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Standpunkt, verschleiert

"Text + Kritik" zur Pop-Literatur

23.12.2003 00:12

Spezialistentum geht nicht unbedingt mit Sympathie einher. Für die deutschsprachigen Pop-Literaten weht jetzt ein etwas kühleres Lüftchen, gerade aus der Ecke der Kenner. In dem empfehlenswerten Text + Kritik-Sonderband über "Pop-Literatur" (herausgegeben von Heinz Ludwig Arnold, Edition Text + Kritik, München 2003, 328 Seiten, 28 Euro) nehmen sich skeptische Kenner die Freiheit, dem, wie man bis gestern glauben konnte, längst zerredeten Phänomen noch einmal auf den Zahn zu fühlen; rehabilitierend, kritisch und historisierend. Auch wenn die deutsche Pop-Literatur der letzten zehn Jahre um ein wärmendes Nichts kreist, so kommt sie doch keineswegs aus dem Nichts, sondern hat Vorläufer, die der Sonderband bis in die sechziger Jahre nachzeichnet. Pop und Literatur in Deutschland, das ist also eine ältere Geschichte, die manch ein popliterarisches Ressentiment (gegen 68) Lügen straft. Aber manche Vorbilder, die jüngeren Pop-Literaten mit schier überwältitigender Einhelligkeit in der Presse "nachgewiesen" wurden, zerfallen bei näherem Hinsehen in Nichts. In nichts als Mutmaßung. In seinem Aufsatz "Robbery, assault, and battery" demonstriert Matthias Mertens gut dekonstruktivistisch, dass Benjamin v. Stuckrad-Barre und Christian Kracht sich so dilettantisch bei Nick Hornby und Bret Easten Ellis bedient hätten, dass von "Vorbildern" keine Rede sein könne. Mertens' strenger Diagnose zufolge sind Stuckrad-Barre und Kracht ganz schlechte Plagiatoren; der eine, weil er in der Tiefe, der andere, weil er in der Oberflächlichkeit (der mutmaßlichen Vorbilder) nicht mithält: "Das Pop-Literarische, das Bret-Easton-Ellis-hafte ist nur Tarnung, damit niemand merkt, wie altertümelnd hier erzählt wird." Krachts Ennui klingt für Mertens weinerlich. Und Stuckrad-Barres? "Was sich ironisch gibt und sich sogar selbst als von Stereotypen geleitet zu kritisieren vorgibt, ist unter seiner metakritischen Hülle eine reaktionäre Tirade ohne eigenen Standpunkt." Die Kritik lebt. I.H.

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