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Stadtflucht Cocooning mit Misthaufen

Nie war die Sehnsucht der Großstädter nach dem Land größer. Mit dem realen Land hat diese Begeisterung allerdings wenig zu tun. Schon mehr mit dem Manufactum-Katalog.

Arbeitslosigkeit, sterbende Bauernhöfe, Naturzerstörung: So kann das Land auch aussehen. Foto: jala / photocase.com

Nie war die Sehnsucht der Großstädter nach dem Land größer. Mit dem realen Land hat diese Begeisterung allerdings wenig zu tun. Schon mehr mit dem Manufactum-Katalog.

In unserer neuen Ausgabe möchten wir mit Ihnen übers Land fahren, Kamille am Wegesrand pflücken und die Feldlerche beobachten“. Das verspricht die aktuelle Ausgabe von Landlust ihren landverliebten Lesern in den deutschen Metropolen.

Viel Spaß beim Suchen, liebe Städter! Mag sein, dass am Rande der Monokulturen von Energie-Mais, -Gras und -Raps noch ein paar Büschel Kamille stehen, die den Pestizidregen überlebt haben. Mit der Feldlerche wird das eher nix: Der Bodenbrüter ist in Deutschland vom Aussterben bedroht, die intensive Landwirtschaft hat ihn fast ausgerottet.

Wodurch, das kann man beim Blättern in Top-Agrar sehen, der auflageschwächeren Schwesterpublikation des Lifestyle-Magazins für Neu-Dörfler. Da geht es nicht um selbstgebaute Lehmöfen zum Brotbacken oder handbemalte historische Gartenzwerge aus einer Thüringischen Gartenzwergmanufaktur (limitierte Auflage mit Landlust-Logo: 30 Euro) – sondern zur Sache: mit Dünger und Gift, Melkkarussells und Schweinemastanlagen. Die beiden Publikationen im selben Verlag, die unterschiedlicher nicht sein könnten, bringen auf den Punkt, wie sich Realität und Fiktion des Landlebens unterscheiden.

Dass es auf dem Dorf so zivilisationsfern zugeht wie bei den Amish ist von jeher nur eine Fantasie der Städter. Einst als weltfremde Provinz belächelt, dient heute das Land dem konsummüden Metropolenbewohner als Arkadien. Besser gesagt: seine Idealvorstellung davon, die sich speist aus Rückzugssehnsüchten, Landliebe-Werbung und Manufactum-Katalog. Das Land dient dem Städter als Projektionsfläche des Echten und Ursprünglichen, ja, des Wahren und Guten.

Landluft, Landidee, Landspiegel, Liebes Land ...

Am augenscheinlichsten macht sich dieser Trend in Zeitschriftenregalen bemerkbar, in denen sich zu Landlust – mit einer verkauften Auflage von knapp 800.000 Exemplaren der größte Zeitschriftenerfolg Deutschlands – Titel wie Landluft, Landidee, Landspiegel, Liebes Land, Mein schönes Land oder Landhaus Living gesellen. Selbstversorger-Anleitungen findet man auch in Bahnhofsbuchhandlungen, Journalisten berichten in Schrebergarten- oder Balkon-Kolumnen vom erfüllenden Wühlen in der Erde.

Und spätestens seit diesem Frühjahr bildet das Thema Stadtflucht ein eigenes Genre auf dem Selbsterfahrungsbuchmarkt. Dieter Moors „Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone“ von 2009 folgten nun etwa Irmgard Hochreiters „Schöner Mist. Mein Leben als Landei“, Martin Reicherts „Landlust. Ein Selbstversuch in der deutschen Provinz“, „Hollerbusch statt Hindukusch. Neues von der Aussteiger-Front“ von André Meier und Anja Baum sowie „Landleben. Von einer, die rauszog“ von Hilal Sezgin.
Nun ist es weiß Gott nichts besonderes, rauszuziehen – junge Familien machen das seit Jahrzehnten, der Kinder wegen. Auf dem Land gibt es Platz fürs Eigenheim, bessere Luft und mehr Action für die Kleinen. Doch die neue Landsehnsucht hat keine pragmatischen Gründe, es geht um Ganze: das Glück. Nach Wellness-Trend, Slow-Food und Nachhaltigkeit als Lifestyle ist der sinnsuchende Mensch nun auf dem Land angekommen, dem scheinbar letzten Hort der Authentizität.

Das erinnert an die deutsche Romantik: Sie setzte den Entfremdungstendenzen der Moderne, der streng rationalen Aufklärung und der beginnenden Industrialisierung Individualität, Gefühl, Mystik und Natursehnsucht entgegen. Doch im Unterschied zur Romantik ist die neue Sehnsucht nicht auf die Gesellschaft gerichtet, sondern auf die Suche nach sich selbst: Ziel ist die Stimmigkeit des eigenen Lebens, das wahre Leben. So wird der Rückzug aufs Land als letzte große Herausforderung gefeiert – und bleibt doch Cocooning mit Misthaufen.
Denn dass es ausgerechnet jene Generation zurück zur Natur zieht, die in der Konsumgesellschaft sozialisiert ist, ist weniger widersprüchlich denn logisch. In der 2009 erschienenen Publikation „Sinnmärkte. Wertewandel in den Konsummärkten“ schreibt Zukunftsforscher Eike Wenzel: „Die modernen Konsumenten beginnen, das Sein über dem Haben zu privilegieren. Wir erleben gerade die Entstehung des Zeitalters der Sinnmärkte. In enttraditionalisierten Gesellschaften wird Lebenssinn zum permanenten Mangel. (...) Kauften wir uns früher Mehrheitskultur, geht es heute um immaterielle Werte.“ So konsumiert man auf dem Land eben Stimmungen, Atmosphäre und antimaterialistische Ideen von Tradition und vergangenen Werten.

