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Simon Werle Theaterstücke Was immer noch gilt

Der Dramatiker Simon Werle stellt in acht Stücken die Antike in neue Kontexte.

13.04.2015 17:04
Peter Iden
Auch Willibald Glucks „Orpheus und Euridike“ kommen von ganz weit her. Szene aus Dieter Dorns Salzburger Inszenierung 2010. Foto: REUTERS

Wie das möglicherweise einmal gewesen ist in den fünf vorchristlichen Jahrhunderten der Glanzzeiten der Philosophie, des Epos, der frühen Tragödien und Komödien der griechischen Antike – es führt kein gerader Weg zurück dahin. Am schwierigsten ist dabei die Vermittlung des Vergangenen für das Medium, das nicht nur seinen Ursprung hatte zur Glanzzeit der Kultur Griechenlands, sondern um deren Vergegenwärtigung heute zwar an keinem Ort kontinuierlich, aber immerhin doch sporadisch bemüht ist: das Theater.

Besonders an den Bühnen weiß man freilich auch am besten: Es gibt keine Wiederkehr. Aneignung der alten Stoffe kann nur sich vollziehen als Anverwandlung, als Versuch, an den von lange her tradierten Stoffen vor Augen zu führen, was daran für uns nachwirkt jetzt noch.

Das ist, wie die Erfahrung mit der zeitgenössischen Theaterpraxis lehrt, eine riskante Wanderung auf schmalem Grat, es droht der Absturz. Nicht willkürlich-sinnfremder Erfindungstrieb selbstherrlicher Regisseure ist nämlich verlangt, vielmehr zunächst einmal die aufmerksamste Einlassung auf den ursprünglichen Gehalt der in den antiken Tragödien verhandelten Mythen wie auf die Strukturen von deren Darstellung. Der auf heute hin die Vorlagen verändernde Eingriff – das beginnt mit dem unumgänglichen Sprachwechsel der Übersetzungen – bedingt bei denen, die ihn vornehmen, die Kenntnis dessen, was da verändert wird. Das ist so naheliegend wie zugleich herausfordernd.

Stoff für acht Stücke

Simon Werle, Jahrgang 1957, hat sich als Autor erzählender Prosa und eigener dramatischer Arbeiten, aber auch als Übersetzer zumal von Racine und Corneille aus dem Französischen sowie von Euripides und Sophokles aus dem Altgriechischen einen Namen gemacht. Während des vergangenen Jahrzehnts hat er dem Kontext von Mythen der griechischen Antike den Stoff für acht Stücke entnommen, die jetzt, herausgegeben von Karlheinz Braun, unter dem Titel „Mythen. Mutanten“ in dem von Braun einst gegründeten Frankfurter Verlag der Autoren erschienen sind.

In diesen dramatischen Entwürfen werden bekannte Motivfelder um Figuren wie Ödipus und Medea, Antigone, Hippolyt, überlagert, durchkreuzt und erweitert durch vor Werle imaginierte Konstellationen und Gestalten. Dazu gehört in Werles gleichnamigem Stück etwa die Figur des Satyrs Marsyas, dem Apollo, weil er den Wettstreit mit dem Gott um das bessere Leierspiel verlor, die Haut abziehen ließ. Die sprechende Statue des Satyrs wird auf einem Friedhof dem Sokrates konfrontiert, ihr Gespräch fragt nach dem, was an Wahrheit bleibt, wenn alles gesagt ist.

In jedem Fall ist es Absicht und Ziel der Mutationen, den Nachweis zu führen, dass die antiken Mythen ein weiter wirkendes Nachleben haben, bis in Zusammenhänge, die uns heute belasten und anhaltend beschäftigen. In seinem Nachwort zu der Ausgabe der Stücke nennt der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann diese Umschriften Werles „das Hineinsprechen der Rede aus der Fremde und Ferne“. An den alten Stoffen von Werle gesucht, gefunden und erschlossen wird, was uns davon nahegeht und betrifft. Wobei die Dringlichkeit der Fragen wechselt.

Die Motive drängen sich

Manchmal sind es der Motive fast zu viele, die sich in einem einzelnen Stück drängen. Das macht die Lektüre mitunter ein wenig mühsam. Womit jedoch der Verfasser durchgängig beeindruckt, sind Kraft und begriffliche Genauigkeit seiner Sprachführung. Dieses Vermögen hatte ihn schon als Übersetzer ausgezeichnet. Es ist jetzt auch eine Qualität der energischen Verschiebungen und eigenen Phantasien, mit denen er die mythischen Stoffe angegangen ist.

Besonders auffällig hinsichtlich des Bezugs auf Probleme unserer Tage, und darum hier hervorgehoben, ist das Stück „Melos. Die Invasion“. Es geht darin um ein Ereignis während des zwischen Sparta und Athen um die Vorherrschaft in Griechenland ausgekämpften Konflikts (431-404 v. Chr.), für das sich Werle auf Passagen aus der von Thukydides überlieferten „Geschichte des Peloponnesischen Kriegs“ stützt. Wenn das Stück beginnt, ist gerade eine Flotte Athens an der Küste der Insel Melos gelandet, deren Bewohner sich bis dahin an den kriegerischen Auseinandersetzungen weder auf der einen, noch auf der anderen Seite beteiligt hatten.

Jetzt soll sich das ändern: Der mit seiner Flotte auf Melos angelangte Abgesandte Athens, Teisias, soll die Inselbewohner dazu bringen, durch Überredung oder durch Gewalt, Verbündete seiner Stadt zu werden. In einem langen, von mehreren Denkpausen unterbrochenen Rededuell trifft er auf Euphrades, den Gesandten der Insulaner, die sich griechischem Einfluss nicht unterwerfen wollen, so wenig wie dem Spartas. Teisias appelliert an die Vernunft seines Gegenübers: Für die militärisch weit überlegenen Athener wäre die Besetzung der Insel ein Leichtes, man solle sich also der Realität, wie diese nun einmal sei, zum eigenen Nutzen fügen. Euphrades hält schon diese Drohgebärde für unerträgliches Unrecht.

Da nun kommt, in aller Ruhe und erstaunlich geschmeidig vorgetragenen Gegenrede des Atheners: Es sei „Schicksalsgesetz“, dass letztlich nur der Stärkere zu bestimmen habe, was Recht sei und was Unrecht. Zu seiner Selbsterhaltung sei immer der Schwächere genötigt, für jede Entscheidung zu bedenken, in welcher Lage er sich dem Stärkeren gegenüber befinde. „Die Schärfe der Waffen schärft auch den Sinn für das jeweils geltende Recht“ – so spricht, auf der Weltbühne wie auch in engeren Räumen, von der Macht, wer die Macht hat.

Weil wir sie vor Augen haben, muss man nach Belegen nicht lange herumsuchen: Soviel hat sich da inzwischen nicht geändert. Auch in den anderen Stücken des Bandes kommt das zur Geltung. Dass ein Theater sich an das eine oder andere heranwagen würde – den Versuch wäre es wert.

Simon Werle: Mythen. Mutanten. Acht Stücke im antiken Kontext. Hrsg. von K. Braun. Verlag der Autoren 2015. 391 S., 22 Euro.

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