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Sie musste öfter etwas verzeihen

Hans Fallada und seine Frau Anna in Briefen

22.04.2008 00:04
UTA BEIKÜFNER

Die denken alle, der grosse Dichter arbeitet und wagen mich nicht zu stören. Und dabei tut er nischt, aber rein jarnischt als an seine Olle zu schreiben und ein schöner Quatsch steht auch noch in den Briefen oft drin und zur Veröffentlichung sind sie wirklich nicht geeignet. So viel steht fest, bin ich mal tot, an der Rausgabe unserer Briefe können sich unsere Erben nicht gesund machen", schreibt Rudolf Ditzen alias Hans Fallada am 7. Februar 1931 an seine Frau Anna Ditzen.

Wie unrecht er hatte, zeigt die von ihrem Sohn Uli Ditzen herausgegebene Auswahl der Korrespondenz. Denn Falladas Briefe sind nicht nur frisch, frech und unterhaltsam, sie geben auch einen tiefen Einblick in das Wesen dieser Beziehung.

Der Ehebriefwechsel belegt, dass Hans Fallada kein Schriftsteller war, dessen dichterische Begabung sich in der Sprache manifestierte. Die Notwendigkeit zu schreiben, ergab sich für ihn aus dem Stoff, und Stoff boten seine Lebensumstände genug. Als er 1928 in Hamburg Anna Issel kennenlernt, hat er zweieinhalb Jahre Zuchthaus hinter sich. Sie ist eine Arbeiterin und mit ihren siebenundzwanzig Jahren ein spätes Mädchen, er ein Adressenschreiber, der vor seinem Gefängnisaufenthalt alkohol- und morphiumabhängig war.

Seine Eltern raten von der Verbindung ab; er sei zu labil, zu unruhig und zu krank, um eine Familie zu gründen. Anna Ditzen weiß darum, trotzdem hält sie an ihm fest. Unbeirrbar und vorurteilslos gibt sie Fallada den Rückhalt, den er zum Schreiben braucht.

Auch dann noch, als er seine Bucherfolge mit Alkohol und anderen Frauen feiert. "Vielleicht wirst Du mir öfter im Leben etwas zu verzeihen haben", hatte Fallada schon zu Beginn ihrer Beziehung gemutmaßt. Nach dem Motto "ein bisserl Erotik" und ein "bisserl Mitleid" beginnt er bald darauf, seine Frau zu betrügen und es ihr im Tonfall eines unartigen Knaben zu beichten.

Auf dieses Rollenspiel hatten sich die beiden früh geeinigt, eine Woche nach der Verlobung trägt Fallada ihr an, ihn mit den Namen anzureden, den die Mutter einst für den kleinen Jungen hatte: Utemann. Ein Jahr später bittet er sie, ihm nicht nur Frau, sondern auch Mutter zu sein. Und erst in seinem letzten Brief an Anna Ditzen spricht er davon, "endlich ein wenig mehr ein Mann zu werden".

Da ist die Ehe bereits geschieden und Fallada liegt in der Nervenklinik der Berliner Charité, so alkohol- und morphiumsüchtig wie in seiner Jugendzeit, in einem Nachbarzimmer seine zweite Ehefrau, Ulla Losch. Sechs Wochen später stirbt er an einem Herzinfarkt.

Seine Briefe offenbaren, dass Fallada Anna Ditzen ein Leben als Schriftsteller zu verdanken hatte. Er wusste das und kämpfte um diese Ehe mit den Waffen, die er beherrschte, mit Stift und Schreibmaschine. Bis auch sie irgendwann resigniert feststellen muss: "Ich habe erfahren, dass Deine Briefe anders sind als dann Deine Taten." Am Ende schlägt sie seinen Antrag aus, ihn nach dem Scheitern seiner Ehe mit der drogenabhängigen Ulla Losch erneut zu heiraten. Seine Liebe zu Anna Ditzen brachte Fallada gleichwohl wesentlich deutlicher in seinen Romanen zur Sprache. Von den Briefen unübertroffen ist die Zärtlichkeit, mit der er die stark autobiographische Liebesgeschichte zwischen "Lämmchen" und dem "Jungen" in dem Roman "Kleiner Mann was nun" erzählte, der 1932 erschien. Der wurde schnell zum Bestseller und ermöglichte es den Ditzens, ein Haus in Carwitz zu kaufen. Neben den Eheproblemen offenbaren die Briefe, dass Fallada als Landwirt etwas taugte und ein umsichtiger Vater war.

Der Ehebriefwechsel ist kein lückenloses Dokument dieser Beziehung, denn beide schrieben einander nur, wenn sie fern vom anderen waren. Besonders umfangreich ist die Korrespondenz der Ehepartner im ersten Jahr ihrer Beziehung, als Fallada im holsteinischen Neumünster noch als Annoncenwerber und Lokalreporter arbeitete und Anna Issel in Hamburg als Lageristin.

Nachdem die beiden zusammen gezogen waren, schrieben sie einander nur während wiederholter Krankenhausaufenthalte und Erholungskuren.

Dabei sind die Intervalle zwischen den Briefperioden groß. Sie werden mit recht kurz gehaltenen autobiographischen Erinnerungen des Sohnes gefüllt, die eher Stimmungen vermitteln als Informationen und die die Briefe weder zeitgeschichtlich noch biographisch ausreichend verorten.

Innerhalb der Briefe sind Auslassungen nicht ausgewiesen, die Auswahl selbst ist unzureichend begründet. Unklar ist beispielsweise, warum sich kein einziger Brief aus Falladas Zeit als "Sonderführer" des Reichsarbeitsdienstes in Frankreich 1943 im Band befindet. Gibt es die Briefe nicht, oder "passen" sie nicht in dieses Buch?

Erschwerend für die Lektüre kommt hinzu, dass die Ausgabe weder ein Personen- noch ein Werkregister hat. Das ist umso bedauerlicher, als das Werk oft Gegenstand der Briefe ist. Insgesamt schmälert das zwar die Handhabung dieses Briefwechsels, nicht aber seine große Bedeutung.

Hans Fallada /

Anna Ditzen:

Wenn du fort bist, ist alles nur halb. Briefe einer Ehe.

Hrsg. v. Uli Ditzen.

Aufbau Verlag,

518 S., 24,95 Euro.

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