Was die Autoren der Landbücher eint, ist: Sie alle liebten und lebten das schnelle urbane Leben in Hamburg, Berlin oder Frankfurt. Das ist die Fallhöhe, die eine simple Lebensentscheidung zur großen Lebensgeschichte macht. Sie garantiert außerdem die Distanz, die nötig ist, um fern der ländlichen Realität seine persönliche Utopie des Landlebens umzusetzen. Niemand muss sich in eine dörfliche Gemeinschaft mit all ihren Zwängen einfügen oder als Zugezogener Ausgrenzung fürchten. Zum einen, weil das Land durch den Niedergang bäuerlicher Kultur und Fluktuation zersiedelt ist. Zum anderen, weil die Neu-Dörfler sich zur Erfüllung ihres Traums den perfekten Ort aussuchen.

So gelingt es „Teilzeit-Landei“ Hochreither ebenso wie Reichert, ironische Distanz zu sich selbst und den natürlich „schrulligen“ Dorfbewohnern einzunehmen. Klar: wer jedes Wochenende Bauernhof spielt, braucht Land-Klischees als Staffage. Sonst gibt es nichts zu erzählen in der großen Stadt, in der man sich außerdem moralisch über seine ahnungslosen Mitmenschen erhebt. Fernsehmoderator Moor wiederum gab sich nicht mit einem Häuschen zufrieden – er wollte ein ganzes brandenburgisches Dorf seinen Träumereien unterordnen. Mit Bio-Hof, Tante-Emma-Laden, Dorfgenossenschaft, Kulturangeboten und einem gläsernen Stall auf dem Marktplatz als Touristenattraktion. Die Dörfler zeigten sich wenig begeistert – die Touristen kamen trotzdem.

Sezgin hingegen lebt bereits seit Jahren mit Schafen, Ziegen, Hühnern, Gänsen und gülleresistenten Gummistiefeln in der Lüneburger Heide. Die FR-Kolumnistin beschäftigt sich außerdem seit langer Zeit mit der ländlichen Realität: Die schlimmen Folgen der industriellen Landwirtschaft und Tierhaltung werden auch im Buch hinterfragt. Das persönliche Glück auf dem Land aber folgt Idealvorstellungen: Dem Umzug ging die Suche nach dem perfekten Haus voran. Wozu auch gehört, Wahlergebnisse zu durchforsten, um nicht in einem Nazi-Kaff zu landen. Das Glück findet Sezgin schließlich auf einem Häuschen am Rand eines Öko-Guts in einer Gemeinschaft „voller kulturinteressierter, herzlicher, fantasiebegabter und ökologisch gesonnener Leute“. Hier feiert man kein Schützenfest, sondern schwedische Abende.

Gleichzeitig in der Stadt und auf dem Land

Das wiederum klingt mehr nach Prenzlauer Berg – und tatsächlich findet man klassische Dorfstrukturen heute eher in den gentrifizierten Vierteln der Großstädte. Zum Beispiel Tante-Emma-Läden, die auf dem Dorf längst ausgestorben sind. Während die Cafés und Restaurants in den In-Vierteln Wildkräuter-Gerichte servieren und im neoromantischen Landhausstil („Shabby-Chic“) gehalten sind, ist das reale Land der Gewerbegebietisierung zum Opfer gefallen. Als traurige Reminiszenz ans alte Landleben ist allenfalls Landhaus-Kitsch aus dem Baumarkt geblieben: schmiedeeiserne Riesenzäune, Terrakotta-Figuren.

Geschmackvoll restaurierte Bauernhäuser werden meist von Manufactum-Auswanderern bewohnt. Sie sind vermutlich auch die letzten, die Gemüse pflanzen und Hühner halten. Auf den Wiesen grasen keine Kühe mehr, weil sich die Haltung außerhalb von Großbetrieben nicht mehr lohnt – stattdessen wächst dort Energie für den Energiekonsum der Städte. Die Neubaugebiete wachsen in die Kreisstädte hinein, deren Ortseingänge von Murnau bis Plön vom Dreiklang Discounter, Baumarkt und Getränkegroßhandel dominiert sind. In Berlin hingegen sprießen „Urban Villages“ aus dem Boden – kleine homogene Siedlungen für Gemeinschaften, die, wie einst auf dem Dorf, unter sich bleiben wollen. „Kann man gleichzeitig in der Stadt und auf dem Land wohnen? Ja, das geht!“, lautet der Slogan der Marthas-Höfe im Prenzlauer Berg.

Axel Brüggemann, Autor des Buchs „Landfrust“, ist ebenfalls von Berlin aufs Land gezogen. Auch er hätte gern ein begeistertes Buch darüber geschrieben. „Aber nach einem halben Jahr habe ich gemerkt, wie schnell man beginnt, sich seine Umgebung schönzureden – nur um eventuelle Zweifel an der eigenen Lebensplanung gar nicht erst aufkommen zu lassen.“ Brüggemanns Buch ist ein trauriger Report über den Niedergang des Landes. Über Arbeitslosigkeit, sterbende Bauernhöfe, Naturzerstörung, Gewalt und überschuldete Gemeinden. „Nirgends“, schreibt er, „sind die Deutschen ärmer, ungebildeter und frustrierter.“

Natürlich ist auch das nicht die einzige Realität. Brüggemann, der selbst auf dem Land groß geworden ist, sagt: „Statt uns das Landleben schönzureden, müssen wir es retten.“ Das ist die Land-Sehnsucht derer, die darin aufgewachsen sind. Sie spüren vor allem den Verlust. Der Städter hingegen kann sich darauf konzentrieren, nur das Schöne zu sehen. Er kennt es ja nicht anders.

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