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Stéphane Hessels "Empört Euch!" Die Rückkehr der Résistance

Nur wenige Monate nach der Premiere hatte das Buch "Empört Euch!" von Stéphane Hessel in Frankreich einem kleinen Verlag eine Millionen-Auflage beschert. Unser Autor hatte Mühe, es in Paris zu bekommen - es war vergriffen. Seine Besprechung vom Januar 2011 hat, wie das Buch auch, noch immer ihre Gültigkeit.

Stéphane Hessel, Autor des Buches "Indignez-Vous!" aufgenommen am 6. Januar 2011. Foto: dapd

Meine eben erworbene Ausgabe von „Indignez vous!“ (Empört Euch!) von Stéphane Hessel stammt aus dem Dezember 2010 und ist die 9. Auflage der Anfang Dezember erschienenen Broschüre. 900.000 Exemplare soll der kleine Verlag in Montpellier inzwischen verkauft haben. Als ich in der französischen Buchhandlung in den Berliner Galéries Lafayette nach dem Buch fragte, sah die Verkäuferin mich an und meinte: „Sie sind nicht der erste, der das Bändchen haben möchte. Aber es dauert zwei, drei Wochen bis wir es liefern können. Es ist in einem sehr kleinen Verlag erschienen.“ Bei Amazon bestellte ich es, bekam es zwei Tage später, und mir wurden 2,99 Euro vom Konto abgezogen.

Der Autor Stéphane Hessel wurde 1917 in Berlin geboren. Sein Vater war der Schriftsteller Franz Hessel, seine Mutter die Journalistin und Übersetzerin Helen Grund. Die Familie wurde auch mit der deutschen Literatur der Zwischenkriegszeit wenig vertrauten Menschen bekannt durch François Truffauts Film „Jules et Jim“ aus dem Jahre 1962. Jeanne spielt darin Helen Grund, die Frau zwischen zwei Männern, zwischen dem deutschen Juden Franz Hessel, gespielt von Oskar Werner, und dem französischen Schriftsteller Henri-Pierre Roché, dargestellt von Henri Serre.

1924 zog die Familie nach Paris. Stéphane Hessel ist seit 1939 französischer Staatsbürger. 1941 schloss er sich der Résistance an, wurde verraten und nach Buchenwald deportiert. Dort half ihm Eugen Kogon, die Identität eines verstorbenen Gefangenen anzunehmen, der dann unter dem Namen Stéphane Hessel verbrannt wurde. 1945 gelang ihm die Flucht aus einem Zug, der ihn nach Bergen Belsen transportieren sollte. Jorge Semprúns Roman „Der Tote mit meinem Namen“ erzählt diese Geschichte.

"Werden Sie militant, stark und engagiert!"

1945 wurde Stéphane Hessel Vertreter Frankreichs bei den Vereinten Nationen und gehörte 1948 zu den Unterzeichnern der Charta der Menschenrechte. Seitdem arbeitete er im Auftrag der Uno und der französischen Regierung überall auf der Welt. Seine Memoiren „Tanz mit dem Jahrhundert“ sind im Arche-Verlag erschienen, und im Grupello-Verlag liegt ein anderes Erinnerungsbuch vor. Dort erzählt er seine Geschichte und die des vergangenen Jahrhunderts anhand von Gedichten, die er im Laufe des Lebens auswendig gelernt hat.

„Empört Euch!“ ist ein Aufschrei. Nicht einmal 20 Seiten lang. Der Aufschrei eines 93-Jährigen, der den Eindruck hat, vergebens gestritten und gekämpft, ja gelebt zu haben, wenn nicht endlich die bestehenden Verhältnisse wieder zurecht gerückt werden (in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 9. Januar ist der Essay inzwischen, leicht gekürzt, auf Deutsch nachzulesen).

Was empört Stéphane Hessel? „Das gesamte Fundament der sozialen Errungenschaften der Résistance steht heute auf dem Spiel,“ schreibt er. Die französische Widerstandsbewegung richtete sich gegen die deutsche Besatzung und ihre französischen Kollaborateure. Hessel erinnert jetzt daran, dass die Résistance nicht nur nationale, sondern auch soziale und politische Ziele hatte. Die Einschränkung der Bürgerrechte, die rabiate Ausgrenzung von Immigranten, der Abbau des Sozialstaats – all das empört Stéphane Hessel. So ruft er seinen Lesern zu: „Ich wünsche jedem Einzelnen von Ihnen ein eigenes Empörungsmotiv. Denn das ist kostbar. Wenn etwas Sie empört, wie mich der Nazismus empörte, werden Sie militant, stark und engagiert.“

Der Gründungsmythos des neuen Frankreichs

Stéphane Hessels Erinnerung warnt nur davor, angesichts einer beklagenswerten Lage, froh über jede Empörung zu sein. An Gründen zur Empörung fehlt es nicht. Aber es hängt doch sehr davon ab, wogegen und wie man sich empört. Stéphane Hessel empört sich gegen die Macht des Geldes, die „niemals so groß, so anmaßend und egoistisch war wie heute und bis in die höchsten Ränge des Staates hinein über eigene Diener verfügt.“ Stimmt dieses „niemals so groß wie heute“? Gab es nicht auch in anderen Perioden der Geschichte immer mal wieder diese Übermacht des Finanzkapitals?

Natürlich gibt es jede Menge guter Gründe, sich der Macht des Großen Geldes entgegenzustellen. Man sollte es im Interesse eines funktionierenden Gemeinwesens auch tun, wenn es nicht gerade auf dem welthistorischen Höhepunkt seiner Machtentfaltung angekommen ist. Eine Gesellschaft darf einzelnen Gruppierungen niemals die Macht überlassen. Aufgabe der Politik ist der Ausgleich.

Es sind nicht die Anliegen Stéphane Hessels, die einen seinen kleinen Essay skeptisch betrachten lassen. Es ist der Überschwang, das Feuer. Aber das ist sicher einer der Gründe für den Erfolg des kleinen Pamphlets. In Gestalt von Stéphane Hessel meldet sich gewissermaßen der Gründungsmythos des neuen Frankreich – die Résistance – selbst zu Wort. Sie stimmt ein Klagelied an: Ihr verratet meine Ideale, ihr verratet mich. Aber sie bleibt nicht dabei stehen. Sie ruft zum Kampf gegen diesen Verrat auf. Es ist, als stiege die Résistance aus dem Grab auf und führte die Freiheit auf die Barrikaden. Das alles hat mit seinem Pathos Stéphane Hessel gemacht.

Das ist nicht ohne Komik. Wir können sicher sein, dass so die zentralen Fragen Frankreichs und Europas – soziale Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung – nicht gelöst werden, aber wir sind doch froh, dass dieses Feuer helfen könnte, die Landschaft ins rechte Licht zu rücken.

Wir sind aber auch ein wenig neidisch auf unseren Nachbarn. Dort wird ein Aufruf für Immigranten, gegen soziale Ausgrenzung zum Bestseller des Jahres 2010. Bei uns war es der ebenso emotionale, aber mit buchhalterischer Verbissenheit vorgetragene Aufruf gegen Immigranten und für soziale Ausgrenzung von Thilo Sarrazin.

Stéphane Hessel: Indignez vous! Indigène èditions, Montpellier, 29 Seiten, 2,99 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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