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Stalin Roman Lydia Tschukowskaja Erinnern, um zu verstehen

Die Dissidentin Lydia Tschukowskaja erzählt in einem bereits 1947 geschriebenen Roman über den stalinistischen Terror. Es ist das Werk ihres Lebens.

Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, besser bekannt als Josef Stalin. Foto: imago stock&people

Wie soll man weiterleben, wenn der eigene Mann im Morgengrauen verhaftet wird und einfach verschwindet? Wenn es zwölf Jahre kein Lebenszeichen von ihm gibt und die Behörden jede Auskunft verweigern? Man kann versuchen, das Erlebte zu verdrängen, weiterzumachen, als ob nichts wäre. Oder aber gegen das Vergessen ankämpfen.

Nina Sergejewna entscheidet sich für Letzteres. Sie ist in diesem Spätwinter Anfang 1949 in ein Sanatorium für Künstler auf dem Lande gekommen, vordergründig um sich zu erholen und an einer Übersetzung zu arbeiten. Doch tatsächlich will die Erzählerin die Wochen fern der Hauptstadt Moskau nutzen, um „unterzutauchen“ – unter die Oberfläche der sowjetischen Nachkriegsrealität, hinein in das Schreckensjahr 1937, die Hochzeit des stalinistischen Terrors.

Sie will sich erinnern an die schweren Schritte der Soldaten, an das Weinen ihrer Tochter, an die Tage und Nächte des Wartens vor den Gefängnissen und Folterzentren der Stadt. Sie will sich erinnern, um zu verstehen. Als sie in dem Sanatorium Nikolaj Aleksandrowitsch Bilibin kennenlernt, der aus der totgeschwiegenen Welt des Gulag zurückgekommen ist, hofft sie, in ihm einen Verbündeten zu finden.

Sie fragt sich, wozu sie abtaucht

„Untertauchen“ heißt der Roman der 1907 in St. Petersburg geborenen Autorin, Publizistin und Übersetzerin Lydia Tschukowskaja. Es ist das Werk ihres Lebens, das der Dörlemann Verlag nun in einer kleinen feinen Ausgabe in der Übersetzung der großartigen Swetlana Geier herausbringt. Geschrieben wurde es 1947, erscheinen durfte es in der Sowjetunion erst 1988. Tschukowskaja war sich darüber im Klaren, dass ihr Buch womöglich nie die sowjetische Zensur passieren würde. Ihre Heldin Nina Sergejewna lässt sie sich fragen: „Wozu tauche ich überhaupt ab? Selbst wenn der Ertrag sich in ein Manuskript verwandeln sollte, wird er nie die Gestalt eines Buches annehmen können, jedenfalls nicht, solange ich lebe.“ Wozu also? Die Antwort gibt die Erzählerin sich selbst „Ich suche Brüder – wenn nicht jetzt, dann in der Zukunft. Alles Lebendige sucht Bruderschaft, und auch ich suche sie. Ich schreibe ein Buch, um Brüder zu finden – und sei es erst dort, in der unbekannten Ferne.“

In der Gegenwart, in dem Sanatorium voller Künstler, scheint außer ihr niemand die Wahrheit zu suchen. Da ist der freundliche junge Journalist Sergej Sablin von der „Literaturnaja gaseta“, der eine Gruppe Theaterkritiker zunächst als profunde Kenner und begabte Männer lobt, und später, als sie in Ungnade gefallen sind, öffentlich eingesteht, ihre antipatriotischen Umtriebe zu spät erkannt zu haben. Da ist Ljudmila Pawlowna, die Wirtin, die die Sorge um ihre deportierte Schwester hinter einem falschen Lächeln und Kannen voll süßem Tee verbirgt. Da ist der übergewichtige Ilja Isaakowitsch, dessen Familie im Ghetto ermordet wurde und der für die täglichen antisemitischen Übergriffe auf seinen Sohn die Floskel parat hat, in der Schule werde zu wenig auf „internationale Aspekte“ geachtet.

Nina Sergejewna flieht vor der Falschheit und alltäglichen Grausamkeit des Hauses in die unverstellte, freie Natur. Den Tannen und Birken schleudert sie Verse von Blok, Pasternak, Puschkin entgegen – ihren Brüdern aus der Ferne. Auch der Autor Bilibin scheint zunächst ein Bruder zu sein. Im Haus trägt zwar auch er die Maske des vorbildlichen Sowjetbürgers, doch in der Natur spricht er zu ihr in seiner „wahren Stimme“, erzählt er schonungslos offen von seinen Erlebnissen während zehn Jahren Lagerhaft. Von ihm erfährt Nina Sergejewna, dass die einzige Auskunft, die sie über das Schicksal ihres Mannes erhalten hat – zehn Jahre ohne Recht auf Briefverkehr –, nur ein zynischer Euphemismus für sofortige Hinrichtung war.

Der Kampf, aktuell wie nie

Doch Bilibin erweist sich als Enttäuschung. Während Tschukowskajas Heldin in ihre Erinnerungen eintaucht, um sie unverfälscht zu verarbeiten, überformt er in seinem Manuskript die Erfahrungen der Zwangsarbeit und macht daraus ein Loblied auf die proletarischen Errungenschaften der Sowjetgesellschaft. So dienen seine Erinnerungsfetzen nur dem Vergessen.

Gegen das Vergessen hat Lydia Tschukowskaja, die ihren Mann und viele Freunde in den Jahren der „Säuberung“ verlor, ihr Leben lang angekämpft. Als sie die Gedichte ihrer geächteten Freundin Anna Achmatowa auswendig lernte und so für die Nachwelt bewahrte. Als sie in einer mutigen Rede vor dem Schriftstellerverband für ihre mundtot gemachten Kollegen wie Alexander Solschenizyn eintrat und daraufhin ausgeschlossen wurde. Als sie ihre Novelle „Sofia Petrowna“ jahrzehntelang bei Freunden versteckte. Und eben mit „Untertauchen“. In Zeiten, in denen der Stalinkult in Russland eine Renaissance erlebt und die Organisation Memorial vor der Zerschlagung steht, ist ihr literarisches Vermächtnis aktueller denn je.

Lydia Tschukowskaja: Untertauchen. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Dörlemann Verlag 2015. 256 S., 18,90 Euro.

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