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Shortlist Deutscher Buchpreis 2010 In mutterloser Welt allein

Verkennung, Verzögerung, Verhinderung - eine Kindheit ohne Mutter lässt sich auch vom Erwachsenen nicht abschütteln. Bachmann-Preisträger Peter Wawerzineks Roman „Rabenliebe“ ist Lese- und Lebensstoff.

18.08.2010 17:55
Jürgen Verdofsky
Bachmann-Preisträger Peter Wawerzinek. Foto: dpa

Eine Kindheit ohne Mutter führt in ein Leben ohne Hintergrund. Noch anders als auf den fehlenden Vater folgt der früh verlorenen Mutter ein verschattetes Leben. Kinderheim und Adoption werden zu einer nicht abreißenden Folge von Verkennung, Verzögerung und Verhinderung.

Was wie Rettung erscheint, steht vor dem Hintergrund nicht erkannter Bedrohung. Ein ununterbrochener Strom von Ursache und Wirkung. Das Gefühl der Verlorenheit wirkt in der Tiefe, auch wenn es sich still verhält. Von dieser Stille sollte sich niemand täuschen lassen. Es ist ein unterirdisch brennendes Feuer. Mit Fragen nach Schuld und Verantwortung wie am ersten Tag. Es ist schwer, mit der Überzeugung zu bestehen, dass dieses Leben nicht eindeutig ist, nie sein wird. Schuld und Unschuld erscheinen wie bei Wittgenstein als zwei Seiten derselben Sache, und die Geschichte hält keinen metaphysischen Trost bereit, der das Unerträgliche erträglicher macht.

Peter Wawerzinek hat sich in ein solches Leben vertieft. Es ist sein eigenes. Mit dem Roman „Rabenliebe“ wird er sich von einer „Odyssee in mutterloser Welt“ befreien. Es handelt sich um eine Entladung, wie sie nur ein Lebensstoff auslösen kann. Was sich nach einem furiosen Auftritt in Klagenfurt andeutete, den der 1954 geborene Wawerzinek als diesjähriger Bachmann-Preisträger verließ, mit diesem Roman zeigt er sich nach vielen Umwegen als großer Erzähler. Als Steg-reifdichter „ScHappy“ war er in der Literatenszene des Prenzlauer Berges in den 80ern bekannt – Elke Erb und Adolf Endler gehörten zu seinen Fürsprechern. Doch setzte sein Erkennen erst spät ein und dauert noch an. Ein Klagenfurt-Auftritt vor zwanzig Jahren verrauschte fast unbemerkt.

Eichendorffs Schnee der „Winternacht“, „ich hab nichts, was mich freuet“, wird zur Eintrittsmetapher in ein Kinderunglück, das erst im Rückblick in seinem lebensprägenden Ausmaß erkennbar wird. Fortgesetzte poetische Einsprengsel, mit Namenszeichnung oder ohne, schaffen wie die eingestreuten Meldungen von Kindstötung, Misshandlung und Vernachlässigung ein überzeitliches Netz der Bruchstellen einer Zivilgesellschaft.

Die veruntreute Menschlichkeit

Die Kindheitsbahn des Ich-Erzählers, die einem die Luft nehmen kann, hat nichts Singuläres im Unterholz der frühen DDR. Für eine Flucht in den Westen werden Kinder zurückgelassen. Die Antwort für das Kindeswohl, obschon das eine sehr differierende Formulierung bleibt, heißt dann Kinderheim oder Adoption. Wie weit auch hier die veruntreute Menschlichkeit geht, zeigt Wawerzinek in detailreich ausgeführten Szenen. Es ist die Hölle, auch wenn das Schlimmste erspart bleibt, Misshandlung und die fremde Hand am einsamen Fleisch nur im Ansatz. Der Ausblick auf den Jugendwerkhof, der eigentlichen Strafanstalt für unbotmäßige Kinder und Jugendliche, bleibt Episode.

