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Shortlist 2016 Bodo Kirchhoff: „Widerfahrnis“

Erneut und doch wieder überraschend erzählt Bodo Kirchhoff von Liebe und Trauer.

Bodo Kirchhoff beschreibt seine Figuren und deren Lebenswege akribisch - fast wie in Zeitlupe. Foto: dpa

Über Liebe und Trauer zu schreiben, über „Verlangen und Melancholie“ – so der Titel des vorangegangenen großen Kirchhoff-Romans von 2014 –, ist eine Kunst, gerade weil es so viele verspüren und so viele versuchen. Der Frankfurter Bodo Kirchhoff hat sich über Jahre darin ausgebildet und verdichtet seine Fähigkeiten nun in der Novelle „Widerfahrnis“. Dem außeralltäglichen Titel entsprechen die kalkulierte Konstruktion und die sprachlichen Ansprüche des Protagonisten. „Widerfahrnis, das war mehr als die vergessene Heimsuchung – da muss man nur hinhören, muss nur hinsehen, dann ist es die Faust, die einen unvorbereitet trifft, mitten ins Herz, aber auch die Hand, die einen einfach an der Hand nimmt – ein Titel, den er wohl hätte gelten lassen.“

Denn Reither, ein immer noch gutaussehender (im äußerlichen Erscheinungsbild offenbar an Bodo Kirchhoff angelehnter) Mann im Rentenalter und mit einem der pompöseren unter den unauffälligen Nachnamen, hat erst vor einigen Monaten seinen Verlag nebst „Miniaturbuchhandlung“ aufgegeben. Er kann nicht umhin, Emotionen und ihren schriftlichen Ausdruck in Verbindung zu bringen, weiterhin zu lektorieren, vor allem zu streichen. Nullwörter und Unterkringelwörter wie „Mannomann“ und „seltsam“, die er zuvor aber doch hingeschrieben hat. Einerseits holt ihn das ungeschriebene, das unbeschreibliche Leben in „Widerfahrnis“ ein, andererseits erfahren wir dank der Frankfurter Verlagsanstalt nun in Buchform davon. Darüber kann Reither im Kopf nicht hinweggehen, und Kirchhoff findet zu dem außergewöhnlichen Eingangssatz: „Diese Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerreißt, wie man sagt, auch wenn er es nicht sagen würde, nur hier ausnahmsweise, womit hätte er sie begonnen?“

Um sie dann also versuchsweise – und im Kopf, wie gesagt – zu beginnen, indem er als Er-Erzähler von sich erzählt. Diese Doppelbödigkeit, das intensive Erleben im Präsenz und die parallele Reflexion über die adäquate Form dafür – an sich auch nichts Neues unter Schriftstellern, logischerweise –, setzt Kirchhoff geschickt beiläufig ein. Für das Anfangen, während man ums Ende schon weiß, macht die Grammatik, auch wenn Reither später an ihr zweifeln und dem Leben den Vorzug geben wird, ein glasklares Angebot. Futur II: Ich werde geliebt haben. Reithers Vater, begeisterter Leser und Lateiner, hat es ihm freundlich eingebimst.

Nicht ganz unvorhersehbar ist so auch zunächst der Verlauf der zügig voranschreitenden Handlung. Reither hat seinen Verlag nicht direkt aus Altersgründen „liquidiert“. Seine Bekannten staunten, „nur hatte er als Einziger dem Umstand ins Gesicht gesehen, dass es allmählich mehr Schreibende als Lesende gab“. Ja, leise Bitterkeit schwebt über den Dingen. Nun lebt er im Allgäu in einer Wohnanlage, die nun noch nicht direkt ein Altersheim, aber doch ein Alterssitz ist. Die Frau, die eines Aprilabends wie von ungefähr bei ihm läutet, hat ihrerseits einen Hutladen aufgegeben, eine weit antiquiertere Branche als seine. Mit Reithers sprachlichen Vorbehalten kann sie viel anfangen und geht flott darüber hinaus. „Wir sind hier nicht in einem Buch. Wir stehen in Ihrer Wohnungstür.“ Sie rauchen zusammen (wie Schlote – wie wichtig Zigaretten doch einmal waren!). Sie verstehen sich unheimlich gut.

