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Sonnenberg „Von Marx zum Maulwurf“ „Wie Treibholz auf dem Strom“

Uwe Sonnenberg rekonstruiert die Geschichte des linken Buchhandels während der 60er bis 80er Jahre.

01.11.2016 18:08
Von Knud von Harbou
Männer mit längeren Haaren auf der Frankfurter Buchmesse im Herbst 1977. Foto: picture-alliance/ dpa

"Ungeöffnete Königsgräber“ wurden die Verlagsarchive der 68er-Zeit genannt. Integriert in dem Verband des linken Buchhandels (VLB), fand in diesem eher lose strukturierten Ideenzentrum eine linke Aufbruchsgesellschaft zusammen, die erstmals in der Bundesrepublik eine geschlossene Gegenwelt repräsentierte. Im VLB selbst bestand sie ab Mitte der 60er Jahre etwa 20 Jahre lang.

In seinem Buch „Von Marx zum Maulwurf“ geht Uwe Sonnenberg feinsten Verästelungen der chaotischen Organisation linker Buchhändler und deren Ideenvielfalt nach, die seit Mitte der 70er Jahre das Spektrum undogmatischer Linker jenseits offizieller Sozialdemokratie, der DKP, der maoistischen K-Gruppen und des Terrorismus abbildete. Die Buchläden waren die Bühne dieser Bewegung, Kommunikationszentrale oder Ideenschmiede.

Sonnenberg untersucht den VLB als Sonderfall in der Geschichte des deutschen Buchhandels und rekonstruiert darüber hinaus – wenigstens in Grundzügen – den Diskurs und das theoretische Spektrum des links-alternativen Milieus, dem Ende der 80er Jahre immerhin gut eine halbe Million Sympathisanten zugerechnet wurden. Das Buch ist eine wahre Fundgrube, es schließt eine Lücke, denn die Zeitgeschichtsforschung behandelt die Buchhandelsgeschichte nur recht stiefmütterlich.

Von einem unbändigen Theoriehunger getrieben, las man in den 60er Jahren alles, was unter einem diffusen Links-Begriff zu subsumieren war, Marx, Freud, Brecht, Adorno, Marcuse, „wie Treibholz auf dem Strom“ seien sie den Wissbegierigen zugeschwommen. Der sie vertreibende Buchhandel agierte ohne Unterstützung, er war „ein Bewegungsbuchhandel der Neuen Linken“. Damit sind die vielen Mensastände, ad hoc-Verkaufsstände in den Innenstädten, in Koffern abendlich in Kneipen offerierten Raubdrucke der genannten Autoren gemeint.

Die Linke nutzte die Ignoranz des etablierten Buchhandels, der die Bücher dieser Berühmtheiten weder verlegte noch vertrieb. Unterstützt von Essays in Zeitschriften wie „Das Argument“, „Kritische Justiz“ oder Hans Magnus Enzensbergers „Kursbuch“, die nachhaltig die Bedeutung neuer Denkansätze hervorhoben, wurde die Neugierde und Theoriesucht der überwiegend studentischen Leserschaft befriedigt.

Im Oktober 1965 boten zwei Studenten dem SDS-Bundesvorstand an, heimlich die Kapazitäten einer nagelneuen Offset-Druckmaschine eines amerikanischen Rundfunkpredigers „politisch nutzen zu wollen“. Der dort gefertigte Nachdruck von Rosa Luxemburgs „Die Akkumulation des Kapitals“ lieferte aufgrund lebhafter Nachfrage den Anreiz für eine eigene kleine Hausdruckerei und war die erste Buchpublikation des Verlags Neue Kritik. Wie Pilze schossen weitere kleine Verlage mit recht unterschiedlichen Themenspektren aus dem Boden: „Trikont“ entdeckte die Dritte Welt, die Oberbaumpresse verstand sich zunächst als literarischer Untergrundverlag, dünne „Flugschriften“ des Voltaire Verlages füllten als Agitationsmaterial eine Lücke im Buchhandel.

