, in denen Begriffe erklärt werden, die sich aus dem Geschehen ergeben; Begriffe wie Durst, Halluzination, Hoffnung Gott.

Jens Rehn, der in der Nachkriegszeit lange dem Berliner Rundfunksender Rias als Literaturredakteur angehörte, wusste, wovon er in Nichts in Sicht schrieb. Er war ab 1937 Seeoffizier der Kriegsmarine, im Zweiten Weltkrieg U-Boot-Kommandant und geriet 1943 nach der Torpedierung seines Bootes selbst in Seenot. Anschließend war er zwei Jahre in Kriegsgefangenschaft. Sein Buch ist durchdrungen vom bitteren, desillusionierten Nihilismus vieler Kriegsveteranen, der sich im Titel bereits ausdrückt: Nichts in Sicht. Kein Suchtrupp aus dem Begleitzug des versenkten U-Bootes, kein Flugzeug, das nach den Schiffbrüchigen Ausschau hielte. Nichts in Sicht außer dem Horizont und der Sonne am Himmel, deren Aufgänge und Untergänge das Dahinsiechen der Männer dramaturgisch organisiert. Die Sonne ist - ein klassisches Motiv philosophischer Literatur von Bernanos bis Camus - die unbarmherzige Zeugin, die die Passivität Gottes allegorisiert. Er schaut desinteressiert zu und greift nicht ein, was als Beweis seines Versagens, nicht aber als Beweis seiner Nichtexistenz gilt.

Natürlich ist Rehns Erzählung in erster Linie eine Kriegsgeschichte. Aber in zweiter Linie ein für deutsche Verhältnisse sehr rares Beispiel philosophischer Nachkriegsliteratur, verwurzelt im Gottesdiskurs der Moderne. Seite um Seite liefert der Text Beweismaterial für die göttliche Ignoranz. Am Ende steht der halluzinierende "Andere" im Schlauchboot und schreit den oder die "Großen" da oben an: "Ihr könnt mich mal". - "Ich will anständig Schluß machen, weiter nichts". Aber so einfach ist die Sache nicht. Denn Seite um Seite beweist der Text auch die Anteilnahme der göttlichen Instanz. Er beweist sie durch die Perspektive der Erzählung. Immer wieder schaut der Erzähler auf die Nussschale im Meer aus höchster Höhe.

Der Gott, der sich von den sterbenden Soldaten so grausam abwendet und nicht daran denkt, ihnen zu helfen, tritt zugleich als Berichterstatter ihres einsamen Sterbens auf. Denn wer sollte, nachdem beide Soldaten tot sind, davon berichten können, wenn nicht "der Große" in Gestalt der Sonne? Es ist kaum eine literarische Erzählung denkbar, die die Widersprüche des modernen Gottesdiskurses schärfer und anschaulicher darstellte. Und kaum eine Kriegserzählung, in der weniger vom Krieg und mehr vom Sterben zu sehen ist.

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