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„So werde ich Nazi“ „Das kleine ABC der Volksverhetzung“

Völkischer Fremdenhass, spirituelle Spinnerei und schwachsinnige Verschwörungstheorien: In Jörg Schneiders satirischer Fettnäpfchen-Sammlung „So werde ich Nazi - Welcher Extremismus passt zu mir?“ hat alles mit allem zu tun.

Springerstiefel
Nicht gleich hinschmeißen: Jörg Schneider berät in Nazi-Fragen. Foto: imago

Ein spätpubertierender Reality-TV-Föhnfrisierter verwaltet die Atomwaffencodes der USA, ein vorsintflutlicher Halsabschneiderverein gründet in Nordafrika seine eigene Scharia-Kommune und eine Adlige aus reichsdeutschem Hause rechtfertigt ihren digitalen Schießbefehl gegen Flüchtlinge mit einem Ausrutschen auf der widerspenstigen Computermaus – wenn die Wirklichkeit allzu sehr ins Absurde abdriftet, stößt Satire schnell an ihre Grenzen. Ein Glück für den orientierungslosen Otto-Normalverbraucher, dass sich der ehemalige „Titanic“- und Harald-Schmidt-Gag-Autor Jörg Schneider mit „So werde ich Nazi – Welcher Extremismus passt zu mir“ trotzdem an einer schonungslosen Bestandsaufnahme der Gegenwart versucht.

Schon der Titel impliziert, dass der satirische Extremismus-Ratgeber nur diejenigen ansprechen will, die ihren Platz im irrlichternden Spektrum zwischen „Reichsjesus“ Xavier Naidoo und „AfD-Chefstrategen Alexander Gauland (ihr grauer Herr fürs Braune)“ noch nicht gefunden haben.  Nazis lesen demnach nicht. Aber aufgepasst: Für Schneider gilt es, „Ursache und Wirkung genau abzuwägen, denn längst nicht jeder Legastheniker ist ein Nazi“.

Aber was verrät uns der Autor nun darüber, wie der Leser die Karriereleiter zum Rechtsextremisten erklimmt? Neben der Bereitschaft, aus aufrichtiger Besorgtheit über die Gefährdung der deutschen Leitkultur ein paar Asylbewerberunterkünfte anzuzünden, brauche er einen gesunden Hang zur Verschwörungstheorie. Mindestens über Chemtrails müsse er Bescheid wissen – noch besser, er desinformiere sich auf einschlägigen „Ich-hab’s-ja-schon-immer-gewusst-Webseiten“ über „interstellare Nazistützpunkte und den in einem argentinischen Bergdorf lebenden Elvis“.

Dem frisch gebackenen Vaterlandsverteidiger fehlt Schneider zufolge aber noch eine geschmacksverfeinernde Zutat: der religiöse Fanatismus. „Das kleine ABC der Volksverhetzung“ im fünften Kapitel stellt alphabetisch sortiert die Greatest Hits der Nationalisten und die der Religionstrunkenen gegenüber. Unvermeidlich sind dabei „ideologische Überschneidungen“, wie sich schon an den Stichworten zu B erkennen lässt: Immerhin hält sich die sachgerechte Verwendung des nationalistischen „Brandsatz(es)“ („Entflammbarer Aufsatz am verlängerten Arm besorgter Bürger. Wird man doch noch mal werfen dürfen“) lediglich an die Grundsätze der heiligen „Bibel“ („predigt mit Mord und Totschlag Nächstenliebe und Barmherzigkeit (siehe Koran und Tanach))“.

Sollten jene, die sich „in einer Art von selbstauferlegtem Wissenszölibat für ein Leben in intellektueller Askese entschieden haben“, Jörg Schneiders satirisch souveräne Fettnäpfchen-Sammlung wider Erwarten geistig verdauen können, so darf sich der Autor sicher sein, ihnen den Schaum der (ge)rechten Empörung vor den Mund zu treiben.

Selbiges gilt für die fünf „nützlichen Gastbeiträge“, die Schneiders Rundumschlag durch signifikante Fallbeispiele ergänzen. FR-Redakteurin Katja Thorwarth etwa widmet sich dem „neudeutsche(n) Bund strammer Mädels“, in dem „AfD-Vorzeigeeisprinzessin“ Frauke Petry trotz Schießbefehl-Affinität noch die gesellschaftsfähigste zu sein scheint. Immerhin konkurriert sie mit der Mistgabel-schwingenden Ex-Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling und mit Heidi Mund, der „Kreuzritterin“ auf pseudochristlicher Mission gegen den Islam, die in ihrem Fundamentalismus selbst den besorgten Marschierern aus Dresden zu abgedreht daherkommt.

Einen würdigen Abschluss bildet Holm Gero Hümmlers Beitrag „Wie werde ich alternatives Medium?“, der dem telegenen Nachwuchs-Nazi einfallsreiche Wege zum lukrativen Broterwerb in der eigenen Propaganda-Sendung aufzeigt – gegenfinanziert durch Gastauftritte von „Hersteller(n) bizarrer Therapiegeräte, Geomanten, Astrologen, Schwurbler(n) und Schamanen“, die einen guten Preis dafür zahlen, „in einem halbwegs seriösen Rahmen darzustellen, wie wissenschaftlich sie doch sind“.

Völkischer Fremdenhass, spirituelle Spinnerei und schwachsinnige Verschwörungstheorien: In „So werde ich Nazi“ hat alles mit allem zu tun, also fast genauso wie bei den Rechten und ihrer Mär von der engen Korrelation zwischen Flüchtlings- und Terrorwelle, nur eben unter umgekehrten Vorzeichen. Insofern schlägt Schneider die Extremisten mit ihren eigenen Waffen, beweist allerdings auch Nachsicht mit ihrem ewigen Traum vom Deutschen Reich: „Und selbst im Nationalsozialismus war ja nicht alles schlecht. Immerhin hat der Führer am Ende auch Hitler erschossen.“

Jörg Schneider: So werde ich Nazi – Welcher Extremismus passt zu mir? JMB Verlag. Hannover 2017. 172 Seiten, 12,95 Euro.

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