Schon 1964 machte Klaus Wagenbach dank seiner guten Beziehungen zur Gruppe 47 mit deren Texten vertraut, ebenso der abgespaltene Rotbuch Verlag, der zu einem der wichtigsten publizistischen Begleiter der radikalen Linken wurde. Den etablierten Verlagen entgingen die Verkaufserfolge der Kleinverlage nicht. Schnell passten sich Suhrkamp, Rowohlt, die Europäische Verlagsanstalt und Luchterhand mit neuen Programmschienen den Bedürfnissen der Außerparlamentarischen Opposition an. Auch aufseiten der Linken erfolgte eine Weiterentwicklung: Im Herbst 1970 gründete K. D. Wolff, vom März Verlag kommend, den Verlag Roter Stern.

Geschickt stellte der linke Verlagsbuchhandel den Begriff Öffentlichkeit zur Disposition mit der Folge, dass sich die Struktur der Frankfurter Buchmesse total änderte. Mit gewaltsamen Besetzungen der Messestände und Diskussionen sollte die Ideologie beispielsweise der Springer Presse decouvriert werden.

Wesentlicher Streitpunkt war das Mitspracherecht der Verlagsangestellten, das die Verlagseigentümer vor große Probleme stellte und zu etlichen Neugründungen führte. Erklärtes Ziel war die „Abschaffung der kapitalistischen Verfügungsgewalt an Produktionsmitteln“, es gebe kein „Recht auf geistiges Eigentum“. Ein Hebel, um dieses Ziel zu erreichen, bestand in dem Plan, mit der Herstellung von sogenannten Raubdrucken „das bürgerliche Verlagswesen“ zu unterlaufen. An die 40 Gruppen von Untergrunddruckern produzierten unter Phantasienamen wie „Verlag Zerschlagt das bürgerliche Copyright (Hamburg, Berlin, Havanna) teils psychoanalytische, psychologische Nachdrucke, teils Titel aus den Bereichen Belletristik und Philosophie, aus dem Anarchismus oder zum Faschismus. Häufig nur für die Hälfte des offiziellen Ladenpreises, was den vorhandenen Lesehunger nochmals animierte.

So wurde vergriffene Literatur wieder zugänglich und es entwickelten sich neue ästhetische und politische Kategorien. Kannibalisiert wurden aber auch die linken und linksliberalen Verlage selbst („Raubdrucke von Raubdrucken“). Weil Grossisten wie Libri nur selektiv auslieferten, entwickelte sich ein Netzwerk selbständiger linker Buchläden. 115 Verlage, Vertriebe, Druckereien und Buchläden, verteilt auf 46 Städte, zählten zu den Mitgliedern im VLB.

Mit der Auflösung des SDS 1970 vollzog sich ein Wandel des linken Buchhandels, immer häufiger ertönte der Ruf nach „Liquidation der antiautoritären Phase“, begleitet von der Etablierung orthodoxer kommunistischer Buchläden, deren rigide Selektion „bürgerlicher“ Literatur die Läden jedoch schnell ruinierte.

Als Reaktion darauf bemühte sich der VLB um stabilere Strukturen, um aber nur kurze Zeit später in einen Strudel sich bekämpfender Fraktionen zu versinken. Der VLB stand vor einem Neuanfang, sah fortan seine Rolle als Schutzverband nach außen, etwa wegen der Intellektuellenhatz im Zuge der RAF-Verfolgung. Der kleine alternative Buchhändler erlebte hautnah Durchsuchungen, Beschlagnahmungen und Verbotsverfahren nach der „Mai-Offensive“ der RAF 1972.

Ein Tendenzwandel des linksalternativen Buchhandels läutete das Ende des alten politischen Buchhandels ein. Andere Themen standen im Vordergrund: die Aufarbeitung der NS-Geschichte, Feminismus, Ökologie; der Marxismus schien zu einem bloßen Phänomen degradiert. Es drängten Werke von Michel Foucault oder Gilles Deleuze in die Regale.

Daraus entwickelte sich eine Suchphase der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Mit der Auflösung des alternativen Milieus löste sich auch der VLB Ende der 80er Jahre auf, alle späteren Versuche, ein neues Netzwerk zu schaffen, scheiterten.

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