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Sonja Friedmann-Wolf: "Im roten Eis" Kinder wie lebensmüde Tiere

Gegen jede Wahrscheinlichkeit überleben: Sonja Friedmann-Wolfs Erinnerungen an den stalinistischen Terror.

08.10.2013 16:28
Wilhelm von Sternburg
1935/36: Sonja in Moskau. Foto: Privatarchiv Ester Noter, Tel Aviv

In ihren vor 50 Jahren geschriebenen und erst jetzt veröffentlichten Erinnerungen erzählt Sonja Friedmann-Wolf von einer Zeit des materiellen Elends und des physischen Überlebenskampfes. Sonja wird 1923 in Berlin geboren, wo ihre Eltern als politisch engagierte Ärzte arbeiten. Lothar und Marta Wolf sind überzeugte, idealistische Kommunisten, und als die Mehrheit ihrer Landsleute es zulässt, dass Hitler an die Macht kommt, beginnt der jahrzehntelange Leidensweg einer jüdischen Familie, an dessen Ende Lagerhaft, Krieg und Tod stehen.

Vor den Nationalsozialisten fliehen die Wolfs über die Schweiz in die Sowjetunion. Dort erwartet sie nicht das Arbeiter- und Bauernparadies, von dem vor allem der Vater träumt, sondern ein Land in der Phase eines chaotischen, überhasteten und gegenüber den Menschen rücksichtslosen industriellen Aufbaus. Sonja Wolf und ihre Familie treffen Mitte der dreißiger Jahre in einer verelendeten Metropole ein: „Obdachlose Kinder, vom Hunger aus der Ukraine und aus Wolgadeutschland vertrieben und von ihm, dem Würger, zu Waisen gemacht, hielten Moskau in Horden belagert.

Hungrig, halbnackt, blau gefroren, trieben sie sich, eine Plage der Einwohner, in den Straßen herum. Die Obdachlosen schliefen in den ewig überfüllten Wartesälen der Bahnhöfe, in Güterzügen, in Kellergewölben; sie verkrochen sich nachts wie lebensmüde Tiere in dunkle Treppenaufgänge.“

Dann werden die deutschen Exilanten Opfer des stalinistischen Terrors, der auch das Schicksal von Millionen Sowjetbürgern bestimmt. Bei den Verhören erwarten sie wahnwitzige Anschuldigungen und in den Gefängnissen Folter. In Arbeitslagern müssen sie Sklavenarbeit verrichten, und die Erschießungskommandos wüten pausenlos. Sonjas Familie hört in schlaflosen Nächten, wie ihre Nachbarn abgeholt werden. Auch der Vater wird verhaftet. Der berühmte Schriftsteller Lion Feuchtwanger, den das Kind 1933 in Lugano kennengelernt hat und der in diesen Jahren von den Sowjets als bürgerlicher Sympathisant umworben wird, setzt sich in einem Schreiben an Stalins Henker Andrej Wyschinski für ihn ein.

Vergebens: „,Interessant‘, stellte Wyschinski fest, ,hochinteressant, das Schreiben ist tatsächlich von Lion Feuchtwanger‘, und mit sadistischer Bedächtigkeit zerriss er den Brief samt Umschlag vor unseren Augen.“ Erst Monate später erfahren Mutter und Tochter, dass Lothar Wolf erschossen worden ist.

Marta Wolf begeht 1940 Suizid. Die 17-jährige Sonja und ihr jüngerer Bruder, jetzt völlig auf sich gestellt, finden auch bei den deutschen Genossen keine Hilfe, weder Wilhelm Pieck noch der Kreis um Walter Ulbricht kümmern sich um das Schicksal der Waisen. Offenbar bewahren nur mehrfache Geldsendungen Feuchtwangers Sonja – und schon zuvor ihre Eltern – vor dem Hungertod. Sie wird gezwungen, für den Geheimdienst zu arbeiten. Sie versucht, die Wirklichkeit mit Alkohol auszublenden.

Nach dem Hitler-Stalin-Pakt entgehen die Geschwister zwar der Auslieferung an die Gestapo, aber kurz nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion werden sie verhaftet und in ein Straf- und Arbeitslager nach Kasachstan verbannt. Der Bruder stirbt einen elenden Soldatentod. Die neue Hölle erlebt Sonja Wolf schon auf dem Transport: „Wenn man in Betracht zieht, dass der winterliche Kältegrad Nord-Kasachstans durchschnittlich -30 Grad Celsius aufweist, so wird sich wohl niemand wundern, dass ich gesehen habe, wie man die zu Skeletten abgemagerten Leichen der über Nacht Erfrorenen kurz vor Arbeitsbeginn, kurz vor der Morgendämmerung, aus den Waggons in die Steppe hinauswarf.“

Die Heirat mit dem Litauer Israel Friedmann und die Geburt einer Tochter ändert nichts an Zwang und Verfolgung. Jahrelang ist die Familie getrennt. 1948 darf Sonja Wolf zu Mann und Tochter nach Vilnius reisen. Nach Stalins Tod und nach einem jahrelangen Kampf um eine Ausreisegenehmigung erhält die Familie 1958 die Erlaubnis, in die DDR überzusiedeln. Auch hier greift Feuchtwanger wieder hilfreich ein. Von dort führt ihr „Schicksalsweg“ sie nach Israel, wo Sonja 1986 ihrem harten, tragischen und von ungeheurer Willenskraft getragenen Leben selbst ein Ende setzt. Sie ist dem „Roten Eis“ endgültig entkommen.

Sonja Wolfs bewegender Lebensbericht beschwört die Hölle des Stalinismus herauf. Er gehört zu den eindrucksvollsten Zeitzeugenschilderungen, die wir über diese menschenmordenden Jahrzehnte kennen. Oder mit den Worten des Mitherausgebers Ingo Way: „Es ist auch die Geschichte einer einzigartigen Frau, die gegen jede Wahrscheinlichkeit überlebte und sich gegen jede Zumutung behauptete.“

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