Lade Inhalte...

„Sonderbehandlung Code 14f13“

Daniel Blatmans Pionierarbeit über „Die Todesmärsche 1944/45“

18.02.2011 16:35
Von Rudolf Walther
28. April 1945: Die SS holt Häftlinge aus dem KZ Dachau. Foto: akg-images

Es ist schon erstaunlich, dass eine der brutalsten „Vernichtungstechniken“ der nationalsozialistischen Herrschaft – die Todesmärsche von KZ-Häftlingen bei Kriegsende – von Historikern bisher kaum erforscht wurde. Die Gründe dafür sind komplex und reichen von der schwierigen Quellenlage bis zur Verhinderung von historischer Forschung durch die politischen Interessen während des Kalten Krieges. Außer einem Bericht des UN-Flüchtlingsrats, der schon 1946 110 Todesmärsche registrierte, und einer – nicht übersetzten – tschechischen Studie von 1965, beschäftigte sich nur Daniel Goldhagen in zwei Kapiteln seines Buches „Hitlers willige Vollstrecker“ (1996) mit dem Thema. Lokalhistoriker und Stadtarchivare wiederum kümmerten sich nicht systematisch um die Todesmärsche, sondern nur um einzelne lokale Fälle.

Insofern ist die monumentale Studie des israelischen Historikers Daniel Blatman eine Pionierarbeit. Zehn Jahre lang hat er in Archiven in Europa, in den USA und in Israel alle Quellen gesichtet und sortiert, die Auskunft geben über Todesmärsche in der Endphase der nationalsozialistischen Herrschaft. Das Ergebnis der immensen Arbeit ist kein vollständiges Bild, sondern ein Puzzle mit Leerstellen und Grauzonen. Das mindert die Bedeutung der Arbeit keineswegs, denn erstmals klärt jetzt ein Buch umfassend und mit detaillierten Belegen auf über die ungeheuerlichen Verbrechen angesichts der absehbaren militärischen Niederlage.

Für viele Todesmärsche gibt es keine oder nur ungefähre Angaben zur Menge der dazu gezwungenen Menschen. Zwei Zahlen geben einen Eindruck von der Dimension der Gewalt: Im Januar 1945 waren noch 714000 Menschen in Konzentrationslagern gefangen. In den vier Monaten bis zur Kapitulation im Mai starben davon rund ein Drittel – an Unterernährung, Erfrierung, vor allem aber durch mörderische Aufseher, Soldaten, SS-Leute, auch Zivilisten. An der Bewachung von Häftlingen als „Maßnahme der Vernichtung“ (Blatman) waren direkt oder indirekt 37674 Männer und 3508 Frauen beteiligt.

Hinzu kamen Zivilisten, die von lokalen Partei- und Polizeigrößen mobilisiert wurden, wenn das Gerücht umging, entflohene KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter zögen marodierend durch die Gegend. Blatman dokumentiert viele Fälle, in denen Aufseher, Polizei und Militär zusammen mit Zivilisten und Angehörigen des Volkssturms regelrecht auf Menschenjagd (im Jargon: „Zebrajagd“) gingen.

Eine zentrale Rolle spielten die Wachmannschaften. Sie hatten zum Teil widersprüchliche Befehle aus Berlin. Sie sollten Häftlinge aus den Lagern im Osten evakuieren, damit sie nicht der Roten Armee in die Hände fielen. Sie standen jedoch unter großem Zeitdruck und wegen der zusammenbrechenden Transportinfrastruktur vor einer unlösbaren Aufgabe. Die Aufseher legten den Befehl, auf flüchtende Häftlinge zu schießen, als „Freibrief“ aus, „ohne Unterschied jeden zu ermorden“, der dem Marschtempo aus Schwäche oder Hunger nicht mehr folgen konnte. Blatmans Resümee: „Das Morden war jetzt zu einem nihilistischen, lokal begrenzten Akt geworden, der nicht mehr von höheren Stellen befohlen und angeleitet wurde. (…) Letztlich entschied der einzelne Aufseher, ob er abdrückte.“

Die „Sonderbehandlung“ mit den Codenamen „14f13“, bedeutete die Erschießung von Arbeitsunfähigen. Sie galt schon seit 1941, aber im Chaos der überstürzten Räumung der KZ und deren Außen- und Nebenlager im Osten wurde sie 1945 zum Normalfall für jedes Verhalten, das den Rückzug störte. Walter Bierkamp, der Chef der Sicherheitspolizei, erklärte am 21. Juli 1944: „Bei überraschender Entwicklung der Lage … sind die Gefängnisinsassen zu liquidieren.“

Die Aufgabe der Lager im Osten führte zur so schnellen wie für die Häftlinge tödlichen Überfüllung der provisorischen Transitlager. Nach der Räumung von Birkenau und Auschwitz im Januar 1945 warteten 97000 Häftlinge im schlesischen Zwischenlager Groß-Rosen unter unbeschreiblichen Bedingungen auf ihren Weitertransport nach Bergen-Belsen, Ravensbrück, Dachau, Mauthausen, Flossenbürg und Buchenwald. Während der Todesmärsche und in den Zwischenlagern gab es keine Infrastruktur, sondern „nichts außer Erde und Berge und Tausende von Toten, Tausende von Skeletten“, wie Augenzeuge Abraham Broch berichtete.

Wer das winterliche Inferno überlebte, kam in Güterwagen in restlos überfüllte Lager im Westen, wo Hunger und Epidemien herrschten. In Flossenbürg verhungerten in den letzten Kriegsmonaten täglich 42 Menschen, in Bergen-Belsen unfassbare 290. Schon den Transport zu überleben, war für die halb verhungerten Häftlinge Glücksache. Verglichen damit hatten Kranke oft Glück im Unglück, wenn sie einfach in den Lagern zurückgelassen und von der Roten Armee gerettet wurden.

Auch Massaker waren keine Seltenheit. Ende Januar 1945 landeten 3000 Häftlinge aus Lagern in Königsberg und Stutthof bei Danzig in der ostpreußischen Kleinstadt Palmnicken mit ebenso vielen Einwohnern. Hinzu kamen rund 5000 Deutsche auf der Flucht vor der Roten Armee. In der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar ließ die überforderte Wachmannschaft die 3000 Häftlinge erschießen, woran sich auch 50 bis 100 HJ-Jünglinge, der Bürgermeister und der örtliche NSDAP-Chef beteiligten. Hans Feyerabend, ein couragierter Veteran aus dem Ersten Weltkrieg und Direktor des Bernsteinwerks vor Ort, versuchte das Verbrechen zu verhindern und erschoss sich, als er damit scheiterte.

Bei Gardelegen in Sachsen-Anhalt wurden noch am 1. April 1100 Häftlinge unter tätiger Mithilfe der Zivilbevölkerung und des NSDAP-Chefs Gerhard Thiele, der nach dem Krieg bis zu seinem Tod 1994 unbehelligt im Westen lebte, in einer Scheune eingesperrt und verbrannt. Daniel Blatmans Studie bringt erstmals Licht in ein besonders dunkles Kapitel der neueren Geschichte. Es setzt Maßstäbe.

Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45. Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Massenmords. A. d. Hebr. v. Markus Lemke, Rowohlt Verlag 2011, 852 S., 34,95 Euro.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum