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Shortlist 2016 Eva Schmidt: „Ein langes Jahr“

Die österreichische Erzählerin Eva Schmidt meldet sich mit dem Roman „Ein langes Jahr“ zurück und feiert die helllichte Melancholie am Bodensee.

27.04.2016 17:22
Katrin Hillgruber
Eva Schmidt ist mit ihrem Buch „Ein langes Jahr“ die einzige Autorin auf der Shortlist. Foto: dpa

Hilfe kommt aus Bregenz“ ist ein ebenso charmanter wie verworrener Fall betitelt, den Martin Walser einst seinen Bodensee-Detektiv Tassilo S. Grübel bewältigen ließ. Wie verhaltene Hilferufe lesen sich auch manche der 38 Episoden in Eva Schmidts Roman „Ein langes Jahr“, mit dem sich die Bregenzerin als Schriftstellerin zurückmeldet; zuletzt hatte sie 1997 bei Residenz den Roman „Zwischen der Zeit“ veröffentlicht.

Der Handlungsort Bregenz wird im aktuellen Buch zwar nie explizit genannt, aber die geographische Positionierung ist eindeutig: „Fährt man von Norden her, aus Deutschland kommend, auf die Stadt zu, sieht man die östliche Bucht des lang gezogenen Sees. Wenn man Glück hat, ist das Wetter dunstig, die Farben des Wassers, der Stadtsilhouette, auf die man zufährt, und des Himmels darüber hell und zart. Golden schimmern manche Dächer, blitzen in den Sonnenstrahlen, die schwach durch den Dunst dringen, hier und dort auf.“

Die idyllische Stimmung trügt, denn in dieser Prosa herrscht selbst im Sonnenschein helllichte Melancholie. Der Bodensee spielt immer wieder in den Text hinein, bietet ihm eine Gesamtperspektive und Verortung. Der Balkon mit Seeblick ist für Eva Schmidts zumeist einsame Protagonisten vom Kind bis zum Pensionisten oft der einzige Lichtblick inmitten von Alltagsnöten und Mühsalen, denen sie in ihren Siedlungen wie dem sogenannten Steckdosenhaus ausgesetzt sind.

Das Mehrparteienhaus verdankt den Namen seiner Eigentümerin, einer Stromgesellschaft. Beobachtet wird es wiederum von einer alleinstehenden Hundebesitzerin im Haus gegenüber, die durchaus freundliche Reflexionen über die Nachbarschaft anstellt: über die alte Frau Adler, die eines Tages einfach verschwand oder über Maria mit der lauten Stimme, die ihre Wäsche so akkurat aufhängt.

Unter Beobachtung

Eines Tages aber bemerkt die Ich-Erzählerin, eine Fotoreporterin im Ruhestand, dass sie selbst vom Steckdosenhaus aus observiert wird: „Ich fühlte mich wie eine Gefangene. In der Wohnung gegenüber brannte abends nun immer Licht. Die Frau mit den langen Haaren rauchte ungefähr im Dreiviertelstundentakt. Immer stand sie dabei mit dem Rücken zur Balkontür, den Blick geradeaus, direkt auf mein Haus gerichtet.“

Es sind solche stummen Konfrontationen, welche die Perspektive plötzlich umkehren und eine eigenartige Binnenspannung erzeugen. Zunächst nähert sich die Verfasserin ihren Protagonisten wie dem reichen Müßiggänger Tom, dem Dealer Marcel Ritter oder der trinkfreudigen Cora und ihrem zehnjährigen Sohn Benjamin von außen in scheinbar statischen Miniaturen. Doch nach und nach treten die Personen in Beziehung zueinander, wie in Robert Altmans Film „Short Cuts“ ergibt eine kleine Geschichte die andere.

Dadurch dass sowohl aus der „allwissenden“ wie aus wechselnden Ich-Perspektiven erzählt wird, verleiht Eva Schmidt ihrem Episodenroman den Charakter eines Puzzles. So bahnen sich diverse Liebesgeschichten an, die in Gewalt, im Unfalltod einer türkischen Schülerin oder darin enden, dass sich Cora und der wohlsituierte Richard, deren Söhne sich angefreundet hatten, auf Dauer einfach nichts zu sagen haben.

Am unteren Ende der sozialen Skala steht der obdachlose Wolfgang, um den sich die Fotografin eine Zeit lang kümmerte, was er jedoch ablehnte. Nun hat er nur noch mit den Sanitätern zu tun: „Sie lassen sich Zeit, wenn sie ihn holen. Wickeln ihn sorgfältig in die Folie, über deren goldglänzender Oberfläche das blaue Blinklicht des Rettungsautos kreist.“ Das Glitzern der Goldfolie beschreibt die Autorin ebenso distanziert wie das Funkeln des Sees im Sonnenlicht. Die Leserin, den Leser macht das hilflos. Man fühlt sich an die stillen Sensationen in den Werken Peter Bichsels erinnert, die ja – angefangen mit Frau Blum – ebenfalls von Einsamen bevölkert werden.

„Eva Schmidts Welt ist eine, in der scheinbar nichts fehlt – und gleichzeitig alles“, urteilte Peter Hamm 1985 über ihr Debüt „Ein Vergleich mit dem Leben“. Dieser Erzählungsband trug der 33-Jährigen seinerzeit im Literaturbetrieb von Peter Handke bis Alfred Kolleritsch geballte Beachtung ein, gefolgt von Auszeichnungen wie dem Nicolas-Born-Preis und dem Rauriser Literaturpreis. Indes liest sich Eva Schmidts so zurückhaltende wie seismographisch genaue Prosa wie ein Kontrastprogramm zu jeder Form von Publicity.

Die Hunde sind es, denen in „Ein langes Jahr“ ihre uneingeschränkte, zuweilen etwas sentimentale Sympathie gilt: der Albuquerque aus New Mexico, genannt Kerk, der struppige Hemingway alias Hem und die namenlose Hündin der Malerin Karin Brandenburg, in der sich die Autorin – und Besitzerin eines stattlichen Airedale Terriers – möglicherweise ein wenig selbst porträtiert hat.

Nicht von ungefähr liegt Karins Atelier neben einem Hundesalon. Als Benjamin, der Hem für den alten Herrn Agostini ausführen darf, sie besucht, sieht er sich Karins Skizzen an. An dieser Stelle formuliert Eva Schmidt ihr literarisches Programm, das bei aller Dezenz doch so etwas wie Rückversicherung oder Hilfe aus Bregenz verheißt: „Auf den Zeichnungen waren viele Striche. Wenn er ganz nah heranging, sah er ein Wirrwarr aus Strichen, aber sobald er sich ein wenig entfernte, sah er Gesichter und Figuren.“

Eva Schmidt: Ein langes Jahr. Roman. Verlag Jung und Jung, Salzburg und Wien 2016. 212 Seiten, 20 Euro.

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