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Stephan Thome „Gegenspiel“ Wie Maria es sieht

Die Geschichte, die Stephan Thome in seinem neuen Roman „Gegenspiel“ erzählt, dürfte Thome-Lesern vertraut vorkommen. Er hat sie im Vorgängerroman „Fliehkräfte“ schon einmal aufgerollt, dort aus der Perspektive des frustrierten Bonner Professors Hartmut Hainbach. Jetzt ist seine Frau Maria am Zug. Und Stephan Thome ist auf Lesereise.

A woman walks on the beach in Ericeira village 40 km (25 miles) north of Lisbon
Auch diesmal wird Hartmut Hainbach nach der Aussprache in portugiesischer Sommerhitze am Ende alleine ins Wasser gehen. Foto: REUTERS

Und wieder wird Maria ihren Mann Hartmut fragen, was „Montauk“ heißt. Und ob das Buch gut sei, und dann das Thema wechseln. Dass Hartmut sich für einen Moment vorstellt, wie eine gewisse andere Frau jetzt nachgefragt hätte, ahnt sie nicht und wird sie nie erfahren. Auch weiß sie nicht, dass Hartmut während des langen Telefonats von Kopenhagen aus längst nicht mehr in Bonn ist, sondern unterwegs nach Portugal. Viel später erst erfährt sie, was das interessierte Publikum schon seit zwei Jahren weiß.

Der neue, dritte Roman von Stephan Thome ist nämlich schon eine Überraschung. „Gegenspiel“ erzählt noch einmal die Geschichte des Vorgängerbuches „Fliehkräfte“, 2012 unter den letzten sechs Nominierten für den Deutschen Buchpreis, nun aber aus der Perspektive von Hartmuts portugiesischer Frau. Auf einer Länge von gut 450 Seiten geschieht das nicht alle Tage. Schon „Fliehkräfte“ war ein durchaus erschöpfendes Buch, detail- und wortreich bis ins Enervierende, aber eben auch bis ins wirkliche, teils wenig spannende Leben hinein, das den Lebenden gleichwohl stets sehr betrifft.

Thome nähert sich diesem Leben grundsätzlich als ganz stiller Erzähler, der seinen Figuren in ihrem Inneren wie Äußeren auf Schritt und Tritt folgt. Er stellt sie nicht bloß, er sortiert nicht vor, er berichtet. Was die Figuren berührt, steht im Buch, was sie nicht bereit sind, zu Ende zu denken, steht nicht im Buch. Und man muss zugeben, dass das im Leben eine ganze Menge ist, so dass im Wortreichen eine tiefe Verschwiegenheit steckt. Daraus entsteht ein klassischer, manchmal kunstlos wirkender Realismus. Thome ist ja zum Beispiel kein Meister des Dialogs, dem oft etwas Theoretisches anhaftet, was allerdings ganz gut zum akademisch gebildeten, überreflektierten Personal passt.

Thomes Realismus feiert das meinethalben auch antioriginelle Subjekt, wie es in dieser Reinform nicht mehr oft geschieht. Beziehungsweise: Wenn es geschieht, missrät es vermutlich fürchterlich und/oder findet keinen Verlag. „Fliehkräfte“ hingegen war ein konsequentes Buch, und dies zu einem Zeitpunkt, an dem man noch nicht wusste, wie weit Thome das noch treiben würde. So weit, dass Hartmut nun zum zweiten Mal erklärt, worum es hier geht: „Wir leben. Nicht mehr nur in Träumen, Büchern und Ideen, sondern wirklich und mit Kind. So fühlt sich das an. Es ist normal.“

Nach Hartmuts Sicht auf ein mäßig glückliches Berufsleben (als Bonner Professor) und eine mäßig glückliche Ehe (soll er ihr nach Berlin folgen?) nun also Marias Version. Die zwar kleinere Überraschungen bereithält. Aber es sind zu wenige, um zu glauben, es ginge Thome um den Knalleffekt des Perspektivwechsels. Eher treibt er das Nebeneinanderherleben auf die Spitze.

