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Stefan Klein „Naturerkenntnis bringt einem Demut bei“

Ein Gespräch mit dem Wissenschaftsautor Stefan Klein über die rasante Entwicklung in den Naturwissenschaften und sein neuestes Buch über die Schönheit des Universums.

Sternengeburt
Künstlerische Wiedergabe einer Sternengeburt durch die Nasa am 30. Oktober 2003. Foto: afp

Im ersten Buch, das ich von Ihnen las, in der „Glücksformel“, gibt es einerseits die Hormone, mit denen wir uns ins Glück pushen können und andererseits erfahren wir, dass gesellschaftliche Ungleichheit unglücklich macht. Natur und Gesellschaft sind auch in Ihren anderen Büchern nicht zu trennen. Ist das programmatisch bei Ihnen?
Eher hat es sich so ergeben. Die Spannung zwischen Naturwissenschaft, Kultur und Gesellschaft hat mich schon immer sehr beschäftigt. Meine Eltern waren beide Chemiker. Meine Großmutter gehörte zu den ersten Frauen, die in Österreich in Chemie promoviert wurden. Mein Urgroßvater leitete eine K.-und K.-Versuchsanstalt. Naturwissenschaften sind selbst eine starke kulturelle Prägung. Man entwickelt dadurch einen Blick auf die Welt, der vielen Menschen fremd ist. Das ist schade. Mit meinen Büchern versuche ich die Leser mit diesem Blick vertraut zu machen. Im Grunde will ich zeigen, wie Wissenschaft Fragen aufnimmt, die jeden Menschen umtreiben. Und verstehen, wie das geschieht. Das ging schon der Schule los: Ich belegte die Leistungskurse Mathematik und Kunst und studierte später Physik und Philosophie.

Analytische Philosophie.
Die traditionelle Philosophie war mir denn doch zu wolkig. Wie die Naturwissenschaften unser Denken verändern ist in meinen Augen viel wichtiger als alles, das man mit ihnen anstellen kann.

Wichtiger als die Mondlandung...
...ist, dass wir begreifen, dass der Mond um die Erde kreist, die wiederum um die Sonne kreist, die selbst nur ein winziger Punkt im Weltall ist. Das hat dem Menschen mehr gegeben, hat die Welt noch stärker verändert als alle Fortschritte der Technik und Medizin. Darum wurden Giordano Bruno verbrannt, Galileo Galilei verfolgt und die Encyclopédie verboten. Dass keine Autorität einfach galt, dass Sinne und Verstand unsere einzigen Zugänge zur Wirklichkeit sind, dass man der Natur mit überprüfbaren Experimenten zu Leibe rücken kann – das war alles neu und heute führt daran kein Weg mehr vorbei.

Gerade findet in den USA ein trotziges Aufmucken dagegen statt. Es lebe der Kreationismus!
Das Gefühl der Sicherheit zu verlieren, macht immer Angst. Leonardo da Vinci erzählt in seinen Notizheften von seinem Schrecken, als er einmal in eine Höhle eindrang. Aber seine Neugier war noch größer. Meine Hoffnung ist, dass es mir in meinen Büchern gelingt zu zeigen, dass wir durch die Neugierde mehr gewinnen können, als wir verlieren. Die Welt, in der wir leben, ist viel fantastischer, großartiger und auch ehrfurchtgebietender als sie die doch relativ einfachen Weltbilder der antiken Mythen beschreiben. Und natürlich viel, viel interessanter.

Ein Pfarrer schickte mir seine Predigt zu. Darin schrieb er: Zum Urknall kann ich nicht beten.
Die Frage ist doch, wie er betet. Sind nicht die würdigsten Gebete die, in denen einfach die Hingabe an die Wirklichkeit zum Ausdruck gebracht wird? Da nimmt der Beter sich ganz zurück und verlangt nicht von einer höheren Macht, dass die auf seine kleinen Wünsche hört oder ihn tröstet. Naturerkenntnis bringt einem, entschuldigen Sie bitte das altmodische Wort, Demut bei.

