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Simon Strauß, Eugen Gomringer Zwangspolitisierte Dichter

Der „Fall Simon Strauß“ und Eugen Gomringers Zeilen an der Hochschul-Fassade in einer Debatte in Berlin.

Leipziger Buchmesse 2017 Schriftstellerin Nora Bossong am 23 03 2017 auf der Leipziger Buchmesse
Die Schriftstellerin und Mitdiskutierende Nora Bossong, hier bei der Leipziger Buchmesse. Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Er habe den Eindruck, dass man eine Gesinnungsprüfung von ihm erwarte, sagt Simon Strauß. Da hat er zum ersten Mal das Wort am Dienstagabend im Aufbau-Haus. Die eng gestellten Stuhlreihen im TAK, dem Untergeschoss des Gebäudes am Berliner Moritzplatz, sind gut gefüllt. „Ja, ich esse Fleisch, ja, ich lese Ernst Jünger, aber nein: Ich habe nichts mit der AfD zu tun. Und nein: Ich glaube, ich eigne mich auch nicht als Posterboy der Neuen Rechten.“

Bei Aufbau erschien im Sommer vergangenen Jahres sein erstes Buch, „Sieben Nächte“. Das hat sich gut verkauft, 31 000 Exemplare sind für ein Debüt sehr viel. Es wurde auch öffentlich stark wahrgenommen. Zunächst in Rezensionen, einige Kritiker waren regelrecht begeistert. Simon Strauß, noch keine 30 Jahre alt, erschien als Repräsentant der Generation, die im vereinigten Deutschland erwachsen wurde.

Der Titel der Diskussion am Dienstag war mit „Über das Politische und das Ästhetische in der Literatur“ nüchtern gewählt. Er hätte aber auch lauten können: „Die Simon-Strauß-Affäre“. Denn Mitte Januar hatte sich, ausgehend von der taz, verhalten aufgenommen vom „Spiegel“, in Pro und Contra zerlegt bei der „Zeit“, der Vorwurf verbreitet, der Autor stünde der Neuen Rechten nahe. Wie heute üblich, beschleunigte sich alles auf Facebook und via Twitter.

Da mischten sich Buchzitate mit Sätzen aus journalistischen Artikeln von Simon Strauß – er ist Redakteur im Feuilleton der FAZ. Hinzu kamen Schnipsel aus einer von ihm angeregten Gesprächsreihe, zu der einmal ein mit der AfD verbundener Verleger eingeladen war. Sogar eine 25 Jahre alte Debatte über seinen Vater Botho Strauß („Anschwellender Bocksgesang“) wurde hineingerührt. „Herr Strauß wird diese Debatte in seinem Wikipedia-Eintrag ewig drin haben“, schätzt der Philosoph Wolfram Eilenberger, „er wird die nächsten zehn Jahre unter dem Verdacht schreiben.“

Eilenberger sitzt vorn neben dem Moderator Knut Cordsen vom Bayerischen Rundfunk, dabei sind ebenfalls die Autorinnen Nora Bossong und Julia Franck. Es geht um Schriftsteller und Gesellschaft an dem Abend, doch ganz anders als noch im November beim Bundespräsidenten. Im Schloss Bellevue wurde aus den Autoren Salman Rushdie, Eva Menasse und Daniel Kehlmann eine Verantwortlichkeit für das Geschehen der Gegenwart herausgekitzelt. Ein solches In-die-Pflicht-Nehmen lehnen die Autoren in der Runde im TAK mehr oder weniger ab. Nora Bossong hat gelegentlich politische Artikel und Essays geschrieben. Julia Franck erzählt, zu Günter Grass’ Zeiten mehrfach um Unterstützung für die SPD gebeten worden zu sein, aber niemals zugesagt zu haben.

„Wenn ich über Politik nachdenke, hat das für mich keinerlei tagespolitischen Aspekt“, sagt Simon Strauß, was bei einem Journalisten, wenn auch befasst mit dem Kulturteil, etwas verwundert. Spricht er nur als Schriftsteller?

Er wird später sagen, dass er es sich selbst eingebrockt habe, wenn sein Buch an seinen Artikeln gemessen würde. „Jede gute Literatur hat auch eine politische Wirkung auf den, der sie liest. Er wird von ihr irritiert und denkt über sein eigenes Wertegerüst nach. Der Eindeutigkeitsanspruch an Literatur ist das Problem.“

Nora Bossong, die sich in ihrem Roman „36,9 Grad“ dem italienischen marxistischen Philosophen Antonio Gramsci nähert, kann nicht in jeder Irritation eine politische Herausforderung sehen, unterstreicht aber den anderen Satz von Strauß: „Die Literatur arbeitet stärker mit dem Paradox als mit der Gleichung.“

Julia Franck, deren Romane, etwa „Lagerfeuer“ oder „Rücken an Rücken“, in die Vergangenheit reichen, will über Wahrnehmung sprechen: „Michel Houellebecq wird politisch gelesen, ist aber gar kein politischer Autor.“ Und sie führt zu einem anderen Aufreger-Thema der vergangenen Wochen: Eugen Gomringers Zeilen an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule. „Dieses Gedicht ist nicht sexistisch. Doch oben an einer Hauswand wirkt ein Gedicht durchaus als Appell und hat einen didaktischen Gestus. Dass Menschen sich davon unangenehm angefasst fühlen, gehört zu dieser Debatte.“ Selbst wenn man täglich Beethovens 9. Sinfonie im Supermarkt höre, könne man sich gestört fühlen. Das sei kein ästhetisches Argument, sondern habe mit der persönlichen Freiheit zu tun, sich Kunst zu nähern. Also fragt Eilenberger, wie politisch Literatur rezipiert werden dürfe, die das nicht unbedingt sein will. Das Gedicht wie das Buch würden unter einen Fokus gestellt, den sie nicht impliziert hatten. Der Moderator schlägt ihm den Begriff „Zwangspolitisierung“ vor, den der Philosoph annimmt.

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