Auch im neuen Buch, jetzt aber ohne Jahreszahlen – Strahlungswerte im Gemüse, die Ankündigung des iPhones gehören zu den Anhaltspunkten, auch wenn sie Maria nicht sonderlich tangieren –, wird geschickt in Zeitsprüngen erzählt: von Marias Lissabonner Studentenzeit in den siebziger Jahren inklusive einer deprimierenden Abtreibung, ihrem Neustart in bewegten Berliner Tagen, ihren intellektuellen Plänen und ihrer Affäre mit einem Theater-Enfant-terrible in spe, der dreißig Jahre später ein abgehalfterter Grobian ist.

Mehr oder minder zufällig gerät Maria an den für seine Zeit verhältnismäßig bürgerlichen Hartmut („ging’s noch eckiger?“), „den Schal steckte er in die Ärmelöffnung des Mantels, trug ein kariertes Hemd zum Cordjackett und las die FAZ wahrscheinlich regelmäßig“. Sie wird schwanger, nach der Heirat hat sie Zeit, sich in ihren Mann zu verlieben, so ihre Darstellung, die sonst herber ausfällt. Etwa, wenn sie über die Bonner Badkacheln nachdenkt: „Für Hartmut bedeuteten die Kacheln ein Bekenntnis zu ihrer Heimat, dessen es nicht bedurfte, ihr missfiel das Muster, das sie unter hundert Alternativen ausgesucht hatte, und gemeinsam machten sie sich darüber lustig, wie schlecht es in ihr Bonner Haus passte. Das kommt davon, hatte sie zu Pilar gesagt, wenn Ehepaare weder Kosten noch Mühen scheuen, um sich über ihre Lage hinwegzutäuschen. Dahinter steckte kein böser Wille, sondern ein Überschuss an gutem, der von außen betrachtet komisch erscheinen mochte, aber in gewisser Weise gefiel ihr das Badezimmer darum eben doch ... .“

Als die Tochter studiert, folgt Maria ihrem schon zuvor gefassten Plan, wieder nach Berlin zu gehen. Sie will arbeiten, macht es auch, wobei ihre Stelle beim Ex-Theater-Enfant-terrible nicht gerade eine Erfüllung ist. Glasklar erfasst Thome dabei die possenhafte Seite des Theateralltags.

Auch wenn es kein Problem ist, „Gegenspiel“ ohne die „Fliehkräfte“ zu lesen, gewinnt Marias Geschichte ihre Kraft doch erst durch die Spiegelung. Man begreift, dass es in beiden Leben, so unterschiedlich die mäßig frohen Eheleute sind, letztlich in Paralleluniversen um dieselben Dinge geht. Die latente und virulente Unzufriedenheit mit Arbeit, Familie, eigener Rolle; den dann doch immer wieder zu schlaffen Versuch, den Dingen eine Wendung zu geben. „Auch das ist ein Thema ihres Lebens: weglaufen zu wollen; voller Entschlossenheit loszulaufen; dann zu spüren, dass die Kraft nicht reicht.“

Obwohl Hartmut und Maria sich regen, schon rein räumlich, und obwohl „der Firnis der Normalität dünner wird“, werden sie auf Hunderten von Seiten am Ende keinen Schritt weitergekommen sein. Zumal Thome, der die beiden immer wieder in den sich dann doppelnden Szenen aneinandertupfen lässt, den neuen Roman – nach einer eleganten Einflechtung des Begriffs „Fliehkräfte“ – im selben Moment enden lässt wie Hartmuts Geschichte. Hartmut entzieht sich einem Ausspracheversuch am sommerheißen Strand, indem er schwimmen geht. Maria sieht das Häufchen seiner Kleider am Ufersaum liegen. Man hätte allerdings schon in „Fliehkräfte“ gerne gehört, dass er heil wieder aus dem Wasser herauskommt.

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