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So gut man eben kann

Deon Meyer nutzt das Genre des Kriminalromans, um von Elend und Gewalt in Südafrika zu erzählen

Krimis ersetzen heute Sozialromane. Zwar gibt es die netten Landhaus-Morde à la Agatha Christie noch und manchmal liest man sie gern, diese pure Ablenkungsliteratur -, doch viele Autoren führen geradewegs ins Herz des Elends ihrer jeweiligen Heimatländer.

In Nordeuropa hat der sozialkritische Krimi seit Sjöwall/Wahlöö eine starke Tradition, anderswo, in Russland etwa, lernt man noch, kein die Verhältnisse beschönigendes Blatt mehr vor den Mund zu nehmen. Und eine Bestsellerautorin wie Elizabeth George nimmt in Kauf, Stammleser zu vergraulen, indem sie in dem im September auf Deutsch erscheinenden "What came before he shot her" ("Am Ende war die Tat", Blanvalet) in wirklich epischer Breite erzählt, welchen desolaten familiären Hintergrund der farbige Junge hat, der im Buch zuvor Chief Inspector Lynleys Frau Helen erschießt.

Der Kinderschänder-Mörder

Es ist eine typische Der-hatte-keine-Chance-Geschichte, und George war recht mutig, als sie sie schrieb. Denn eigentlich ist es nicht mehr in Mode, Verständnis zu haben für Verbrecher mit mieser Kindheit. Eigentlich bewegt sich eher Deon Meyer im Strom der Zeit, wenn er von Selbstjustiz erzählt in einem Land, das Gewalt und Elend in einem Umfang zu bieten hat, von dem wir Europäer uns Gott sei Dank keine Vorstellung machen können: Südafrika. Aber weil wir glauben können, dass südafrikanische Verhältnisse den einen Menschen zum Alkohol, den anderen zu Selbstjustiz treiben, ist "Der Atem des Jägers" ein Buch, das brillant ist in seiner Ambivalenz.

Deon Meyer geht seine Rächer-Geschichte schlau an: Er zeigt, was moralisch fragwürdig daran ist, wenn jemand Kinderschänder umbringt; er lässt aber unseren Stellvertreter im Roman, den Cop, eine gewisse - fast möchte man sagen: Sympathie empfinden für den Mörder. Trotzdem ist stets klar: der Detective (der mit dem Alkoholproblem) wird seine Arbeit machen, so gut er eben kann. Dazu gehört,den Serientäter so schnell wie möglich zu stoppen.

Benny Griessel, seit einigen Romanen schon Meyers saufender Ermittler, versucht dies mit Hilfe eines Lockvogels (auch das moralisch nicht unproblematisch). Eine Prostituierte kommt ins Spiel, mit ihr auch das ganze, leider sehr weite Feld der Kinderprostitution in Südafrika, das eine zusätzliche Hässlichkeit dadurch erhält, dass mancher afrikanische Mann tatsächlich glaubt, sich von Aids heilen zu können, wenn er ein Mädchen entjungfert.

So schließt sich der Kreis zum Sozialroman. Einerseits ist "Der Atem des Jägers" ein fast schon klassischer Polizeikrimi, schließlich ermittelt Griessel (wenn er nicht bei den Anonymen Alkoholikern sitzt) mit der Zähigkeit einer Bulldogge. Und wird von einem besorgten Chef überwacht. Andererseits ist ein dicker Erzählstrang dem Prostituiertenleben und seinen Gefahren gewidmet. Dazu, am Rande, dem Drogenhandel in einer Welt, in der die Reichen sich Heroin leisten, um zu vergessen, die Armen Klebstoff.

Mit Hammet und Chandler ist Meyer verglichen worden. Seine Welt ist dunkel und hart, soweit stimmt der Vergleich; aber unter dieser Härte ist, anders als bei den amerikanischen Kollegen, der fast verzweifelte Wunsch nach Helligkeit und Schönheit zu spüren.

Deon Meyer: Der Atem des Jägers. A. d. Engl. v. Ulrich Hoffmann. Rütten & Loening, 2007, 19,95 Euro.

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