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Spionage Was treibt der Spion?

Drei Bücher über die geheime, aber in diesen Fällen wahre Welt der Agenten in Ost und West.

10.08.2016 16:00
Andreas Förster
Als die Defa James Bond spielen wollte: Szene aus dem DDR-Film „For Eyes Only - Streng Geheim“. Foto: imago stock&people

Unsere Vorstellungen von der geheimen Welt der Spionage sind geprägt durch Filme und Romane: die James-Bond-Reihe etwa oder die Thriller des John le Carré, Fernsehserien wie „The Americans“, „The Game“ oder „Deutschland 83“. Geradezu rührend naiv fiel der erste Versuch eines Agententhrillers der DDR-Filmgesellschaft Defa aus: 1963, ein halbes Jahr nach dem ersten James-Bond-Film mit Sean Connery, feierte „For eyes only“ Premiere in Ost-Berlin. Die von Regisseur János Veiczi erzählte Geschichte basierte auf einem tollkühnen Stasi-Coup von 1956, als es dem DDR-Spion Horst Hesse gelungen war, die Agentenkartei des US-Geheimdienstes MID zu erbeuten. Die Defa peppte die Story natürlich reichlich auf, mit leichten Mädchen, Leichen am Straßenrand und fiesen US-Agenten in finstrer Nacht, die vom Stasi-Helden in die Knie gezwungen werden.

Das jetzt im Berliner Verlag Edition Ost erschienene Buch „For eyes only“ will laut Untertitel erstmals die wahre Geschichte des Stasi-Agenten Hesse erzählen. Autor Peter Böhm schildert zwar ausführlich, wie Hesse zum Top-Spion wird und seinen großen Coup durchzieht. Doch dem Autor gelingt es nicht, die – übrigens gar nicht mal so unbekannten – Fakten in eine differenzierte Darstellung von Personen und zeitgeschichtlichen Zusammenhängen einzubetten. So entsteht eine unkritische Heldengeschichte, die in dieser Schwarz-Weiß-Form auch gut ins tschekistische Traditionskabinett des MfS gepasst hätte.

Wie aber ist die Wirklichkeit hinter den Agenten-Klischees, was treibt den Spion, und wie treibt er dies? Der Sammelband „Spione und Nachrichtenhändler“ aus dem Ch. Links Verlag geht diesen Fragen nach. Das Buch schildert bislang weitgehend unbekannte Lebensläufe von neun Männern und einer Frau, die auf unterschiedliche Weise zwischen 1939 und 1989 mit Geheimdiensten in Kontakt standen. Einige von ihnen waren nur mit einem Dienst verbandelt, andere ließen sich gleichzeitig mit mehreren ein.

Mit einer Agentin im Bett

Nur einer der Porträtierten, der frühere Präsident des Bundesdisziplinarhofes, Kurt Behnke, war selbst kein Spion, auch wenn der BND dies stets glaubte; allerdings lag Behnke mit einer MfS-Agentin im Bett und verriet wohl auch einem als Stasi-Spion verdächtigten V-Mann des Verfassungsschutzes pikante und vom Mielke-Dienst sicher gut verwertbare Verfehlungen bundesdeutscher Spitzenbeamter.

Die einzelnen Lebensläufe sind von insgesamt elf Autoren verfasst, was die Lektüre abwechslungsreich macht, auch wenn das eine oder andere Kapitel etwas zu trocken geraten ist. Ein Highlight: Die bislang unerzählte Stasi-Karriere von Joachim Krase, dem 1988 verstorbenen Vizechef des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), der einer der wirklichen Topspione des MfS gewesen ist.

Dennoch, im Vergleich mit den Agenten der Special Operations Executive (SOE) haben die Nachkriegsspione von BND und Stasi ein ruhiges Leben geführt. Die SOE, im Mai 1940 auf Betreiben des britischen Premiers Churchill gegründet, war für Subversions- und Sabotageakte in den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten zuständig. Churchill selbst nannte den britischen Geheimdienst das „Ministerium für unfeine Kriegsführung“ (ungentlemanly warfare). Auch Frauen schickte der SOE an die Front. Das im Dumont Verlag erschienene Buch „Der Finsternis entgegen“ schildert die Geschichten dieser SOE-Agentinnen, die vor allem in Frankreich gegen Hitlers Truppen kämpften und starben.

Eine spannende Lektüre, lebendig zusammengeschrieben aus Geheimdienstakten und – in Großbritannien – bereits veröffentlichten Memoiren. Allerdings überrascht der Epilog mit der Information, dass die Briten selbst bis heute eine kritische Distanz zur Terrortruppe SOE einnehmen und auch Gerüchte über eine mögliche deutsche Unterwanderung der Einheit nicht verstummen wollen. Darauf aber gehen die Autoren auf den vorangegangenen 250 Seiten mit keinem Wort ein, weshalb auch diese Heldengeschichte ein wenig einseitig bleibt.

DIE BÜCHER:

Peter Böhm: For eyes only. Die wahre Geschichte des Agenten Horst Hesse. Edition ost, Berlin 2016, 256 Seiten, 16,99 Euro.

Helmut Müller-Enbergs/Armin Wagner (Hg.): Spione und Nachrichtenhändler. Geheimdienst-Karrieren in Deutschland 1939-1989. Ch. Links Verlag, Berlin 2016, 376 S., 25 Euro.

Arne Molfenter, Rüdiger Strempel: Der Finsternis entgegen. Die wahre Geschichte der Vera Atkins und ihrer mutigen Agentinnen. Dumont, Köln 2015. 288 Seiten, 19,99 Euro.

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