Wie wenig es ist, was die beiden noch zu verlieren haben, wird zunächst nur dadurch klar, dass sie ohne Vertun zu einer gemeinsamen nächtlichen Spritztour in ihrem kleinen Cabrio aufbrechen, aus der eine Reise nach Sizilien wird. Die Unwichtigkeit umzukehren hat etwas Fürchterliches, und so ist es schließlich auch. Vorerst aber ist es auch Freiheit sondergleichen, literarisch eine italophile Roadnovel, seelisch das Erlebnis, zu zweit zu sein mit einer Frau, „die er kaum kennt, aber schon nicht mehr verlieren will“. „Bis auf weiteres unsterblich“, heißt das.

Und ist noch nicht alles. Kirchhoff hat eine Volte zur Hand. Auf Sizilien stößt ein kleines, anscheinend ganz auf sich gestelltes, verwahrlostes Mädchen zum neuen Paar. Beiden geht, aus unterschiedlichen Gründen, ein eigenes Kind ab. Das Mädchen, mit dem die sprachliche Verständigung unmöglich ist, ist geradezu verzweifelt willkommen. Ein Flüchtlingskind könnte es wohl sein, erst später geht der Leserin, aber nicht Reither auf, wie schockierend wenig sich die beiden Erwachsenen dafür interessieren. Nach anfänglichem Zögern denken aber beide darüber nach, ob man es nicht mitnehmen könnte. Zum Schützen und Verteidigen kommt ein durch nichts abgebremstes Besitzergreifen, aber auch das anrührende Erlebnis, auf einmal eine Familie zu sein. Das erste Mal „wir“ und „uns“ sagen, das erste Mal gemeinsam eine Pizza bestellen. Reithers übrigens überhaupt unangenehm festgefügte Vorstellungen lösen sich zunehmend auf. „Wir sind wieder flüssig, sagte er, ein Kinosatz, für den er sich beinahe entschuldigt hätte, aber da hob seine Begleiterin schon einen Daumen, als gäbe es kein Halten mehr an diesem Tag, nicht für die Sprache, nicht für die Gesten, für nichts.“ Natürlich ist es auch erschütternd, wenn das die ganze Haltlosigkeit ist, die ein älteres Paar auf einer Ad-hoc-Reise zustande bringt. Nicht nur Tragödie, auch Ironie steht zur Verfügung.

Kirchhoff ist auch insgesamt klüger als Reither, der lediglich schlaffe Einwände formuliert. „Wir können das nicht so auf uns zukommen lassen“, sagt er. „Doch, Reither. Ich kann es“, sagt seine Begleiterin. Aber warum sagt sie so etwas? Keine Frage kommt über seine Lippen.

Nachher wird Reither unter schwierigen Umständen auf eine afrikanische Flüchtlingsfamilie stoßen, drei Menschen auch sie, eine heilige Familie, eine echte Familie, der Mann – Taylor, und zusammennähen kann er in der Tat – ist für den Überlebenskampf so weit wie möglich gewappnet. Es ist überwältigend, wie Kirchhoff jetzt auf wenigen Seiten das wirkliche Leben vorführt und die Jämmerlichkeit des Familienträumchens, das uns selbst eben noch gerührt hat.

Noch etwas schiebt er ganz am Ende nach. Hätte Reither das als Verleger nicht möglicherweise weglektoriert? Wer sich an Maren Ades Film „Alle anderen“ erinnert, wird vielleicht auch der Meinung sein, dass der Tod gelegentlich die schärfste Präsenz hat, gerade wenn er nicht eigens erwähnt wird.

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