Was sich hier in drei Kinderheimen an der Ostseeküste im Raum Rostock offenbart, genügt an Bitternis, Einsamkeit und Entgeisterung. Ein Waisenkind wird früh erfahren, dass Leben auch darin besteht, weniger Möglichkeiten zu haben als andere. „Anmarschieren und Abmarschieren, stehen, links um, rechts um… auf Kommando einschlafen, nach dem Erwachen zur Toilette gehen… In drei Minuten auf dem Flur sein.“ Seit August Hermann Francke ist das Waisenhaus auch Kaserne. Ehemalige Volkspolizisten als Erzieher. Der Heimleiter tobt sich mit den Zöglingen am Rasen aus, der nicht etwa bespielt, sondern in Kasernenhof-Pedanterie ausschließlich gepflegt werden soll. Zum Höhepunkt wird der monatliche Weißanstrich der Einfassungssteine. Aber „wirkliche Folter geschieht im Stillen“. Eine bezopfte Erzieherin kommt dem Zehnjährigen nahe, reißt sich rotköpfig los und sagt Sätze wie: „Manche Mamas kommen vorbei, manche nie.“

Doch in der „losen Gemeinschaft der Verlorenen“ gibt es untereinander Freundschaften, Vertrauen, Affinität. Dies wird immer wieder zerstört durch übergangslose Adoptionen. In erstaunlicher Unbekümmertheit werden Kinder adoptiert. Zweimal scheitert das private Erziehungsbegehren an martialischer Engstirnigkeit. Ein dritter Anlauf verschlägt den Zehnjährigen in eine Lehrerfamilie, gute Zensuren geben den Ausschlag. Alles wird nichtig durch die Gewalt des Tadellosen. Der Adoptionsvater ist Mathematiklehrer, Schachspieler und Pilzsammler. Die Adoptionsmutter erzieht nach den Regeln des Freiherrn von Knigge. Eine Spießerhölle. Unverzeihlich bleiben für den Heranwachsenden das Kontaktverbot zu früheren Heimkindern, die Verunglimpfung der leiblichen Eltern und das Verschweigen einer Schwester.

Suchen, ohne finden zu wollen

Wie lange Heim und Adoption noch nachwirken, wenn alles vorbei ist. Vom leiblichen „Muttermangel“ kann sich auch der Erwachsene nicht befreien. Als Grenzsoldat riskiert er fast eine Fahnenflucht, eine völlig unrealistische Szene, einzig, um der Mutter in den Westen zu folgen. Als er lange nach der Wende endlich ihren Aufenthaltsort erfährt, braucht er noch drei Jahre, um ihr dann als 50-Jähriger zu begegnen. Nicht auf direktem Wege. Er kreist sie erst voller Selbstzweifel lange ein. Wenn man jemanden sucht, aber nicht finden will, ist man dann auch nicht überrascht. Wir lernen die in Kindheitstagen idealisierte Traumgestalt gar nicht als Menschen kennen, sondern nur als säumige Mutter.

Die Siebzigjährige ist mehr noch durch Leere als durch Verantwortungslosigkeit gezeichnet. Eine erklärende Überraschung gibt es außer acht weiteren Geschwistern nicht. Die Bereitschaft zum Verstehen, Verzeihen und Vergessen kann sich nicht zeigen. Der Erzähler ist im Begreifen wie geplündert, sein Leben soll eine befreite Richtung nehmen. Dann gibt es auch nichts mehr zu erzählen, weil von der abgestürzten Mutterlinie nur der Schreibzwang bleibt. Große Bücher sind schwer zu beenden. Vom Kraftvektor der Selbstbehauptung, der sich durch das Buch zieht, bleibt am Ende nur ein Erwachsenwerden „in der Mutterlosigkeit daheim“.

Peter Wawerzinek: Rabenliebe. Roman. Verlag Galiani, Berlin 2010, 429 Seiten, 19,95 Euro.

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