In den letzten dreißig Jahren hat sich der naturwissenschaftliche Blick wieder einmal revolutioniert.
Ich bin glücklich heute zu leben. Unser Blick weitet sich. Noch vor zwanzig Jahren dachte man: Ein Mensch wird von hunderttausend Genen gesteuert. Inzwischen wissen wir: Es sind nur zwanzigtausend. Die aber wirken auf viel kompliziertere Weise miteinander und mit der Umwelt zusammen, als wir jemals dachten. Damals stellte man sich auch noch vor, dass wir mit einer bestimmten Ausstattung an grauen Zellen zur Welt kommen, die dann im Laufe des Lebens nur immer weniger werden. Ganz falsch! Auch noch im hohen Alter werden neue Neuronen geboren. Unsere Gehirne verändern sich ständig. Wir wissen heute auch, dass unser Gehirn aus etwa 100 Milliarden Neuronen besteht, die durch etwa 100 Billionen Synapsen verbunden sind. Unsere Milchstraße hat gerade mal 100 bis 300 Milliarden Sterne. Wir fangen an zu verstehen, wie das Allergrößte, der Kosmos, zusammenhängt mit dem Allerkleinsten, der subatomaren Physik. Aber wir haben auch gelernt, dass die Materie, die wir kennen, gerade einmal 5 Prozent des Universums ausmacht. Der riesige Rest ist uns völlig unbekannt. Wir haben keine Ahnung, woraus dunkle Materie besteht, was dunkle Energie ist. Letztere wurde erst 1998 entdeckt! Unser Wissen ist eine winzige Insel in einem Ozean des Nichtwissens.

Aufregende Zeiten in Natur- und Kulturwissenschaften. Sie sind ein Weberschiffchen, das die Fäden der beiden Kulturen zusammenbringt und einen Stoff daraus macht.
Das versuche ich. All diese neuen Entdeckungen müssen doch zusammengebracht werden. Ich habe in der Physik und in der Hirnforschung gearbeitet. Damals veröffentlichte ich hoch spezielle Arbeiten, die vielleicht von fünfzig Leuten gelesen wurden. Das hat mir nie genügt. Ich will nicht nur über Wichtiges schreiben, sondern ich will auch, dass die Gesellschaft es als wichtig begreift. Ich hoffe, das ich so zu einer offeneren Gesellschaft beitragen kann.

Sie haben ein großes Publikum erreicht. Aber – blicken wir auf die Wahlergebnisse – offenbar nicht genug.
Im vorigen Jahr war ich wochenlang down. Der Brexit, der Aufstieg der deutschen Rechtsnationalen, Trump – dass Millionen von Menschen keinen Argumenten mehr zugänglich sind, dass sie offensichtliche Fakten nicht wahrnehmen wollen und sogar gegen ihre eigenen Interessen entscheiden, all das setzte mir zu. Dabei habe schon 2010 in meinem Buch „Der Sinn des Gebens“ über die Mechanismen dahinter geschrieben: Das Bedürfnis von Menschen, sich in Gruppen voneinander abzugrenzen, kann stärker sein alle Vernunft. Aber wenn meine Kinder eifersüchtig miteinander streiten, dann meine ich auch, genau zu verstehen, was da passiert. Es belastet mich trotzdem.

Für Ihren Gemütshaushalt haben Ihnen Ihre Erkenntnisse wenig geholfen.
Ich habe zwar einmal die „Glücksformel“ geschrieben. Aber es ist nicht das Ziel meiner Arbeit meinem privaten Gemütshaushalt aufzuhelfen. Ich denke nicht nach, ich schreibe nicht, um mir die Welt so zu machen, wie sie mir gefällt. Es wäre doch unmenschlich, vor der Unvernunft, der Abgrenzung und dem Hass nicht zu erschrecken zu sein. Wir können nicht über den Ereignissen stehen. Aber Wissen und Verstehen helfen, sie zu bewältigen.

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