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„Speicher 13“ Dieses Leben, so vertraut

Jon McGregors großer Roman „Speicher 13“ folgt dreizehn Jahreszyklen und ist voll von vielsagenden Andeutungen.

Sheffield, Großbritannien
Normalität auf dem englischen Land. Foto: rtr

Für einen Erzähler, der wirklich nichts Besonderes erzählt, hat Jon McGregor die Fäden erstaunlich fest in der Hand. Er ist ein raffinierter Puppenspieler, als Leser ist man seine Puppe und merkt es kaum. Hier ein Satz und da ein Satz wecken Erwartungen, dass dies oder das noch passieren könnte. Hier ein Satz und da ein Satz führen zu nichts. Oder jedenfalls zu wenig, meist zu Alltagsgeschehen, banal, vertraut. Aber „Speicher 13“ ist dennoch ein seltsam spannender, lockender Roman. Man könnte ihn einen Krimi nennen, er erweitert gewissermaßen das Genre. Aber wer in diesem Buch nur den Krimi sucht, wird mit Sicherheit enttäuscht werden.

Zu Beginn von „Speicher 13“ passiert Folgendes: Die 13-jährige Rebecca Shaw, die mit ihren Eltern auf dem englischen Land zum Jahreswechsel Urlaub macht, verschwindet spurlos. Sie war mit ihren Eltern spazieren, sie trödelte und bockte, sie war plötzlich weg. Die Polizei tut alles (allerdings muss sich die Leserin, geschult von Fernsehkrimis, größtenteils vorstellen, wie die Ermittler alles tun), über Monate, dann Jahre. Suchtrupps werden eingesetzt. Taucher werden eingesetzt im Speichersee. Einmal holt man sogar drei Schauspieler extra aus Manchester, um den entscheidenden Spaziergang nachzustellen. Vielleicht erinnert sich ja doch noch ein Dorfbewohner an ein wichtiges Detail.

Autor und Leser bleiben auf Abstand

„Reservoir 13“ (so der Originaltitel) des 1976 auf den Bermudas geborenen, in Norfolk aufgewachsenen Jon McGregor ist seit 2002 erst der vierte Roman des Briten, dazu kommt die Kurzgeschichtensammlung „This Isn’t the Sort of Thing That Happens to Someone Like You“ – trotz des Titels erzählt McGregor selbstverständlich fast nur von Dingen, die den meisten Menschen zustoßen können. Er ist dabei allwissend, gleichzeitig diskret. Er hält Abstand zu den Gefühlen seiner Figuren, hält auch die Leserin auf Abstand. Trotzdem versteht man, wie es diesen Menschen geht, wie es auch den trauernden Eltern geht: „Gordon Jackson fuhr von einer Viehauktion nach Hause und sah einen Mann am Straßenrand, der den Arm ausstreckte, als brauche er Hilfe. Er trug nicht den dunkelgrauen Anorak, aber er sah nach dem Vater des vermissten Mädchens aus.“ Tag um Tag läuft der Mann die Wege ab. Zu seiner Frau kommt regelmäßig die Pastorin.

„Speicher 13“ folgt dreizehn Jahreszyklen. Fast möchte man die Kapitel, die sich jeweils über ein Jahr erstrecken, Gesänge nennen. Denn der Autor pfeift weitgehend auf Absätze, pfeift auf übliche Handlungsstränge. Er lässt es fließen – und kreisen. McGregor reiht scheinbar beliebig springend, scheinbar absichtslos mäandernd ziemlich schlicht gebaute Sätze. Aber dies ist eine Schlichtheit, die auf großer Kunst und Genauigkeit beruht. Man kann getrost davon ausgehen, dass diesem Schriftsteller nichts unterläuft.

Man erkennt, je mehr von dem Roman man gelesen hat, wiederkehrende und doch stets leicht abgewandelte Motive. Man erkennt eine Form, die alles umschließt und eben nichts dem Zufall überlässt: Die Welt dreht sich in diesem namenlosen Dorf. Eine Form, die das Vergehen, Verströmen der Zeit spürbar macht in Natur- wie menschlichen Lebensabläufen. Die Cooper-Zwillinge werden geboren. Metzger Fowler verliert seinen Laden. Ruth Fowler trennt sich von ihm. Die Teenager des Dorfes knutschen. Susannas gewalttätiger Mann taucht auf, weil er sie dummerweise finden konnte. Die Teenagertochter war auf Facebook und unvorsichtig. Irenes behinderter Sohn Andrew kommt in eine Wohngemeinschaft. Sie hat dann keine blauen Flecken mehr und muss sich auch nicht mehr vor ihm fürchten. Die Pastorin wechselt nach Manchester und hat ein schlechtes Gewissen. So vergeht Jahr um Jahr – gleichsam im Sauseschritt, doch ohne dass „Speicher 13“ ein irgendwie hastiges Buch wäre.

Ungewissheiten und Depressionen

Jedes Kapitel beginnt in der Silvesternacht. Aber immer haben sich Dinge verändert, Meinungen, Stimmungen, Konstellationen verschoben. Mal gibt es ein Feuerwerk nur in der Stadt hinter den Bergen. Dann veranstaltet das Dorf selbst ein Feuerwerk. Dann verzichtet man wieder, weil es schon zweimal gebrannt hat. Jedes Jahr wird ein Weihnachtsschwank aufgeführt. Jedes Jahr wird bei den Jacksons, den Schafzüchtern, abgelammt. Jedes Jahr wird der Gemeinschaftsgarten bestellt. Und werfen die Fähen im nahen Wald Junge. Jedes Jahr erinnert sich das Dorf irgendwie an „Rebecca, oder Becky, oder Bex“, immer noch wird vereinzelt von ihr geträumt.

Jon McGregor ist ein Meister der vielsagenden Andeutungen – vielsagend aber im Kopf des Lesers. Was hat Jones, der Hausmeister der Schule, zu verbergen? Was ist mit dem roten Kleintransporter, der gesehen wurde? „Das ist ein Durchbruch, aber ein richtiger“, glauben die Bewohner. Ein weißer Kapuzenpulli wird gefunden, drei Jahre später. Im achten Jahr entsteht das Gerücht – ist es mehr als ein Gerücht? –, dass der Vater des Mädchens nun verdächtigt wird. Zwischendurch erscheint ein Phantombild von einer um einige Jahre gealterten Rebecca. Die Polizei beteuert, den Fall keineswegs zu den Akten gelegt zu haben.

Jedes Detail in diesem Roman erscheint zwanglos und zufällig. Jedes Detail, das ist bald klar, ist sorgsam ausgewählt und ebenso sorgsam formuliert. Vieles bleibt in der Schwebe, aber genauso bleiben die Dinge im wirklichen Leben in der Schwebe. Die Schwester des Hausmeisters ist irgendwie krank, vielleicht sind es Depressionen. „So eine Schande, was aus ihr geworden ist“, sagen sie im Dorf: „Als ob irgendjemand wüsste, was genau es war.“

Das Leben besteht aus Ungewissheiten (Krankheit, Tod, dem ein oder anderen Verbrechen). Aber auch Vorhersehbarem (Krankheit, Tod, dem ein oder anderen Verbrechen) – bei dem nur die Frage ist, wen es just trifft. „Speicher 13“ bildet dieses merkwürdige Leben meisterhaft ab.

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